Streng geheim: Wie sich die Wirtschaft entwickelt

Streng geheim: Wie sich die Wirtschaft entwickelt
In dieser Woche wagen einige Forscher wieder den Blick in unser aller Zukunft: Wie geht es mit der Wirtschaft weiter, wie mit den Arbeitsplätzen? Am Donnerstag übergeben die Experten ihr Frühjahsgutachten der Bundesregierung. Bis dahin herrscht höchste Geheimniskrämerei in Kiel, wo die Ökonomen arbeiten.

Es erinnert an die Papstwahl: Abgeschottet von der Außenwelt ringen deutsche Spitzen-Ökonomen an der Kieler Förde um eine gewichtige Entscheidung. "Adlati", "Helfer", steht auf einem Zettel an einer Tür im Institut für Weltwirtschaft (IfW), "Welt-Ausblick" und "Mittelfristprognose" an anderen. Fremde haben Zutrittsverbot; die weltoffenen Forscher sind zur Geheimniskrämerei verdonnert: Sie schreiben das Frühjahrsgutachten für die Bundesregierung. Am kommenden Donnerstag wird Prof. Joachim Scheide aus Kiel mit Kollegen aus München, Essen und Halle das voller Spannung erwartete Ergebnis in Berlin präsentieren. Kommt die Wirtschaft schneller aus der Krise als erwartet oder nicht?

Der Bericht wird der Politik Fakten und Analysen an die Hand geben, die sie für die Haushaltsplanung und andere Entscheidungen nutzen kann. "Die Bundesregierung hat uns beauftragt und damit das Recht, die Ergebnisse aus erster Hand zu erfahren und nicht aus der Zeitung", sagt Scheide zu der Geheimnishüterei. "Es gab schon mal Lecks, und darüber haben wir uns maßlos geärgert."

Um jeden Satz wird gerungen

Die Forscher schreiben längst am Gutachten-Text, auch wenn die Zahlen nicht endgültig sind. Auch die täglich hereinkommenden Daten müssen noch berücksichtigt werden. In der März-Konjunkturprognose hatte das IfW für dieses Jahr ein Wachstum in Deutschland von 1,2 Prozent in Aussicht gestellt, 1,8 Prozent für 2011. Die OECD sagt der deutschen Wirtschaft für das zweite Quartal 2,8 Prozent voraus.

Zweieinhalb Wochen dauert das Kieler "Ökonomen-Konklave". Um 9 Uhr beginnen die Sitzungen; meist geht es bis in den Abend, manchmal bis Mitternacht. "Wir feilen an einem Text, der circa 100 Seiten lang wird, und da hängt man manchmal eine halbe Stunde an einem Satz", schildert Scheide. "Da ist gute Kondition gefragt." Beim Durchhalten helfen Kaffee, Wasser, Äpfel, Bananen, Weintrauben und Kekse, die in den Fluren des altehrwürdigen Instituts auf Imbisswagen bereitstehen.

Anfangs werteten 40 Forscher die vielen hundert Zeitreihen aus; den "Rest" der Arbeit an der sogenannten Gemeinschaftsdiagnose erledigen rund 20. "Das ist ein Riesen-Rechenwerk", sagt Scheide. "In der Zeitung stehen dann nur ein, zwei Zahlen, aber dahinter steckt natürlich viel mehr, denn es soll ja eine fundierte Prognose sein."

Fragen ohne Ende

Fakten über Geschäftsklima, Auftragseingänge, Einzelhandels- und Industrieumsätze, Arbeitsmarkt, Zinsen, Aktienkurse etc. sind aufzuarbeiten. "Wir betrachten ganz intensiv Deutschland und den Euroraum, müssen uns aber auch darum kümmern, was in den USA, China, Japan oder Indien läuft", sagt Scheide. Es gibt Fragen ohne Ende: "Wie geht es mit Griechenland weiter, der Finanzkrise, dem Ölpreis? Wie ist das Konsumklima im Inland? Sehen die Betriebe eine Wende?".

Auf dem Weg zur Konjunkturprognose stehen viele Hürden: Es gibt unterschiedliche Methoden, Erfahrungen und Temperamente, bei aller Kollegialität auch Wettbewerb zwischen den Instituten. "Jeder kommt mit seinem Modell, und im Verlauf versucht man herauszufinden, wer die besseren Argumente hat", sagt Scheide. "Dann setzt sich ein Modell durch oder man kommt auf einen Durchschnitt der Modelle, weil man alle für gleich gut hält." Beteiligt sind außer dem IfW das ifo Institut München, das IWH aus Halle und das RWI aus Essen, unterstützt von Partnern aus der Schweiz, Deutschland und Österreich.

"Am Ende steht eine Prognose, die bestmöglich fundiert ist, auch wenn sie wahrscheinlich nicht eintritt, weil immer wieder neue Ereignisse auftreten können, die nicht vorherzusehen sind", sagt Scheide. In den letzten Jahren habe man meist recht gut gelegen - mit Ausnahme der Prognose für 2009. "Diesen Einbruch haben wir wie alle anderen Prognostiker auch in dem Ausmaß nicht vorhergesehen."

Prognose in Krisen besonders schwierig

In Krisenzeiten ist die Prognose besonders schwierig, auch Erfahrung ist wichtig. "Ein Modellergebnis ist ja keine präzise Zahl, sondern es gibt eine Unsicherheitsmarge um eine Zahl herum, zum Beispiel zwischen 2 und 6 Prozent. Da muss man sich dann ein Urteil bilden, ob man eher zur Mitte von 4 Prozent neigt oder anhand von Erfahrungen und aktuellen Beobachtungen zu einem höheren oder niedrigeren Wert." Scheide sieht einen gewissen Grundtrend: "Vor einer Rezession sind wir eher etwas zu optimistisch und dann lassen wir uns wiederum vom Ausmaß eines Aufschwungs ein Stück überraschen."

Am zeitaufwendigsten ist der Gutachten-Text. "Man muss pausenlos ringen, Kompromisse machen und auch mal zehn Stunden ohne Pause am Ball bleiben", sagt Scheide. "Wer länger fehlt, kann Pech haben, weil dann ein Text beschlossen wird, den er nicht mehr beeinflussen kann." Immerhin vertreten die Institute unterschiedliche Philosophien, so in der Frage, inwieweit der Staat in die Wirtschaft eingreifen sollte. Bei ihrem Pensum bleibt den Forschern für Small Talk oder ein gemeinsames Glas Wein am Abend kaum Zeit. "Der Freizeitwert dieser Runden war früher größer", sagt Scheide. "Das sind schon harte zweieinhalb Wochen."

dpa