Protestanten in Bayern: Mit Pragmatismus zum Erfolg

Protestanten in Bayern: Mit Pragmatismus zum Erfolg
Die alte katholische Postkartenidylle in Oberbayern bröckelt: In München, der Gastgeberstadt des 2. Ökumenischen Kirchentags (ÖKT), regiert ein Protestant. Und 2,6 Millionen Bayern bekennen sich heute zur evangelischen Landeskirche.

In Bayern gingen in der Vergangenheit die Uhren deutlich anders bei den beiden großen Kirchen, die als Gastgeber des Ökumenischen Kirchentags bundesweit ins Blickfeld rücken. Viele Jahre lang ist die evangelische Landeskirche, die fest auf dem Boden des lutherischen Christentums steht, im Gegensatz zu ihren evangelischen Schwesterkirchen gewachsen. Die beruflichen Chancen in Bayern zogen viele Norddeutsche in den weißblauen Freistaat, was den rund 1.530 evangelischen Kirchengemeiden neue Mitglieder brachte.

Seit 739 prägt der Katholizismus Oberbayern

Die katholische Kirche in der Erzdiözese München und Freising, zu der rund 1,8 Millionen Menschen vor allem in Oberbayern und Teilen Schwabens gehören, kannte lange Zeit keine Erosions-Erscheinungen, kein Abbröckeln an den Rändern. Seit 739, dem Gründungsdatum des Bistums, prägte der Katholizismus Oberbayern.

Wie das Gasthaus gehört die Kirche als fester Bestandteil zum Dorf, kirchliche Feste und teilweise uraltes Brauchtum bestimmen den Lebensalltag der Menschen. Öffentliche Prozessionen gehören zu den hohen Feiertagen, und Statuen von Maria, der Patrona Bavariae, stehen wie selbstverständlich auf den Marktplätzen - nicht nur in München, sondern auch in den übrigen sechs katholischen Bistümern Augsburg, Bamberg, Eichstätt, Passau, Regensburg und Würzburg.

Über Jahrzehnte haben katholische Kirche und Politik vor und vor allem hinter den Kulissen einen engen Doppelpass gespielt. Der katholische Männerverein in Tuntenhausen ist seit 125 Jahren ein Sprachrohr wertkonservativen Gedankenguts, mit enger Anbindung an die CSU.

2,6 Millionen Protestanten

Aber selbst in Oberbayern und München ist die alte katholische Postkartenidylle inzwischen an vielen Stellen von der Realität eingeholt worden. In der Landeshauptstadt, die ihren Namen von den "Mönchen" entlehnt hat, regiert seit Jahren der SPD-Mann Christian Ude, ein Protestant. Die Missbrauchs-Skandale haben die Erzdiözese München und Freising in besonderem Ausmaß getroffen, weil auch so renommierte Einrichtungen wie das Kloster Ettal und seine Schule massiv betroffen waren.

Und auch gehören die Evangelischen inzwischen als feste Größe zum öffentlichen Leben, auch wenn sie in der Münchner Innenstadt noch immer keine eigene Kirche haben. Rund 2,6 Millionen Protestanten bekennen sich heute zur evangelischen Landeskirche. Ihre Kerngebiete in Franken und die alten freien Reichsstädte gehen bereits auf die Reformation zurück.

Mit sichtlichem Stolz verweist die protestantische Minderheit auf ihre bayerischen Lutherstätten, die Kirchengeschichte gemacht haben: In Coburg hat Luther an der Übersetzung von Teilen der Bibel gearbeitet, in Augsburg wurde bei einem Reichstag die "Confessio Augustana" beschlossen, bis heute eine grundlegende Bekenntnisschrift der Lutheraner.

"Schritt nach vorne"

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste sich die eher fränkisch orientierte evangelische Kirche völlig neu ausrichten. Mehrere Millionen Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten fanden in Bayern eine neue Heimat. Diese protestantische Blutauffrischung tat auch der Ökumene gut. In vielen Gemeinden gehört die Kooperation von Katholiken und Protestanten schon längst zur Praxis.

Und die persönliche Nähe des kirchenleitenden Führungspersonals hat für echte ökumenische Weichenstellungen gesorgt. So ist es in kirchlichen Kreisen schon längst ein offenes Geheimnis, dass vor allem das gute Verhältnis des damaligen evangelischen Landesbischofs Johannes Hanselmann zu Kardinal Joseph Ratzinger, dem früheren Münchner Erzbischof und heutigen Papst, den Weg für die Gemeinsame Erklärung der Kirchen von 1999 geebnet hat. Mit dieser Erklärung haben die Kirchen alte theologische Gräben aus der Reformationszeit überwunden.

Ähnlich gut harmonieren der jetzige Landesbischof Johannes Friedrich und sein katholisches Gegenüber, Erzbischof Reinhard Marx. Mit Pragmatismus und Augenmaß wollen sie den bevorstehenden 2. Ökumenischen Kirchentag vom 12. bis 16. Mai zu einem Erfolg machen. Beide Bischöfe sind sich einig, in ihrem Wunsch, dass die Ökumene durch das gemeinsame Christentreffen an der Isar einen "Schritt nach vorne kommt".

epd