Armutsseuche Malaria: Kommt endlich die Impfung?

Armutsseuche Malaria: Kommt endlich die Impfung?
Das Programm ist dicht gedrängt: Die mehr als 1.500 Wissenschaftler, Regierungsvertreter und anderen Experten, die am Panafrikanischen Malariakongress in Kenia teilnehmen, beginnen ihre ersten Präsentationen um sieben Uhr früh, abgesperrt wird Nairobis Kongresszentrum erst lange nach Sonnenuntergang.
02.11.2009
Von Marc Engelhardt

"Es ist der größte Kongress zur Malaria, den es bisher gegeben hat", erklärt Lindsay Crouse von der Multilateralen Malaria-Initiative (MIM), die zu dem Treffen eingeladen hat. Noch bis Freitag wollen die Teilnehmer über Bekämpfungsmöglichkeiten gegen die weltweit häufigste Tropenkrankheit beraten. Denn während im Kampf gegen andere Epidemien Land in Sicht ist, wütet Malaria bis heute ungehemmt.

Ein effektives Mittel gegen Malaria zu finden, die jährlich mehr als 900.000 Menschen- und vor allem Kinderleben fordert, ist deshalb das wichtigste Ziel des Kongresses. Dass er zum zweiten Mal in Folge auf afrikanischem Boden stattfindet, ist kein Zufall: neun von zehn Malariatoten sind Afrikaner. "Im Schnitt bekommen die Menschen hier fast jeden Tag einen Stich von einer infektiösen Anopheles-Mücke, die tatsächlich Malaria überträgt", weiß der Kinderarzt Walter Otieno, der in Kisumu im Westen Kenias arbeitet. "Sieben von zehn Kindern, die bei mir eingeliefert werden, kommen wegen Malaria."

Entscheidende Testphase für Impfstoff

Otieno ist dort für einen Feldversuch verantwortlich, auf dem derzeit besonders viele Hoffnungen ruhen: die entscheidende Testphase für einen Impfstoff gegen Malaria. Seit Jahrzehnten versuchen Wissenschaftler vergeblich, den Plasmodium genannten Erreger zu zerstören, bevor er über die Leber in die Blutbahn gelangt. Besonders schwere Malariaformen, die Blutarmut oder Gehirnschäden zur Folge haben, wären damit gebannt. "Es ist das allererste Mal, dass ein Impfstoff für Malaria es in die letzte, dritte Prüfphase geschafft hat", so Otieno. "Wenn wir diese Phase überstehen, ist der Impfstoff reif für den Markt."

In sieben afrikanischen Ländern werden derzeit 16.000 Kinder mit dem RTSS genannten Impfstoff oder einem Placebo geimpft. Die bisherigen Ergebnisse stimmen die versammelten Forscher optimistisch: bei mehr als fünfzig Prozent der Kinder, die in Phase 2 untersucht wurden, wiesen die Wissenschaftler tatsächlich einen Impfschutz nach. "Wir sind zuversichtlich, dass wir in drei bis fünf Jahren einen Impfstoff haben, der Kindern mit den anderen Grundimpfungen verabreicht werden kann", glaubt Otieno.

Moskitonetze verlieren Wirksamkeit

Die Impfung käme gerade rechtzeitig. Denn eine Studie des Kenianischen Forschungsinstituts KEMRI, die auf dem Kongress in Nairobi vorgestellt wird, weist nach, dass Moskitonetze immer mehr an Wirksamkeit verlieren. Immer mehr weibliche Anophelesmücken, die den Plasmodium genannten Erreger übertragen, stechen demnach früher als bisher in den späten Nachmittags- und Abendstunden. Die besonders wehrlosen Kinder liegen dann aber noch nicht unter den imprägnierten Moskitonetzen, die derzeit als bester Schutz gegen Malaria gelten.

Dabei bescheinigen Studien den Netzen einen Schutz von etwa 25 Prozent, auch deshalb, weil sie unregelmäßig genutzt werden, leicht kaputt gehen oder etwa als Fischernetz missbraucht werden. "Wir müssen deshalb gewährleisten, dass erkrankte Kinder Zugang zu wirksamen Medikamenten haben", sagt Desmond Chavasse von der US-Lobbygruppe PSI. "Aber gute Kombinationspräparate kosten eine Familie in Afrika oft 65 mal soviel wie der durchschnittliche Tageslohn, das kann sich kaum jemand leisten."

Einer am Montag vorgestellten PSI-Studie zufolge werden deshalb nur fünf bis 15 Prozent der Malariaerkrankungen mit den Kombinationspräparaten behandelt - der Rest muss sich mit Mitteln begnügen, die in Europa längst vom Markt genommen worden sind. Auch sonst ist Armut für viele Malariatodesfälle verantwortlich: Oft sterben Kinder einfach, weil die Eltern kein Geld fürs Taxi haben, um rechtzeitig ins Krankenhaus zu kommen. Selbst Kreiskrankenhäuser sind zudem erbärmlich ausgestattet: Stromausfälle gibt es regelmäßig, fließendes Wasser ist selten. Malaria ist nicht zuletzt eine Armutskrankheit.

epd