Migranten und Medien: Der etwas andere Blick auf die Welt

Migranten und Medien: Der etwas andere Blick auf die Welt
Im Netzwerk "Neue deutsche Medienmacher" haben sich Journalisten mit Einwanderungsgeschichte zusammengeschlossen: In deutschen Medien sind sie noch immer die Ausnahme – obwohl sie den Verlagen Zugang zu neue Zielgruppen vermitteln könnten.

Es musste schnell gehen – wie so oft beim Fernsehen. Marjan Parvand, Redakteurin bei der "tagesschau", macht in Berlin eine Straßenumfrage zum Auftakt des Klimagipfels in Kopenhagen. Eine indisch aussehende Frau spricht ihr kurz und prägnant den CO2-Kreislauf ins Mikro. "Ein perfekter O-Ton", sagt die 39-jährige Fernsehjournalistin. Aber: "Die meisten meiner biodeutschen Kollegen hätten diese Frau gar nicht erst angesprochen, aus Sorge, dass ihr Deutsch schlecht ist und sie ihre knappe Zeit vergeuden."

Mit "biodeutsch" meint Parvand Menschen ohne Einwanderungsgeschichte – das Gros ihrer Kollegen. Sie gibt ihre O-Töne dem ARD-Cutter. Als sie kurz darauf das fertig geschnittene Material sichtet, staunt sie: "Wo ist die Inderin?". Die habe er überspult, um Zeit zu sparen, erklärt ihr der Kollege vom Schnitt. "Dass die Frau die beste Stimme überhaupt ist, war für ihn offenbar ausgeschlossen", sagt Parvand. "Unter Zeitdruck siegen Vorurteile besonders leicht."

Sichtweisen verschenkt

Und dann fehlen sie eben oft, die Stimmen der deutschen Migranten. Obwohl sie für einen immer großen Teil der Bevölkerung sprechen könnten. "Etwa jeder fünfte Deutsche hat einen Migrationshintergrund", sagt Medienwissenschaftler Ulrich Pätzold. Im deutschen Journalismus merke man davon aber viel weniger als in allen anderen Berufsfeldern, kritisiert er. "Höchstens jeder fünfzigste Journalist hat eine nichtdeutsche Herkunft, da werden wichtige Sichtweisen verschenkt."

Das will das Netzwerk "Neue deutsche Medienmacher" ändern. Parvand und Pätzold haben es vor knapp zwei Jahren gegründet. Die im Iran geborene Journalistin ist seit dem Sommer Vorsitzende des aus dem Netzwerk entstandenen Vereins. 250 Journalisten haben sich inzwischen im Netzwerk zusammengeschlossen. "Es geht uns nicht um eine Quote", sagt Marjan Parvand. "Wir wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, wie wichtig kulturelle Vielfalt in den Medien ist."

Damit meint sie mehr als wohlmeinende Berichte über türkische Gemüsehändler. Die stören sie oft sogar: "Es wimmelt in den Medien von diesen Klischee beladenen Bildern: Kopftuch tragende Frauen, Dönerverkäufer – andere Bilder über Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind die Ausnahme." Journalisten mit eigener Einwanderungsgeschichte könnten helfen, ein realistischeres Bild Deutschlands zu zeichnen, ist Parvand überzeugt – und den Medien so einen Zugang zu neuen anderen Themen bieten.

Ökonomisch interessant

"Eine solche Berichterstattung ist für Verlage und Sender auch ökonomisch interessant", sagt Medienexperte Pätzold. "Schließlich ist die Zielgruppe in Deutschland groß. Durch eine verbesserte Berichterstattung können Medien mit Sicherheit neue Konsumenten gewinnen."

"Migrantin vom Dienst" will Marjan Parvand auf keinen Fall sein. Das Problem aufgrund der Herkunft diese Aufgabe zu bekommen, haben viele der "Neuen deutschen Medienmacher". In den Redaktionen sollen sie die Integrationsthemen machen – auch wenn ihnen eigentlich andere Themenbereiche mehr liegen. "Jeder sollte da eingesetzt werden, wo er am besten ist – seien es nun Steuern, Sport oder Innenpolitik", sagt Parvand. "Dadurch kommen neue Perspektiven und Stimmen in die Mainstreamthemen."

