Sind wir Menschen nur ein Computer-Programm?

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Sind wir Menschen nur ein Computer-Programm?
Welches Menschenbild steht hinter der Möglichkeit, die Erinnerungen und das Bewusstsein durch wissenschaftliche Methoden zu beeinflussen? Heilung ist zwar wünschenswert - der Mensch sollte aber nicht als Hardware betrachtet werden, die beliebig neu programmiert werden kann. Eine theologische Betrachtung.

"Das Wort ward Fleisch" - so übersetzt Martin Luther den Beginn des Johannes-Evangeliums, das in dieser abstrakten Sprache von der Geburt Jesu, der Inkarnation Gottes in Jesus Christus spricht. Das "Wort" – eigentlich heißt es Logos – materialisiert sich in einem Menschen. Der göttliche Geist nimmt eine körperliche Gestalt an. Dieses Aufeinandertreffen von Geist und Körper ist maßgeblich für die Menschwerdung. Was christliche Theologie so exemplarisch über das Menschsein Jesu Christi sagt, gilt auch für alle anderen Menschen: der Mensch ist mehr als nur sein Körper, der Geist (Logos) zeichnet ihn theologisch gesprochen als Menschen aus.

Dieses Menschenbild steht - zumindest auf den ersten Blick – in einer gewissen Spannung zu den Erkenntnissen der modernen Neuropsychologie und Neurobiologie.

Das menschliche Gedächtnis ist neueren Forschungsergebnissen zufolge kein starres, unveränderliches Erinnerungsprogramm. Gedächtnisinhalte würden regelmäßig reaktiviert und auf ihre aktuelle Relevanz hin überprüft, bevor sie erneut gespeichert werden, und während solcher "Updates" ließen sich Erinnerungen verändern. Dies will man sich in Zukunft medizinisch zu Nutze machen, um beispielsweise angstbeladene Erinnerungen aus dem Gedächtnis zu löschen.

Bewusstsein als Betriebssystem?

Wenn Menschen Linderung oder Heilung erfahren, ist dies zu begrüßen. Aber das Menschenbild, das hinter einer solchen Darstellung steht, wirft durchaus Fragen auf. Bilder aus der Informatik drängen sich auf: Der menschliche Körper und sein Gehirn werden mit Computerhardware verglichen, auf der das Bewusstsein quasi als Software läuft. Ist diese Software fehlerhaft oder erzeugt sie Probleme, wird dies durch ein Update gefixt.

Es geht nicht darum, neurobiologische Forschungsergebnisse zu bestreiten oder deren medizinische Anwendung zu verhindern – wenn Medizin Heilung bringt, ist dies zunächst zu begrüßen. Aber dieses Menschenbild sollte man infrage stellen: Ist der Körper die Hardware, auf der nur Software läuft? Falls die Software nicht die gewünschten Ergebnisse bringt, wird sie neu programmiert und im Extremfall neu komplett neu aufgespielt, so wie man auf Computern ein neues Betriebssystem installiert, wenn nichts mehr geht und der Computer sich immer wieder aufhängt?

Bedenkliche Vereinfachung moderner Forschung

Sind beispielsweise Schuld, Versagen und Traurigkeit Software-Fehlfunktionen, die durch ein Systemupdate beseitigt werden müssen? Wer stellt eigentlich das Software-Menü zusammen, das auf der Hardware unseres Gehirns beziehungsweise unseres Körpers laufen soll?

Eine Darstellung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse außerhalb von Fachzeitschriften muss immer vereinfachen. Bedenklich sind nicht die Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften, aber bedenklich ist, auf welche Weise diese Ergebnisse vereinfacht dargestellt werden. Denn der Mensch ist eben kein Computer, und sein Bewusstsein funktioniert nicht wie ein Software-Update.

Menschliches Bewusstsein ist an die Körperlichkeit des Menschen gebunden, das ist offensichtlich. Um diese Aufeinanderbezogenheit von Geist und Materie weiß auch der Evangelist Johannes, wenn er schreibt, dass das Wort Fleisch ward. Ohne unseren Körper hätten wir keinen Träger des Bewusstseins. Das Bewusstsein ist daher nicht losgelöst von unserer Körperlichkeit.

Über den göttlichen Logos können wir nicht verfügen

So gesehen müssen sich Bewusstseinszustände auch physiologisch im Gehirn niederschlagen und in bestimmten Gehirnregionen lokalisieren lassen. Dies sind äußerst komplizierte Prozesse, die wir langsam verstehen lernen. Vielleicht werden sie zu einem gewissen Grad auch nicht entschlüsselt werden können – dahinter verbirgt sich nämlich auch die Frage, wie das Bewusstsein eines Menschen verändert werden könnte, wenn wir verstünden, wie es geht.

Wer darf, kann, soll so tief in die Identität eines Menschen eingreifen? Oder ist es doch besser, wenn dies für uns unverfügbar bleibt? Das sprachliche Bild aus dem Johannes-Evangelium legt nahe, dass der göttliche Logos, über den wir nicht verfügen können, uns Menschen innewohnt und wir gewisse Grenzen respektieren müssen. Wir Menschen sind keine Hardware mit veränderbarer Software, die nach Belieben neu programmiert werden darf. Das Wort ward Fleisch – das gilt, mit der Konsequenz, dass wir um unsere Begrenztheit wissen.


Ralf Peter Reimann ist Pastor und Mitarbeiter von evangelisch.de, wo er die Schnittstelle zwischen Redaktion und Technik koordiniert.

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