Kraft der Stille: Auf der Suche nach einem neuen Lebensstil

Kraft der Stille: Auf der Suche nach einem neuen Lebensstil
Wenn nach Weihnachten und Neujahr der Alltag wieder beginnt, merken viele Menschen, wie unruhig und hektisch ihr Leben ist. Da kommt das von christlichen Organisationen ausgerufene "Jahr der Stille" gerade recht. Denn die Sehnsucht nach Ruhe und Besinnung wird immer größer.
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Stille ist attraktiv - gerade in einer Zeit, die immer schneller und hektischer zu werden scheint. Eine Tasse Tee an der Fensterbank verspricht himmlische Ruhe, ein Wellness-Wochenende mit fernöstlicher Meditation bringt Horizonterweiterung und Entspannung. Betrachtet man die vielen Angebote diverser Verkaufsplattformen im Internet, scheinen innere Ausgeglichenheit und spirituelle Erfahrungen käufliche Waren zu sein.

Stille ist wichtig - das findet auch eine Initiative verschiedener christlicher Kirchen, Werke und Organisationen. Sie hat dem Jahr 2010 den Beinamen Jahr der Stille gegeben, um auf die Bedeutung von Ruhe und Gebet hinzuweisen. Nach Ansicht des pommerschen evangelischen Pfarrers und Vorsitzenden des Leitungskreises des Jahres der Stille, Wolfgang Breithaupt, ist Stille kein Zusatz, um Konzentration oder Leistungskraft zu erhalten, sondern ein Lebensstil.

Der Leiter des Hauses der Stille in Weitenhagen bei Greifswald ist überzeugt, dass ein entschleunigtes Leben, das die Balance hält aus Ruhe und Aktion, attraktiver ist als ein stressiges Leben. Außerdem helfe die Stille, Gott zu finden, unterstreicht Breithaupt.

Suche nach Orientierung und Halt

Auch Mutter Teresa schrieb an ihre Schwestern: "Gott kann nicht im Lärm und in der Ruhelosigkeit gefunden werden. Gott ist ein Freund der Stille. Seht wie die Natur - Bäume, Blumen, Gras - in der Stille wächst; seht die Sterne, den Mond und die Sonne, wie sie in der Stille sich bewegen?"

In der Stille Gott finden - dieses Geheimnis entdeckten schon im 3. Jahrhundert Mönche, die in die Wüsten Syriens und Ägyptens zogen, um in der Einsamkeit Gott zu begegnen. Nicht in der Wüste, sondern im Donautal am Rande des Schwarzwaldes ist das Benediktinerkloster Beuron zu finden, zu dem auf der Suche nach Stille moderne Zeitgenossen pilgern, um bei christlichen Schweigemeditationen oder Besinnungstagen zur Ruhe zu finden.

"In unserem Gästehaus haben wir einen starken Andrang von Anfragen", berichtet Bruder Jakobus Kaffanke vom Kloster Beuron. "Viele Menschen verlieren auf ihrem Lebensweg den Kontakt zur Kirche. Später dann - vor einigen Jahren noch waren es Menschen im Alter um 50 Jahre, heute beginnt es schon in den 30er Jahren - kommt eine Krise und das Suchen nach Orientierung und Halt."

Spirituelle Erfahrungen nicht käuflich

Wenn Jonathan Hack Stille erleben möchte, geht er nicht ins Kloster, sondern legt sich in seinem Studentenzimmer in Tübingen auf den Boden, liest einen Vers aus der Bibel, schließt die Augen und begibt sich bei leiser geistlicher Musik eine Stunde in die "Stille vor Gott", wie er es nennt. Diese Technik, die aus Kanada stammt, heißt "Soaking" (Eintauchen, einweichen). "Wie ein trockener Schwamm im Wasser will ich Gottes Gegenwart in mich aufsaugen und zur Ruhe kommen", sagt der Sport- und Theologiestudent.

Die Attraktivität solcher spiritueller Angebote ist nach Ansicht der Weltanschauungsbeauftragten der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Pfarrerin Annette Kick, Ausdruck der Ruhelosigkeit und Orientierungslosigkeit unserer Zeit. "Vielleicht haben manche inzwischen gemerkt, das das Kreisen um sich selbst nicht ausreicht, um sich selbst zu finden, sondern dass man Kraft und Orientierung von anderswoher braucht."

Ihrer Meinung nach sei es jedoch problematisch, wenn Meditation und Spiritualität nicht zur Gottesbegegnung führen, sondern zu einem Lifestyle-Produkt werden. "Oft sind es Angebote mit esoterischem Hintergrund, die spirituelle Erfahrungen und Höheflüge versprechen, als könne man sie kaufen wie andere Waren", sagt Kick.

epd

Merke auf dieses feine, unaufhörliche Geräusch, es ist die Stille.
Horch auf das, was man hört,
wenn man nichts vernimmt.

(Paul Valéry)