Befristete Arbeitsverträge: "Keine spanischen Verhältnisse"

Befristete Arbeitsverträge: "Keine spanischen Verhältnisse"
Johannes Giesecke ist Wissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Eines seiner Forschungsgebiete: Arbeitsmarktsoziologie. evangelisch.de sprach mit ihm über befristete Arbeitsverhältnisse und die Auswirkungen auf den Einzelnen und die Gesellschaft.

evangelisch.de: Die Statistik der Bundesagentur für Arbeit sagt, rund zehn Prozent der Arbeitnehmer haben befristete Arbeitsverhältnisse. Bei Neueinstellungen sind 47 Prozent der Verträge befristet. Sind befristete Anstellungen mittlerweile typisch auf dem Arbeitsmarkt?

Johannes Giesecke: Grundsätzlich werden befristete Arbeitsverhältnisse unter dem Begriff atypisch gefasst. Allerdings kann man darüber diskutieren, ob ein Anteil von rund 10 Prozent der Arbeitnehmer schon etwas Typisches über den Arbeitsmarkt sagt. Die Befristung bei Neueinstellung sollte man ernst nehmen, aber auch nicht überinterpretieren. Denn man darf nicht vergessen, dass es sich bei den Zahlen nicht um personen-, sondern einstellungsbezogene Quoten handelt. Das heißt zwar: Ungefähr die Hälfte aller neuen Verträge sind befristet. Das bedeutet aber auch, dass alle Personen, die zum Beispiel für einen Monat befristet sind und dann einen befristeten Nachfolgevertrag bekommen, dazu zählen. Letztendlich ist also nicht jede zweite neu eingestellte Person befristet, weil es Mehrfachbefristungen gibt. Trotzdem ist ein Trend zu erkennen, dass Befristungen ein wenig häufiger verwendet werden, allerdings nicht übermäßig.

evangelisch.de: Wie sieht es im Vergleich mit dem Ausland aus?

Giesecke: Im europäischen Vergleich sieht das ganz anders aus. Polen liegt die Quote bei etwa 25 Prozent. In Spanien haben rund ein Drittel der abhängig Beschäftigten einen befristeten Vertrag. Bei jungen Arbeitnehmern sind es in beiden Ländern sogar über 60 Prozent. In Deutschland liegt die Quote bei den jungen Leuten bis 25 Jahre, ohne die Auszubildenden mitzurechnen, bei 30 Prozent. Wir sind noch lange nicht bei spanischen Verhältnissen ankommen. Dort kann man tatsächlich von einem gesamtgesellschaftlichen Problem sprechen.

evangelisch.de: Läuft Deutschland denn Gefahr, in solche Verhältnisse zu rutschen?

Giesecke: Nein. Wenn man sich die Entwicklung der vergangenen 25 Jahre anschaut, sieht man, dass es nur eine leichte Zunahme der Befristungen gegeben hat. Das hat wiederum Gründe in der Qualifikation. In Deutschland haben wir einen relativ großen Anteil an Arbeitnehmern, die fachlich gut qualifiziert sind. Solche Leute wollen die Unternehmen in der Regel binden. Das wird auch in der Zukunft so sein, insbesondere wenn man den Fachkräftemangel in Deutschland berücksichtigt.

Dramatisierung?

evangelisch.de: Wird das Thema befristete Arbeitsverhältnisse überdramatisiert?

Giesecke: Das würde ich nicht sagen. Es ist schon wichtig, dass man darüber redet. Aber das befristete Arbeitsverhältnis ist kein Schreckgespenst, das auf dem deutschen Arbeitsmarkt herumgeistert.

evangelisch.de: Wer ist denn von der Befristung betroffen?

Giesecke: In Deutschland gibt es eine bipolare Verteilung: Die wenig Qualifizierten und die hoch Qualifizierten haben besonders hohe Befristungsquoten. Dabei müssen sich die Hochqualifizierten keine Sorgen machen, denn die Statistik zeigt, dass sie in der Regel einen unbefristeten Job finden. Das Problem sind eher die gering Qualifizierten.

evangelisch.de: Warum?

