Wie Twitter und Co. Kongresse beherrschen

Wie Twitter und Co. Kongresse beherrschen
Twitter, der nicht mehr ganz so neue Web2.0-Schrei, hat mit einiger Verzögerung nun auch gestandene Lokalredakteure infiziert. Was das bedeutet, lässt sich auf Kongressen leicht beobachten.

Die Medienbranche steckt in der Krise. So wird es in diesen Tagen zumindest oft und gerne behauptet. Beim diesjährigen Forum Lokaljournalismus will man das nicht so recht glauben. Als Veranstaltungsort für die Eröffnung viel die Wahl auf das oberste Stockwerk eines elegant aussehenden Bürogebäudes mitten in der Dortmunder Innenstadt. Junge Damen nehmen einem im Foyer den Mantel ab und drücken anschließend im Fahrstuhl den Etagenknopf. Ein paar Sekunden und rund hundert Meter höher trifft man sie dann: Viele Herren und einige Damen zum Teil im fortgeschrittenen Alter, adrett gekleidet und mit aufmerksamem Gesichtsausdruck.

Die Chefredakteure und Verleger von Deutschlands Lokalzeitungen erzeugen hier über den Dächern von Dortmund gemeinsam mit den geladenen Medienexperten ein beruhigendes Gemurmel. Ein bisschen soll es wohl wie in der großen weiten Welt sein: Exklusiv, gediegen und über den Dingen. Ein junger Kollege will mit seiner internetfähigen HD-Kamera die sitzende Menschenmenge filmen, bevor er in einem gefährlich verwackelten Schwenk die nächtlichen Lichter Dortmunds einfängt. Löschen, nochmal.

Es wird langsam ruhig, denn Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers schreitet zum Rednerpult. "Hat man über Sie schon mal getwittert? Über mich wird so einiges getwittert." Ein erster Lacher, dann ist es auch schon wieder vorbei mit der Ruhe. Twitter, der nicht mehr ganz so neue Web2.0-Schrei, hat mit einiger Verzögerung nun auch gestandene Lokalredakteure infiziert. Was das bedeutet, kann man besonders gut auf Journalistenversammlungen wie dieser beobachten. Keine fünf Minuten am Platz, löst sich der Kollege nebenan aus seiner aufmerksamen Zuhörerhaltung und greift nach seiner Tasche.

Der Wandel passiert in dieser Sekunde

Zwischen Wasserglas und Blumengesteck positioniert er seinen Laptop samt Smartphone. Für die Suche nach den Batterien seiner Funkmaus muss er abermals abtauchen, während der Laptop-Willkommensgruß der verbliebenen Aufmerksamkeit seiner Tischnachbarn den Rest gibt. Rechner läuft, UMTS ist online – zurück zu Herrn Rüttgers. "Die Branche steht vor einem großen Wandel", sagt der Ministerpräsident mit ernster Stimme. Wie richtig er doch damit liegt - und zugleich falsch. Der Wandel ist schon längst passiert, und vollzieht sich in dieser Sekunde, in diesem Raum.

Als der twitternde Kollege mit dem Laptop seinem Nebenmann die obligatorische Visitenkarte zuschiebt, wandert sein Zeigefinger nicht über Handynummer oder Mailadresse, sondern zeigt auf seinen Twitter-Account. Zwei Sekunden später folgt eine Minipräsentation der Onlinepräsenz seiner Lokalzeitung samt Einladung, doch Follower des Kulturkanals zu werden. Der Nebenmann lächelt artig zurück und hebt seinen Blick wieder in Richtung Rednerpult.

Vor der Macht des Microbloggingdienstes, den Lärmpegel der anwesenden Zuhörer zu beinflussen, sind neuerdings auch Podiumsdiskussionen nicht mehr sicher. Besonders, wenn die Veranstalter den Ort des Geschehens mit dutzenden Flachbildschirmen dekorieren. Über jene huschen dann mindestens im Minutentakt Kommentare, Meinungen, Fakten, deren Kopien und die Kopien der Kopien. Jene Retweets erweisen sich als perfektes Spielzeug, um ohne ein Wort zu sagen die laufende Diskussion virtuell zu befeuern. Oder sogar zu unterbrechen.

Der virtuelle Pausenclown

Die versammelte Gemeinde schaut dann auf die Bildschirme, versucht die kryptischen Zeichen zu entziffern und verfällt in wohlwollendes Gelächter. Den virtuellen Pausenclown erkennt man wie einst in der Schule am breitesten Lächeln. Er ist meist männlich, mitte Vierzig und hat vor sich eine Menge Technik stehen. Überhaupt, die Technik. Laptop und Smartphones gehören zum Standard. Kaum jemand, der während laufender Präsentationen nicht mit seinen Geräten rumfummelt. Je nach Inhalt kann man das auch niemandem übel nehmen.

Bei all den neuen Errungenschaften gerät derweil eine Instituion bemerkenswert ins Hintertreffen, die sonst immer der klare Höhepunkt solcher Veranstaltungen war: Das offene Buffet. Selbst Kaffee, Kuchen und Kartoffelsalat können der medialen Übermacht von Twitter und Co nichts mehr anhaben. Viele Journalisten laden sich nicht mehr die Teller voll, sondern bleiben hinter ihren Laptops sitzen. Sie surfen, schreiben Emails oder twittern. Genau wie die Veranstalter: "Partyfrikadellen, Mozarella-Sticks - heute zum "Mittach" gibt es beim #folo2010 leckeres Fingerfood. Guten Appetit!"


Martin Meuthen hat beim Evangelischen Pressedienst volontiert und arbeitet aktuell als freier Journalist in Dortmund.