"100 Jahre epd sind 100 Jahre Entwicklung"

"100 Jahre epd sind 100 Jahre Entwicklung"
Der Evangelische Pressedienst (epd) ist 100 Jahre alt. Im Interview wirft Chefredakteur Thomas Schiller einen Blick auf die Geschichte und Kompetenzen der ältesten deutschen Nachrichtenagentur.

evangelisch.de: Der epd ist 100 Jahre alt. Was hat die Kirche bei der Gründung bewegt, einen Pressedienst ins Leben zu rufen?

Thomas Schiller: Der epd ist ein Kind seiner Zeit. 1910, im ausgehenden Kaiserreich, gewann die Arbeiterpresse an Einfluss. Die Evangelische Kirche war damals sehr konservativ und eng mit den deutschen Herrscherhäusern verbunden. Mit einem eigenen Pressedienst sollte ein kirchliches Gegengewicht zur Arbeiterpresse geschaffen werden.

evangelisch.de: Vor dem Hintergrund sinkender Kirchensteuereinnahmen stellt sich natürlich die Frage, wofür die Kirche heute noch eine eigene Nachrichtenagentur braucht?

Schiller: Der epd hat sich bewährt. Die Agentur transportiert Themen in die Zeitungen und Sender, die dort sonst nicht so stark vertreten wären. Dazu zählen natürlich kirchliche Themen aber auch die Berichterstattung über Soziales, Entwicklungspolitik und Medien. Die Agentur hat sich auch aus Sicht der Kunden bewährt. Mit Hilfe des epd ist es besser möglich, eine spannende Tageszeitung oder eine gut informierte Nachrichtensendung zu gestalten. Wir verbreiten viele Meldungen, die andere nicht im Angebot haben.

Hart umkämpfter Markt

evangelisch.de: Der Markt der Nachrichtenagenturen in Deutschland ist hart umkämpft. Was unterscheidet den epd von anderen Agenturen?

Schiller: Unsere Stärke ist unser Profil. Wir haben ein Themenspektrum, das nicht alles abdeckt, was die großen Agenturen in Deutschland machen – etwa Wirtschaft und Sport. Aber wir haben die besondere Fachkompetenz, auch hinter die aktuelle Meldung zu gucken und dadurch wesentlich dichter an Menschen und Geschichten dran zu sein. Ein Beispiel: Wir melden nicht einfach, wie viele Hartz-IV-Empfänger es in Deutschland gibt sondern schauen auch, wie es einer Familie geht, die mit diesen Leistungen leben muss. Und wir melden nicht nur, dass es irgendwo eine Katastrophe gegeben hat, sondern schauen sechs Monate später nach, wie sich die Lage in der entsprechenden Gegend entwickelt – wenn die Medienkarawane längst weitergezogen ist.

evangelisch.de: Was unterscheidet eine epd-Meldung konkret von einer dpa-Meldung zum gleichen Thema?

Schiller: Im Zweifel gibt es gar keinen Unterschied, weil der epd genauso professionell, schnell und unabhängig arbeitet wie die großen Agenturen auch. Zudem hält sich auch der epd an die klaren Standards, an die sich alle Agenturen halten. Unterschiede gibt es vor allem in der Themenauswahl und in der Tiefe unserer Geschichten.

evangelisch.de: Bei allen Erfolgen, muss sich der epd noch verbessern?

Schiller: Der epd verbessert sich permanent. 100 Jahre epd-Geschichte ist auch 100 Jahre Entwicklung. Wir werden künftig mehr multimediale Angebote machen müssen, weil sich die Medienlandschaft in diese Richtung entwickelt. Wir gehen den Weg mit, den unsere Kunden, die Tageszeitungen und Rundfunkanbieter in Deutschland, gehen. Übrigens werden wir im Internet bereits schon jetzt intensiv genutzt. Neben Portalen wie evangelisch.de und jesus.de nutzen unter anderem heute.de, Welt Online oder auch Bild Online unsere Meldungen.

Angebot für säkulare Medien

evangelisch.de: Richtet sich der epd stärker an den Bedürfnissen der nicht-kirchlichen Medien aus oder wollen sie vor allem ein Angebot schaffen, dass Kirchenmedien nutzen können?

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Schiller: Unser klarer Auftrag sind sie sogenannten säkularen, also die nicht-kirchlichen Medien. Dort sind wir sehr gut aufgestellt und erreichen zwei Drittel aller deutschen Tageszeitungen. Das entspricht einer Leserschaft von 37 Millionen Menschen jeden Tag. Wir beliefern zudem alle öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland und verschiedene Internetportale. Auch wenn der Fokus eindeutig ist, zählen aber natürlich auch kirchliche Medien zu unseren Kunden.

evangelisch.de: Eine kirchliche Nachrichtenagentur könnte dem Vorwurf ausgesetzt sein, nicht unabhängig zu berichten, sondern Werbung für die Kirche zu machen. Ist an einem solchen Verdacht etwas dran?

Schiller: Der epd hat das kritischste Publikum, das man sich denken kann: die Redaktionen der deutschen Tageszeitungen und Rundfunksender. Wenn die Kollegen dort den Eindruck bekämen, der epd würde reine Kirchen-PR machen, würden sie sofort auf uns verzichten. Das tun sie aber nicht. Der epd hat aktuell den höchsten Kundenstand in seiner nun 100-jährigen Geschichte.

