Missbrauch in der Entwicklungshilfe

Missbrauch in der Entwicklungshilfe
Sie sind zum Helfen in den Ländern des Südens, doch manche von ihnen vergehen sich an Mädchen und Jungen. Nur wenige Fälle von Kindesmissbrauch durch Entwicklungshelfer werden bekannt. Das Problem ist jedoch weit verbreitet. "Keine Organisation, die mit Kindern arbeitet, kann Missbrauch ausschließen", betont Barbara Dünnweller, Kinderrechtsexpertin bei der Kindernothilfe.

"Es gibt eine hohe Dunkelziffer." Um dagegen anzugehen, brauche es ein Bewusstsein, erklärt Barbara Dünnweller: "Gerade durch die aktuelle Diskussion ist noch klarer geworden, dass man da etwas tun muss."  Die Kindernothilfe ist sich des Risikos bewusst: "Man kann nicht ausschließen, dass etwas passiert ist, von dem wir nichts wissen", sagt die Kinderrechtsexpertin. Bislang kam nur 2003 ein Fall in Südindien ans Licht. Doch mit strengen Verhaltensrichtlinien für die eigenen Mitarbeiter und die der Partnerorganisationen in den Entwicklungsländern soll die Gefahr eingeschränkt werden. "Ein Kodex ist aber keine Garantie, dass nichts mehr passiert."

Vor Ort brauche es eine klare Zuständigkeit in den Projekten und eine externe Ansprechperson für Opfer. Zudem muss nach Aussagen Dünnwellers geregelt werden, wie die Opfer betreut werden und welche Schritte nach einem Verdacht eingeleitet werden.

Entscheidend ist außerdem, die Kinder selbst zu stärken, darin sind sich die Experten einig. "Man muss die Kinder über ihre Rechte aufklären und ihr Selbstbewusstsein über die pädagogische Arbeit fördern", sagt Dünnweller. "Man muss sie darüber aufklären, was Missbrauch ist, dass sie zum Beispiel auch nicht geschlagen werden dürfen."

Kinderhilfswerke sind ein attraktives Umfeld für Täter

Vor allem in Gesellschaften, in denen Kinder großer Gewalt ausgesetzt sind, dürfte das schwierig sein. So wie in Indien, wo laut Familienministerium 53 Prozent der Minderjährigen im Laufe ihrer Kindheit einmal missbraucht werden. Pädophile Entwicklungshelfer haben dort ein leichtes Spiel.

Gerade Organisationen, die mit Kindern arbeiten, seien ein attraktives Umfeld für potenzielle Täter, gibt Maya Dähne vom Hilfswerk "Save the Children" zu bedenken. "Kinder und Frauen rechnen nicht damit, dass ausgerechnet in den Kirchen und Hilfsorganisationen sowas passiert." Die Täter fühlten sich durch das Umfeld geschützt.

Die britische Sektion von "Save the Children" veröffentlichte 2008 eine Studie zum Thema. Dabei kam heraus, dass vor allem Waisenkinder und solche Minderjährige, die von ihren Eltern getrennt wurden, in Gefahr sind. Für Mädchen ist das Risiko höher als für Jungen. Die allermeisten Täter sind Männer. Je mehr die Kinder von Hilfe abhängen, desto gefährdeter sind sie.

Opfer werden stigmatisiert

Dabei bleibt laut Studie die überwältigende Mehrheit der Übergriffe ungemeldet und unbestraft. "Der Bericht ist nur die Spitze des Eisbergs", betont Dähne. "Es ist ganz schwierig, das Schweigen zu brechen." Die Kinder und auch ihre Familien hätten Angst. Entwicklungshelfer stellten eine Autorität dar, und die Opfer würden stigmatisiert. "Die Kinder denken, sie haben etwas falsch gemacht, deshalb sei es ihnen passiert."

Auch bei "Save the Children" hat es Missbrauch gegeben. Der Bericht nennt für 2007 insgesammt 15 Verdachtsfälle. Davon waren acht eigene Mitarbeiter und sieben von Partnerorganisationen. In drei Fällen bei "Save the Children"-Angestellten bestätigte sich der Verdacht, die Täter wurden entlassen. "Eine 100-prozentige Sicherheit kann es nicht geben", sagt Dähne. Auch hier sollen strenge Kinderschutzregeln die Gefahr eindämmen.

Bundesinnenministerium sieht Handlungsbedarf

Um ihren knapp 120 Mitgliedern Hilfestellung bei solchen Regelwerken zu geben, hat der Verband Entwicklungspolitik (VENRO) einen Verhaltenskodex erstellt. Konkrete Handlungsanleitungen sollen in Kürze folgen. Einige Mitglieder wie die Christoffel Blindenmission, terre des hommes und die Kindernothilfe haben bereits ausgefeilte Materialien, erläutert VENRO-Vorstand Ralf Tepel. Davon könnten andere Organisationen profitieren.

Auch das Bundesentwicklungsministerium sieht Handlungsbedarf. "Wir fangen jetzt in Zusammenarbeit mit VENRO einen Prozess an, an dessen Ende handfeste Kriterien und Instrumente für die Projektbewilligung stehen sollen", sagt Christiane Bögemann-Hagedorn vom Ministerium. Auslöser war der Fall des Jesuitenpaters Bernhard Ehlen, Gründer und Vorstand der Hilfsorganisation "Ärzte für die Dritte Welt", der im Februar gestand, einen sexuellen Missbrauch begangen zu haben. Daraufhin legte das Ministerium einen Teil der Zuschüsse für die Organisation auf Eis.

epd