Ohne Tieferhängen keine Ökumene

Ohne Tieferhängen keine Ökumene
Ein Papier, das offiziell nicht existiert, macht Furore. Das inoffizielle Dokument, das den leitenden Geistlichen und Laien der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) nach dem Bremer Kirchentag hätte helfen sollen, die Lage der Ökumene im Land einzuschätzen, sorgt für Verstimmung auf katholischer Seite.

In dem Text aus dem EKD-Kirchenamt ist von einer tiefen Verunsicherung innerhalb der römisch-katholischen Weltkirche die Rede, die maßgeblich der Amtsführung von Papst Benedikt XVI. zugeschrieben wird. Und dann werden deren Auswirkungen auf den Katholizismus in Deutschland gewürdigt. In teilweise flapsigem Ton werden die handelnden Personen skizziert. Dem Erzbischof von Freiburg und Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, wird ein Mangel an prägender Kraft attestiert.

Besorgnis erregend ist vor allem der Grad an Empörung, die der Text ausgelöst hat, nachdem er anonym diversen Medien zugespielt und schließlich über die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) und die Tageszeitung (taz) an die Öffentlichkeit gelangte. Wenn es ein Problem gibt, das der aktuelle Wirbel beschreibt, dann dies:

Für mehr Wahrhaftigkeit und geschwisterlichen Umgang

Die Kirchen in Deutschland benehmen sich wie politische Parteien. Auf der einen Seite, der evangelischen, gibt es nun ein Dokument, das eine Differenz zwischen öffentlich Gesagtem und intern Formuliertem belegt. Diese Zweisprachigkeit ist politisch üblich, christlich richtig ist sie nicht. Dort sollte das Wort Jesu gelten: Eure Rede sei ja, ja; nein, nein. Christen sollten sich bemühen nicht nur im Inhalt, sondern auch im Ton wahrhaftig zu sein.

Auf der anderen Seite, der katholischen, gab es eine Entrüstung, die in der Absage eines lange vereinbarten Spitzengespräches gipfelte, an dessen Stelle heute ein kurzfristig vereinbartes Spitzengespräch über das Papier und seine Folgen geführt wird. Eine aus der Politik und der Diplomatie bekannte Aneinanderreihung symbolischer Gesten, die sagen sollen: Achtung, wir sind verärgert. Auch das muss unter den im Herrn vereinten Brüdern und Schwestern nicht sein. Es wäre sicher auch mit kleinerer Münze zu erledigen gewesen.

Ökumenische und ökonomische Vernunft

Letztlich ist den Christen in Deutschland dringend zu empfehlen, die Kunst des Tieferhängens nicht zu vergessen. Sie ist eine der wichtigsten Methoden, den ökumenischen Dialog in Gang zu halten. Statt schlecht voneinander zu denken und zu reden, sollte man die gemeinsamen Herausforderungen im Zentrum der Ökumene behalten und die Unterschiede in Gottes Namen ertragen. Die meisten Menschen im Land, ob Christen oder nicht, können ohnehin nicht nachvollziehen, worum es im Einzelnen geht.

Schließlich ist Gelassenheit und Geschwisterlichkeit nicht nur eine Sache der ökumenischen, sondern auch der ökonomischen Vernunft. Denn, wenn beide Seiten, evangelische wie katholische, dazu übergingen, aus der Zitatenfülle zwischen Rom und Kleckersdorf herauszusieben, was Anlass zum Übelnehmen sein könnte, sie müssten ganze Hundertschaften von Rechercheuren beschäftigen und kämen aus dem Reagieren gar nicht mehr heraus. Liebe Freunde, da wollen wir uns doch lieber an einander freuen!


Arnd Brummer ist Chefredakteur von evangelisch.de und dem evangelischen Magazin "chrismon".