Lange Leitung: Start für die umstrittene Ostsee-Pipeline

Lange Leitung: Start für die umstrittene Ostsee-Pipeline
An diesem Freitag ist offizieller Baubeginn für eine der längsten Unterwasser-Gasleitungen der Welt: die Ostsee-Pipeline von der Bucht von Portowaja bis zur deutschen Ostseeküste von Mecklenburg-Vorpommern. Das Projekt kostet Milliarden - und ruft nicht wenige Gegner auf den Plan.
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Kremlchef Dmitri Medwedew hat diese Woche allen Grund zum Feiern. Mit einem Festakt begehen die russische Regierung und ihre westeuropäischen Partner den Start des größten Energie-Vorhabens in Europa. Fünf Jahre haben die Verfechter des Projekts auf diesen Tag hingearbeitet - allen voran Moskaus Regierungschef Wladimir Putin und sein Freund, Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Schröder wurde kurz nach der verlorenen Bundestagswahl 2005 Vorsitzender des Aktionärsausschusses beim Betreiberkonsortium Nord Stream und wirkt seitdem als oberster Lobbyist des Projekts. Russland ist der größte Erdgasproduzent der Welt und liefert drei Viertel seines Ausstoßes in die EU.

Der Monopolist hat das Sagen

Das russische Unternehmen Gazprom hält als dortiger Versorger das Monopol und ist mit einer 51-prozentigen Beteiligung Mehrheitseigner der Nord Stream AG. Ebenfalls dabei sind die europäischen Energiekonzerne Eon, BASF/Wintershall und das niederländische Unternehmen Gasunie.

Die versprochene Energie-Sicherheit und Unabhängigkeit von Gasproduzenten wie die Ukraine lassen sich die Beteiligten 7,4 Milliarden Euro kosten. Die deutsche Commerzbank und gut zwei Dutzend weitere Geldinstitute finanzieren das Vorhaben. Die verwendeten Stahlrohre werden größtenteils in Mülheim an der Ruhr hergestellt. 

Ende 2011 soll der erste von zwei Strängen in Betrieb gehen. Durch die beiden Leitungen sollen mittelfristig 55 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich gepumpt werden - der Energiebedarf von rund 26 Millionen Haushalten. Damit deckt Nord Stream elf Prozent des gesamten Energiebedarfs in der EU.

Die 1220 Kilometer lange Gasleitung reicht vom russischen Wyborg bis nach Lubmin bei Greifswald. Um Nord Stream mit dem russischen Gasnetz zu verbinden, verlegt Gazprom zudem auf dem Festland eine 917 Kilometer lange Leitung. Von Greifswald aus werden zwei Leitungen in Richtung Süd und West mit einer Gesamtlänge von 850 Kilometern durch Wingas Transport und Eon Ruhrgas gebaut, um an das europäische Netz anzuknüpfen.

Ökologen fragen nach den Folgen

Kritik gab es von Anfang an: Die baltischen Staaten und Polen sowie Umweltschützer machten vielerlei Einwände geltend. Ob in den deutschen Gewässern die Arbeiten für die Trasse wie geplant im Mai beginnen können, ist darum fraglich. Die Umweltverbände BUND und WWF klagen gegen die Baugenehmigung für einen 50 Kilometer langen Abschnitt vor der Anlandestation.

Im flachen Greifswalder Bodden soll die Leitung nicht auf dem Meeresboden verlegt, sondern mit Rücksicht auf die Pflanzen- und Tierwelt eingegraben werden, beschwichtigen die Betreiber. Sie verweisen auch darauf, dass Nord Stream die Rohre erst nach der Heringslaichsaison verlege - diese kleine Entgegenkommen sei das Mindeste, was zu erwarten war, gibt Iris Menn von Greenpeace zurück.

17 Millionen Tonnen Salz

Die Saison dauert ohnehin bis Mitte Juni. "Unsere Meinung zu dem Projekt hat sich in der Zwischenzeit nicht verändert", bekräftigt die Meeresbiologin gegenüber evangelisch.de. Die Pipeline stelle einen "extrem starken Eingriff" in das Ökosystem Ostsee dar. Außerdem gebe es dort nicht nur Heringe. Der ohnehin bedrohte Dorsch und die wenigen hundert verbliebenen Schweinswale seien ebenso betroffen.

Außerdem das Problem der Übersalzung: Als riesiges Gasdepot in der Nähe des Pipeline-Ursprungs soll ein Salzstock mit einer Tiefe von bis zu 1000 Metern dienen. Beim Ausspülen des Salzstocks sollen 17,6 Millionen Tonnen Salz anfallen und in die von Natur aus salzarme Ostsee gelangen. Viele Lebewesen sind aber auf einen ganz bestimmten Salzgehalt angewiesen, um zu überleben. Die Einleitung "wird die Fauna lahmlegen", prophezeit Iris Menn.

"Todeszonen" in der Ostsee?

Der WWF geht zusätzlich von 53.000 Tonnen Stickstoff und 12.000 Tonnen Phosphat aus, die durch die Bauarbeiten anfallen, was einer immensen Überdüngung gleichkomme. Es drohten "neue Todeszonen", befürchtet Jochen Lamp, der für den Umweltverband das Mega-Projekt begleitet. Er verlangt: Bei den Ausgleichsmaßnahmen für die beim Pipeline-Bau unvermeidlichen Umweltschäden müsse Nord Stream nachbessern, etwa durch Renaturierung in anderen Bereichen der Ostsee.

Die Klage soll Mitte Mai entschieden werden. Er sei, so der Umweltschützer zu evangelisch.de, dafür "weiterhin zuversichtlich". Zumal aus seiner Sicht eines feststeht: "Wenn die Baugenehmigung erst einmal erteilt ist, wird für die Umwelt nichts mehr unternommen."

Ihre eigenen Chancen vor Gericht schätzt Gegenseite erwartungsgemäß anders ein: "Wir sind davon überzeugt", sagte Nord-Stream-Sprecher Steffen Ebert der Deutschen Presse-Agentur, "am 15. Mai auch im Wasser starten zu können." 

(mit Material von dpa)  


Thomas Östreicher ist freier Journalist in Hamburg und Frankfurt.