Sie selbst hat immer an den klassischen Nachrichten gearbeitet. Mit 14 kam sie aus dem Iran nach Deutschland, nach Abitur und Studium zum ZDF, dann für mehrere Jahre zu N24 und jetzt zur "tagesschau". Ihre Einwanderungsgeschichte lässt sie manche Dinge anders sehen. "Vielleicht weil ich auch die Außenperspektive auf Deutschland kenne", sagt sie. Sie traut jedenfalls Inderinnen von vornherein perfekte O-Töne zu. Und als im November ein Militärpsychiater in den USA Amok lief, verhinderte sie zusammen mit einer spanischstämmigen Kollegin, dass dessen Religionszugehörigkeit im Bericht genannt wird, bevor zu den Zusammenhängen recherchiert wurde. "Dafür mussten wir kämpfen", sagte sie. "Uns beiden war sofort klar, dass das ein Problem ist. Die anderen mussten wir erst davon überzeugen."

Chefetagen überzeugen

Durch solche Sensibilität können die Medien nur gewinnen, glaubt Ulrich Pätzold. "Wenn man nur Klischees über sich in der Zeitung liest, bestellt man sie ab". Dieses ökonomische Argument sei das entscheidendste auf den Podiumsdiskussionen, die das Netzwerk organisiert, sagt Parvand. "Nur damit können wir die Chefetagen überzeugen."

In den Chefsesseln sitzen derzeit überwiegend "Biodeutsche". "Leider hat der Journalismus eine sehr ausgeprägte Tendenz, sich aus sich selbst zu rekrutieren", sagt Pätzold. "Absolventennetzwerke und alte Bekanntschaften sind für beruflichen Erfolg sehr wichtig." Das zeigt auch die umfangreiche Journalistenstudie von Medienwissenschaftler Sigfried Weischenberg: Die meisten Journalisten stammen aus der bürgerlichen Mittelschicht und sind untereinander befreundet. "Von außen herein zu kommen, ist da sowieso schon schwer." Pätzold hätte deshalb gerne eine Quote für Journalisten mit Migrationshintergrund. "Das kann für die Übergangszeit viel bewirken, weil die Vorteile von mehr Vielfalt dann schneller offensichtlich werden", sagt der emiritierte Journalistik-Professor. "Eine solche Quote ist aber rechtlich in Deutschland nicht möglich."

Daher haben Journalisten mit Einwanderungsgeschichte auf ihrem Berufsweg mit Schwierigkeiten zu kämpfen. "Vor allem im Rundfunk wird noch immer pauschal unterstellt, sie könnten schlechter Deutsch. Es gibt ein paar Vorzeigemigranten und das war´s", sagt Pätzold. Von dieser Kritik nimmt das Netzwerk auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht aus. "Mit Cosmo-TV oder Funkhaus Europa gibt es im WDR Beispiele für eine Entwicklung zum Integrationsprogramm, ansonsten gibt es auch dort noch viel zu tun", sagt der Medienwissenschaftler.

Kein beliebter Beruf

Sehr beliebt ist der Beruf Journalist unter Eingewanderten oder deren Nachkommen derzeit nicht. "Auch das wollen wir ändern", sagt Marjan Parvand. "Das hängt ja damit zusammen, dass es wenige Vorbilder gibt und die Qualität der Berichterstattung nicht stimmt." Zudem würde von Seite der Eltern eher geraten, Arzt oder Jurist zu werden, wenn die Kinder studieren wollen. "Das sind eben in vielen Kulturen die anerkanntesten Berufe." Für den Nachwuchs bieten die "Neuen deutschen Medienmacher" Mentorprojekte an, helfen bei Stipendien und bei der Suche nach einem Volontariatsplatz.

Oder beim Diskutieren von Themen. "Da können wir oft den Spieß umdrehen und als Minderheit auf die Mehrheitsgesellschaft blicken." Dabei hat Marjan Parvand schon oft Erstaunliches entdeckt: Dass der als urdeutsch geltende Thomas Mann brasilianischen Migrationshintergrund hat zum Beispiel. Oder dass in den 20er Jahren in Berlin in ganzen Straßenzügen Schilder mit "Hier wird russisch gesprochen" hingen – ohne dass das für die Mehrheitsgesellschaft ein Problem war. "Deutschland hat viel mehr Migrationsgeschichte, als die meisten glauben", sagt Parvand. "Sie ist nur aus dem Blick geraten."


Miriam Bunjes ist freie Journailstin und arbeitet in Dortmund.