Die Uhr tickt: Ölpest bedroht Mississippi-Delta

Die Uhr tickt: Ölpest bedroht Mississippi-Delta
Die US-Regierung hat die Ölpest als Katastrophe "von nationaler Bedeutung" eingestuft. Schon am Freitag wird das Öl an der Küste am Mississippi-Delta erwartet. US-Präsident Barack Obama will den Ölgiganten BP für alle Kosten in die Pflicht nehmen.

Das sagte die Heimatschutzministerin besser und schneller koordiniert werden. Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko wird immer dramatischer: Es fließt täglich fünf Mal mehr Öl ins Meer als ursprünglich angenommen - und die Uhr tickt: Schon für Freitagabend wird damit gerechnet, dass der Ölteppich die Küste des US-Staates Louisiana erreicht.

Deshalb wird inzwischen auch daran gedacht, das US-Militär zu Hilfe zu rufen: Die Regierung in Washington bot Ausrüstung und Personal an. Der Gouverneur von Louisiana, Bobby Jindal, rief den Notstand in seinem Staat aus. Damit können nun rasch Bundeshilfen fließen. US-Präsident Barack Obama will Janet Napolitano, den Innenminister Ken Salazar und die Chefin der Umweltbehörde (EPA), Lisa Jackson, am Freitag in die Krisenregion schicken. Sie sollen sich über die getroffenen Maßnahmen informieren und weiter Druck auf BP ausüben. Derzeit sind 16 Bundesbehörden in die Kontroll- und Schutzmaßnahmen eingeschaltet.

Obama nimmt BP in die Pflicht

Die Ölpest könnte nach Angaben der Küstenwache zu einer der bisher verheerendsten Umweltkatastrophen in der US-Geschichte werden. Obama verlangte vom britischen Ölkonzern BP, alle Mittel im Kampf gegen den Ölteppich einzusetzen. BP müsse und werde sämtliche Kosten zur Bekämpfung der Ölpest übernehmen, sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Robert Gibbs. "BP ist...verantwortlich."

In einem Interview des US-Senders CNN machte BP-Chef Tony Hayward das Unternehmen Transocean für das Unglück verantwortlich. Von dieser Firma hatte BP die Bohrinsel "Deepwater Horizon" geleast, die am Donnerstag vergangener Woche nach einer Explosion gesunken war.

Seitdem tritt das Rohöl in 1500 Meter Meerestiefe aus - wie die US-Behörde für Ozeanographie nunmehr schätzt, sind es täglich etwa 670 Tonnen, die in den Golf von Mexiko gelangen. Es wurde ein drittes Leck entdeckt, aus dem das Öl sprudelt. Tritt weiter Öl in diesen Mengen aus, würde es nur 57 Tage dauern, bis das Ausmaß der «Exxon- Valdez»-Katastrophe erreicht würde - der bisher schlimmsten Ölpest in der US-Geschichte. Bis Mittwoch hatten die Experten dafür noch 260 Tage berechnet.

Mississippi-Delta bedroht

Der Ölteppich erreichte nach Angaben des Senders CNN bis Donnerstagmittag (Ortszeit) an den breitesten Stellen eine Ausdehnung von 72 mal 169 Kilometern. Nach Angaben der Küstenwache war der Film noch etwa 25 Kilometer vom Mississippi-Delta an der Küste von Louisiana entfernt.

Am Mittwoch hatten BP-Experten mit dem Abfackeln des Teppichs begonnen. Es wurde ein erster kontrollierter Brand gelegt. Die Aktion sollte eigentlich am Donnerstag fortgesetzt werden, ungünstiges Wetter verhinderte dies aber zunächst. Das Augenmerk richtete sich zudem verstärkt auf den Schutz der Küste. So hat BP eine Firma angeheuert, die auf die Rettung von Vögeln spezialisiert ist, berichtete die «Washington Post». Zusammen mit Behörden hat der Konzern Barrieren in einer Länge von insgesamt 53 Kilometern in besonders bedrohten Küstenregionen auslegen lassen. An weiteren Barrieren wird mit Hochdruck gearbeitet. Sie sollen den Ölfilm abhalten.

Konteradmiralin Mary Landry von der US-Küstenwache sagte, Vögel an den Stränden würden rechtzeitig verscheucht, wenn der Ölteppich die Küste erreiche. Das solle etwa durch Feuerwerke geschehen. Außerdem wurden in den gefährdeten Regionen der US-Anrainerstaaten - neben Louisiana Mississippi, Alabama, Texas und Florida - fünf Stationen zur Vorbereitung von Schutzmaßnahmen errichtet. "Wir tun, soviel wir können, auf dem Wasser und von der Luft aus", versicherte Eric Swanson von der Küstenwache. "Wir bereiten so viele Optionen vor wie möglich."

BP schiebt Verantwortung weiter

BP-Chef Hayward sagte, vor der Explosion der Bohrinsel habe ein Abdichtkopf versagt. Dabei handele es sich um ein großes Ventil an der Spitze des Bohrlochs, mit dem das Herausfließen von Öl gestoppt werden kann. "Das ist ein absolut zuverlässiger Mechanismus", zitierte CNN den BP-Chef. "Und aus irgendeinem Grund - und wir verstehen noch nicht warum, aber das werden wir nach unseren Nachforschungen und nach staatlichen Ermittlungen - ist er ausgefallen." Weiter sagte Hayward: "Die Verantwortung für die Sicherheit auf der Bohrinsel liegt bei Transocean."

Ein Transocean-Sprecher wollte zunächst zu den Vorwürfen keinen Kommentar abgeben. Der für Sicherheit zuständige Manager Adrian Rose sagte nach CNN-Angaben lediglich, es habe vor der Explosion keine Anzeichen für Probleme auf der Bohrinsel gegeben.

Neben dem Abfackeln, Absaugen und Binden des Öls durch Chemikalien arbeitet BP weiter an der Herstellung einer Stahlkuppel, die über das Bohrloch gestülpt werden soll. Austretendes Öl und Gas könnten darin gesammelt und in einen Unterwasser-Auffangbehälter geleitet werden. Am Freitag wollte der Ölkonzern auch mit dem Bohren eines weiteren Loches beginnen, um die Hauptleitung im Meeresboden zu entlasten. Auch dies ist ein langwieriger Prozess.

dpa