An tausendfaches Unrecht erinnern

An tausendfaches Unrecht erinnern
Von den Wänden blättert Farbe, die schmalen Fenster sind vergittert. Im Keller des alten leerstehenden Gebäudes in der Cottbuser Innenstadt kann man einen "Tigerkäfig" sehen, wo politische Gefangene der DDR in Einzelhaft in einer kleinen Gitterzelle isoliert wurden. In einem Teil des historische Gefängniskomplexes soll jetzt an die Geschichte der jahrzehntelangen Unterdrückung und Misshandlung von Häftlingen erinnert werden.
20.10.2009
Von Peter Jähnel, dpa

In der früheren Gefängnisverwaltung außerhalb der hohen Mauern ist der Verein Menschenrechtszentrum Cottbus seit zwei Jahren aktiv. "Wir schaffen hier eine Gedenk-, Bildungs- und Begegnungsstätte, um an das tausendfache Unrecht zu erinnern, das politische Häftlinge in den Diktaturen der SED- und der NS-Zeit erdulden mussten", sagt der Vereinsvorsitzende Dieter Dombrowski, der auch Landtagsabgeordneter und Brandenburger CDU-Generalsekretär ist.

Seit den 1970-er Jahren entwickelte sich die Anstalt in Cottbus nach dem sächsischen Bautzen zum zweitgrößten Gefängnis für politische Häftlinge. Wie ein Gutachten der Freien Universität Berlin belegt, waren kurz vor dem Mauerfall 1989 mehr als 80 Prozent der 1.200 Cottbuser Gefangenen aus politischen Gründen eingesperrt - vor allem Akademiker, Ärzte und Handwerker. Insgesamt saßen zu DDR-Zeiten mehr als 10.000 Menschen wegen politischer Verfehlungen in dem Gefängnis.

Ehemalige Häftlinge leiten den Verein

Der Verein richtete in einem Backsteinhaus in der Bautzener Straße eine Ausstellung über die Geschichte der Haftanstalt ein, nachdem er diesen Teil des Gelände vom Land gekauft hatte. "Mit unserer Arbeit sollen auch junge Leute motiviert werden, sich gegen jegliche Verletzung von Menschenrechten zu wehren", sagt Dombrowski. Er war Mitte der 1970-er Jahre in Cottbus wegen versuchter Republikflucht und sogenannter staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme eingesperrt. Von den vier Jahren Haft saß er 20 Monate ab, dann kaufte ihn die Bundesrepublik wie zehntausende Leidensgenossen frei.

Einer dieser aus politischer Haft Freigekauften ist der Schriftsteller Siegmar Faust, Geschäftsführer des Vereins. "Wir wollen durch Gespräche mit Zeitzeugen ihren Leidensweg in der Haftanstalt dokumentieren und für die junge Generation aufbewahren", nennt der 64-Jährige ein Vereinsziel. Deshalb führt er Schülergruppen durch das marode Gebäude und diskutiert mit ihnen über die Gefahren, die von Diktaturen ausgehen.

Späte Genugtuung für die Opfer

Faust berichtet dann auch von seinen eigenen Erlebnissen, so von einer Zelle für 28 Gefangene in vierstöckigen Betten und den ständigen Schikanen des Wachpersonals. Er musste rund 400 Tage in Einzelhaft und Arrest verbringen, weil er 13 Ausgaben einer handgeschriebenen Häftlingszeitung mit dem Titel "Armes Deutschland" unter den Insassen verbreitet hatte. Die Besucher können eines der Exemplare - das ähnlich wie das damalige SED-Massenblatt "Neues Deutschland" gestaltet ist - in der Ausstellung neben Gummiknüppeln der Wärter und Totschlägern der Offiziere sehen.

Auch über ehemalige Gefängniswärter wird berichtet, die Spitznamen wie "Roter Terror", "Arafat" oder "Texaner" trugen. Das Landgericht Cottbus verurteilte die wegen ihrer Brutalität berüchtigten Aufseher seit Ende der 1990-er Jahre zu Haft-oder Bewährungsstrafen - eine späte Genugtuung für die Opfer.

Da der Verein sich bisher nur aus den Beiträgen der 80 Mitglieder und Spenden finanziert, kommt das Projekt nur langsam voran. "Geplant ist, auch die wirtschaftliche Ausbeutung der Gefangenen durch ihre Arbeit für volkseigene Betriebe darzustellen und ein Bildungskonzept zu erarbeiten", erzählt Günter Fiebig. Er hilft früheren politischen Häftlingen beim Ausfüllen von Anträgen zur Rehabilitierung oder zur Rente und kümmert sich um regelmäßige Treffen.