Dust in the Wind: Wenn Urlaubsträume platzen

Dust in the Wind: Wenn Urlaubsträume platzen
Seit einem halben Jahr ist der Amerika-Urlaub geplant. Hotels und Mietwagen sind gebucht und jeder Tag minutiös geplant. Und dann: Asche! Wie es sich anfühlt, wenn Träume platzen.

Vier Mal am Tag wird es spannend, obwohl ich das nicht will. Es gibt mehrere Wege, die Spannung aufzulösen, aber keiner funktioniert. Stattdessen lese und höre ich nur wieder und wieder die böse Schlagzeile "Flugverbot verlängert". Von acht Uhr auf 14 Uhr, dann auf 20, schließlich auf zwei Uhr nachts. Tagelang schon, so ein Vulkan kommt nicht so rasch aus der Puste.

Ich schon eher. Seit einem halben Jahr ist dieser Urlaub in New York geplant, kurz darauf habe ich gebucht. In meinen Terminkalender schrieb ich für den Anreisetag "über den Times Square gehen", einfach so, aus purer Vorfreude. Meine erste Reise überhaupt dorthin, und sie wird nicht pünktlich klappen. Der Flug ist schon storniert worden, ganz Mitteleuropa liegt unter der isländischen Aschewolke. Seien Sie unbesorgt, flötet meine amerikanische Fluglinie in ihrer Mitteilung, wir tun was wir können. Ja, wann fliegt ihr denn wieder und nehmt mich mit? Darüber nur Schweigen und Wartemusik an der Hotline, stundenlang.

"Ich will Amerika"

Ich will kein Geld zurück, sondern Amerika. Selten fühle ich mich so direkt betroffen von den Sondersendungen im Fernsehen wie jetzt. Ramsauer redet, Merkel nimmt den Bus. Ich sitze lustlos und aufgewühlt da. Manchmal ist es Abend, da bete ich für bessere Winde und sanftere Asche am nächsten Tag. Skurrile Pläne wabern in meinem Kopf. Vielleicht umbuchen und in Spanien abheben? Aber wie komme ich am einfachsten nach Spanien, und wer garantiert mir, dass die Aschewolke nicht mitkommt und währenddessen Deutschland frei wird?

Dass wir im Internet-Zeitalter leben, macht die Sache schwerer verdaubar: Die Fakten bleiben dieselben, aber ich kann sie mir durch eine ganze Kohorte von Kommentatoren herunterbeten lassen: bei Spiegel Online, über die ARD, von der BBC. Der Vulkan in jeder erdenklichen Pose, nach rechts rauchend, nach links spuckend, dazu dutzende Flugzeuge am Hangar in Frankfurt, immer neu aufgenommen. Stehzeuge. Und darüber ein sonnestrahlender Himmel – die heimtückische Asche ist nicht zu erkennen.

"Ich klicke"

Ich habe nichts Besseres zu tun als dazusitzen und zu klicken. Das sind Urlaubstage, und ich habe Angst, etwas zu verpassen. Meine Lieblingssachen bleiben im Koffer, der Schein muss gewahrt bleiben. Der Chef erwartet mich nicht, Post und Zeitung sind abbestellt, und das Bedauern meiner Freunde hilft nicht viel. "Bei dir in Frankfurt sieht’s doch fast so aus wie drüben", sagt einer.

Naja, haha. Und drüben steht mein Hotelzimmer leer, das ich natürlich zahlen muss, höhere Gewalt. Mein Kühlschrank hier ist auch leer, war ja alles pünktlich aufgebraucht. Bloß Knäckebrot ist noch da. Ich sage kurz bei meiner Nachbarin Bescheid, dass sie sich nicht über das Licht bei mir wundern soll. Das sind keine Einbrecher, das bin immer noch ich. Ach, Sie wollten fliegen? Na, da drücke ich mal die Daumen...

Die kleinste Hoffnung

Dann sitze ich wieder da, mit Computer, Fernsehen und Telefon. In fünf Tagen wäre ein Platz frei, erschrickt mich plötzlich die Hotline. Ich bin so verwirrt, dass ich fast auflege und die kostbare Gelegenheit verschenke. Ein Mensch, auf einmal? Wieso fünf Tage? Na, wenn es Flüge gibt, dann können Sie in fünf Tagen dabei sein, als Ersatz. Und wir brauchen Zeit, bis alles wieder sortiert ist.

Wenn es Flüge gibt und sie sich sortiert haben. Man ist ja dankbar für die kleinste Hoffnung, die den Times Square näher rücken lässt, vor allem wenn sie mit einem bestimmt klingenden Unterton vorgebracht wird. Da müssen sich doch die Wolken verziehen. Jetzt kann ich die Uhr wieder auf Null stellen.

Was habe ich eigentlich die ganzen Tage über gemacht?


Hendrik Buhrs ist freier Journalist und lebt in Frankfurt am Main.