France Télécom: Deutschland besser vor Exzessen geschützt

France Télécom: Deutschland besser vor Exzessen geschützt
Eine Selbstmordserie erschüttert den Telekommunikationskonzern France Télécom. Die Frage stellt sich, wie es in der Krise um das Arbeitsklima bestellt ist - auch in Deutschland.

Eine Selbstmordserie erschüttert das frühere französische Staatsunternehmen France Télécom. In den vergangenen rund 18 Monaten brachten sich 24 Mitarbeiter um. In ihren Abschiedsbriefen deutet vieles daraufhin, dass sie das Arbeitsklima im Unternehmen nicht mehr ertrugen. Der Konzern hatte innerhalb von wenigen Jahren 22.000 Stellen gestrichen und 7000 Mitarbeiter versetzt.

Die Suizide werfen ein Schlaglicht auf den Umgang von Topmanagern mit ihren Mitarbeitern. Es wirft auch die Frage auf, wie es in Deutschland um das Arbeitsklima bestellt ist. Dass solche Exzesse auch hierzulande in Konzernen auftreten, hält Roland Pelikan nicht für möglich. Pelikan zählt zum Bundesvorstand des Kirchlichen Dienstes in der Arbeit (KDA) und gehört dem Arbeitskreis Humanisierung und neue Technik an. Er arbeitet seit zwölf Jahren als Industrie- und Sozialpfarrer in Bayern und hat vor allem dort gute Kontakte in die Arbeits- und Unternehmenswelt.

Zwei Gründe nennt er für einen anderen Umgang von Unternehmensführung und Beschäftigten: Die lange betriebliche Tradition der Mitbestimmung in Deutschland schütze vor solchen Auswüchsen wie sie derzeit bei France Télécom zu herrschen scheinen. Betriebsräte agierten in Deutschland als Co-Management. Sie hätten zwar auch das Wohl des Unternehmens im Blick, sorgten aber dafür, dass Beschäftigte bei Umstrukturierungen in die Prozesse einbezogen und mitgenommen würden. Wichtig sei dabei vor allem, den Menschen eine Perspektive aufzuzeigen. Dazu gehöre auch, externe Unterstützung als Moderatoren oder Begleiter zu holen, wenn es um große Umwälzungen in einem Unternehmen geht. Über Betriebsräte ist der KDA selbst häufig in solche Prozesse eingebunden und erlebt vor Ort, wie ein Unternehmen Veränderungen gestaltet.

Der zweite Grund: Unternehmen in Deutschland können sich der öffentlichen Aufmerksamkeit nicht entziehen. Dieses Interesse sorge in vielen Vorstandsetagen dafür, dass man sich Gedanken mache, bevor Umbauten oder gar Entlassungen in einem Unternehmen anstünden. Natürlich gibt Pelikan zu, dass immer ein Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital besteht und dass für Firmenleitungen wie Betriebsräte das Ringen um den Interessensausgleich hart sei. Die Gewerkschaften in Deutschland stuft der Pfarrer in diesem Ringen als weniger militant und kommunistisch ein als ihre Pendants in Frankreich. Seine Einschätzung untermauert er damit, dass es in Deutschland noch nie einen Generalstreik gegeben habe – im Gegensatz zu Frankreich oder auch Italien.

Zudem hat Pelikan auch die Erfahrung gemacht, dass sich Personalleitungen sehr kooperativ und kommunikativ zeigten, wenn sie vom KDA angesprochen würden und man ihnen Unterstützung anbiete. Solche Hilfe muss nicht gleich unternehmensumfassend sein, auch jeder einzelne Beschäftigte kann sich an den KDA wenden, wenn es im Unternehmen Probleme. Beispielsweise wenn jemand Angst vor einer Versetzung hat. Der KDA ist zur Verschwiegenheit verpflichtet und kann sich über seine Kontakte in eine Firma einschalten, um die Probleme anzusprechen. "Schließlich hat die Kirche einen Auftrag für Menschen in der Arbeitswelt", sagt Pelikan.