Giesecke: Die Befristung wurde mit dem Argument eingeführt, Menschen aus der Arbeitslosigkeit Zugang zum Arbeitsmarkt zu verschaffen. Was man aber feststellen kann ist, dass den Problemgruppen des Arbeitsmarktes – den Jungen, den Frauen, den schlecht Ausgebildeten und den ausländischen Arbeitnehmern – die befristeten Arbeitsverträge nur bedingt als Sprungbrett dienen. Oftmals ist es eine Drehtür: Befristete Beschäftigte haben ein höheres Arbeitslosenrisiko, aber auch das Risiko, erneut befristet beschäftigt zu werden, ist höher. Daran sieht man, dass das Problem nur von Arbeitslosigkeit in eine andere prekäre Situation verschoben wurde. Gleichzeitig deutet einiges darauf hin, dass die Arbeitgeber vielfach keine neuen Stellen durch die Befristung geschaffen sondern bestehende unbefristete Stellen in befristete Arbeitsverhältnisse umgewandelt haben.

evangelisch.de: Was kann die Befristung für den Einzelnen bedeuten?

Giesecke: Einerseits ergeben sich wirtschaftliche Probleme. Studien zeigen, dass befristet Beschäftigte weniger verdienen und ein höheres Arbeitslosigkeitsrisiko haben als vergleichbare unbefristete Arbeitnehmer. Ein weiteres Problem ist die Betriebsrente, weil befristet Beschäftigte dabei häufig nicht berücksichtig werden. Andererseits wirft es psychische Probleme – Angst und Unsicherheit – auf, wenn man nicht weiß, wie es weiter geht.

Gesellschaftliche Folgen

evangelisch.de: Welche gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen haben befristete Arbeitsverhältnisse?

Giesecke: Wenn ein Teil der beschäftigten Arbeitnehmer unter Angstzuständen lebt, hat das natürlich Auswirkungen auf eine Gesellschaft. Folgekosten durch Krankheit beispielsweise. Eine andere Frage ist, in wieweit Kurzfristigkeit bei der Beschäftigung so etwas wie Weiterbildung und lebenslanges Lernen verhindert. Denn Unternehmen investieren eher in die Bildung ihrer fest angestellten Arbeitnehmer. Zu kurzfristige Beschäftigungsverhältnisse können auch dazu führen, dass ein Arbeitnehmer noch nicht einmal einen Anspruch auf ALG I aufbaut, wenn er weniger als ein Jahr beschäftig ist, so dass er auf Hartz IV zurückfällt und somit eine Armutsfalle geschaffen wird. Außerdem könnte man die Frage nach der Generationenungerechtigkeit stellen, weil ein Großteil der Befristungen junge Arbeitnehmer trifft.

evangelisch.de: Welche Effekte haben befristete Arbeitsverhältnisse auf die Familienplanung?

Giesecke: Studien haben tatsächlich gezeigt, dass keine Zusammenhänge zwischen befristeten Arbeitsverhältnissen und Familienplanung nachweisbar sind. Allerdings hat auch Arbeitslosigkeit Auswirkungen auf die Familiengründung – interessanter Weise unterschiedliche in Ost- und Westdeutschland. Im Westen hat die Arbeitslosigkeit des männlichen Partners einen negativen Effekt auf die Familiengründung, sie wird hinauszögert. Im Osten ist es die Arbeitslosigkeit der Frau, die negative Auswirkungen hat. Da Befristungen der Arbeitsverhältnisse jedoch häufiger zu Arbeitslosigkeit führen, könnte sich daraus ein indirekter Effekt von befristeten Arbeitsverhältnissen für die Familiengründung ergeben.
 


Maike Freund ist freie Journalistin und lebt in Dortmund.