Schatten der Vergangenheit

evangelisch.de: Die Geschichte des epd ist sehr bewegt. Nicht alles ist rühmlich. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg hat sich der epd auch für die Propaganda der Machthaber einspannen lassen. Wie geht der epd mit diesem Teil seiner Geschichte um?

Schiller: Offensiv! Im Gegensatz zu anderen Unternehmen haben wir sehr kritisch und aus eigener Kraft unsere eigene Geschichte vor allem in der Zeit des Nationalsozialismus aufgearbeitet. Wir mussten eingestehen, dass der epd in dieser Zeit auch nicht viel besser war als viele andere deutsche Medien, die sich von dem völkischen Bazillus hatten infizieren lassen. Wir mussten aufräumen mit dem Mythos, dass der epd von den Nationalsozialisten verboten worden sei. Dass der epd 1941 eingestellt wurde, hatte vermutlich viel mehr mit dem damals herrschenden Papiermangel zutun. Ebenso kritisch sind wir mit unserer Geschichte in der Zeit des Ersten Weltkriegs umgegangen, in der der epd sehr kaisertreu war und forsche Kriegspropaganda mitbetrieben hat. Diese unrühmlichen Kapitel verbergen wir nicht. Der epd ist eben auch Teil der deutschen Geschichte in den vergangenen 100 Jahren.

evangelisch.de: War diese Aufarbeitung vielleicht sogar insofern heilsam und hilfreich, als dass der epd heute mehr Distanz zu den Mächtigen hält?

Schiller: Ich glaube, es ist immer hilfreich, sich mit seiner eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Es stärkt die eigene Professionalität und Unabhängigkeit, wenn man weiß, wo man herkommt und wo man hin will. Und wenn man sich bewusst macht, welche Fehler man gemacht hat und was man daraus lernt.

evangelisch.de: Was sind aus Ihrer Sicht die besonderen Höhepunkte in der Geschichte des epd?

Schiller: Der epd hat in 100 Jahren eine ganze Reihe von Höhepunkten erlebt. Aus den 80er Jahren etwa ist die Berichterstattung des epd über die DDR in den 80er Jahren erwähnenswert. Unser damaliger Korrespondent Hans-Jürgen Röder war ganz dicht dran an den Aktiven in der Kirche, die ja dazu beigetragen haben, dass die DDR letztlich zusammengebrochen ist. Wir sind traditionell stark in Fragen der Entwicklungs- und Sozialpolitik. Ein weiterer Höhepunkt war sicherlich die Enthüllung des ARD-Schleichwerbeskandals durch unseren Kollegen Volker Lilienthal. Aber der epd lebt davon, jeden Tag kleine Höhepunkte zu liefern.

Zukunft des Agenturgeschäfts

evangelisch.de: Das Kerngeschäft ist die Nachricht. Es gibt Menschen, die behaupten, durch das Internet verliere die einzelne Nachricht an Wert, da sie überall umsonst verfügbar sei. Hat das Agenturgeschäft noch Zukunft?

Schiller: Vieles, was man im Internet findet, geht letztlich auf Agenturmeldungen zurück. Was aus der Netzgemeinde kommt, ist sehr häufig Meinung und sehr selten Nachricht.

evangelisch.de: Wenn sie drei Wünsche hätten, was würde der Chefredakteur seiner Agentur wünschen?

Schiller: Ich wünsche dem epd, dass er weiter kritisch und unabhängig sein Geschäft betreibt, aber dass er auch weiß, wo er herkommt und wohin er geht. Das Wort "evangelisch" in unserem Namen ist auch eine Verpflichtung. Ich wünsche der Agentur, dass sie weiterhin so viele gute und kreative Kolleginnen und Kollegen in ihren Reihen hat, denn nur sie ermöglichen die besonderen Leistungen des epd. Und ich wünsche dem epd, dass diese Leistungen auf dem deutschen Medienmarkt weiterhin so anerkannt werden wie bisher.


Dr. Thomas Schiller ist Chefredakteur der Zentralredaktion des Evangelischen Pressedienstes.

Der vor 100 Jahren gegründete Evangelische Pressedienst (epd) ist eine unabhängig arbeitende Nachrichtenagentur, die von der evangelischen Kirche getragen wird. Rund 80 fest angestellte Redakteure in mehr als 30 deutschen Städten recherchieren und schreiben für den epd. Der epd unterhält Korrespondentenbüros in Berlin, Brüssel und Genf. Hinzu kommen freie Korrespondenten auf allen fünf Kontinenten.

Die Zentralredaktion hat ihren Sitz in Frankfurt am Main, die acht Landesdienste decken alle Regionen in Deutschland ab. Die Träger der Zentralredaktion und der Landesdienste sind bundesweit in der epd-Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen.

Neben den tagesaktuellen Nachrichten liefert der Evangelische Pressedienst zuverlässige Hintergrundinformationen für Fachleute in Medien, Kirche und Politik. Branchenexperten und Entscheidungsträger erhalten ihre Informationen aus den epd-Fachdiensten: epd medien, epd Film, epd Dokumentation und epd sozial.