Jahre im Verborgenen: Wie Illegale in Deutschland leben

Jahre im Verborgenen: Wie Illegale in Deutschland leben
Gladys, Hassan und Tanja leben heimlich in Deutschland. Sie haben keine gültige Aufenthaltserlaubnis und fürchten, jederzeit ausgewiesen zu werden. Ihr Leben ohne festen Wohnsitz, ohne Krankenversicherung und legale Arbeit ist anstrengend. Ohne die Hilfe anderer würden sie es nicht schaffen.

Bevor Gladys die Arztpraxis betritt, denkt sie sich jedes Mal einen Namen aus. Am Tresen sagt sie Gladys, Francis oder auch Martha. Oft kann sie sich nicht erinnern, welchen Namen sie das letzte Mal bei der Untersuchung angegeben hatte. Glücklicherweise erinnern sich die Mitarbeiterinnen der Malteser Migranten Medizin in Hannover an die große schwarze Frau, so dass nicht immer eine neue Karteikarte angelegt werden muss. Gladys aus Ghana ist im achten Monat schwanger. Sie ist nicht krankenversichert und hat kein Geld. Die Ghanaerin hält sich unerlaubt in Deutschland auf. Deswegen besucht sie die Malteser, um sich von ihnen anonym und unentgeltlich behandeln zu lassen.

Vor einer Schwangeren haben offenbar viele Angst

Gladys, 33, hat keinen festen Wohnsitz. Sie wohnt mal hier, mal dort. Sie reist umher - von Bremen nach Hannover, von Hannover nach Hamburg und von dort zurück nach Bremen. Von einem Freund oder flüchtigen Bekannten zum nächsten. Da sie nur selten Arbeit findet, besitzt sie wenig Geld und ist häufig auf die Hilfe ­anderer angewiesen. "Ich spreche meist Afrikaner an", sagt Gladys. Sie fragt nach einem Platz für die Nacht, bittet um Essen oder Geld für eine Fahrkarte.

Gladys ist groß, hat breite Schultern, sie trägt bunte Kleider. Ihre Stimme ist tief. "Seit ich schwanger bin, ist alles noch schwieriger geworden", sagt sie. Vorher war es einfach, ein Nachtlager zu bekommen. Vor Schwangeren haben offenbar viele Angst. Angst, ihr helfen zu müssen, wenn die Wehen einsetzen. Oder Angst, verantwortlich zu sein, wenn es zu Komplikationen kommt.

Einige Zeit wohnte Gladys bei einer ­alleinerziehenden Frau mit Kind. Aus Furcht, ihre Gastfreundschaft zu sehr zu strapazieren, aß Gladys nur einmal am Tag von dem angebotenen Essen. "Die Frau hatte auch kein Geld", sagt Gladys. Wie sie es geschafft hat, in Deutschland zu über­leben - ohne Geld, ohne feste Wohnung, ohne Sicherheit? Gladys zuckt mit den Achseln. Einfach so. Sie kennt viele andere Migranten, man hilft sich gegenseitig. Kleidung bekommt Gladys häufig aus den Kleiderkammern karitativer Einrichtungen. Manchmal gerät sie an Männer, die für ihre Hilfe eine Gegenleistung verlangen. Als sie diesen Winter einmal ohne Schlafplatz war, sprach sie im Café einen Mann an. In der Nacht wurde er zudringlich, Gladys wehrte sich. Die Situation endete glimpflich, der Mann warf sie aus der Wohnung, und Gladys verbrachte die Nacht auf der Straße, fuhr in Bussen und S-Bahnen von Endstation zu Endstation.

Noch träumt Gladys ihren Kindheitstraum

Manchmal ist es aber auch von Vorteil, eine Frau zu sein. Frauen werden seltener auf der Straße von der Polizei kontrolliert, finden leichter Arbeit in privaten Haus­halten. Wer kein Geld hat, kann seinen Körper im Tausch gegen ein Dach über dem Kopf einsetzen. So erzählt Gladys von einer Freundin, die bei einem Deutschen lebt und bei ihm bleibt, obwohl dieser sie häufig schlägt. Sie will nicht so ­leben wie ­Gladys und immer unterwegs sein. Und Gladys will nicht so leben wie ihre Freundin.

2006 kam Gladys zusammen mit anderen Fußballfans aus Ghana zur Weltmeisterschaft nach Deutschland. Seitdem ist sie auf einer Reise ohne Ziel. Nicht aufzu­fallen, um nicht abgeschoben zu werden, dafür strengt sie sich an. Zurück nach ­Ghana will sie nicht. Nicht zurück in das Elend ihres Dorfes, ohne feste Straßen, zu ihrer taubstummen Mutter, ihren neun ­Geschwistern und der Arbeit auf den Gemüsefeldern. Noch träumt Gladys ihren Kindheitstraum: "Einen Schulbus lenken." Derzeit scheint sie von diesem Traum ­jedoch weiter entfernt zu sein als jemals zuvor. Noch immer spricht sie kaum Deutsch, sie hat keine Rechte und bald ein Kind, für das sie sorgen muss.

Sechs Wochen später: Gladys hat eine Tochter geboren. Weil sie weder gültige Papiere noch ein Stammbuch besitzt, kann sie das Mädchen nicht auf dem Standesamt eintragen lassen, obwohl der Vater des Kindes Deutscher ist. "Der Name und die Adresse, die mir der Mann gegeben hatte, stimmten nicht", sagt Gladys. Ihre Tochter weiß noch nicht, dass sie weder Geburts­urkunde noch einen gültigen Aufenthalts­status besitzt. Hineingeboren in die Illegalität, wird die Kleine später große Probleme haben, in Deutschland einen Kindergarten oder eine Schule zu besuchen. Sie ist chancenlos wie ihre Mutter. Hope - Hoffnung. So nennt Gladys ihre Tochter.

Hassan: Per geschenkter AOK-Chipkarte durch die Kontrolle

Wenn Hassan von der Polizei kon­trolliert wurde, zeigte er den Beamten seine AOK-Chipkarte - das Geschenk eines deutsch-türkischen Freundes. "Wir sind im gleichen Alter", sagt Hassan, "und sein Geburtsdatum, der erste Tag im Jahr, ist gut zu merken." Per Funk überprüften die Polizisten Hassans Angaben und blieben dennoch misstrauisch. Vielleicht hat sie Hassans gutes Deutsch beeindruckt, vielleicht war er einfach nur dreist genug: "Irgendwie habe ich mich immer rausgelabert", erzählt Hassan. Oft sagte er: "Wenn Sie mir nicht glauben, können Sie mich ja mitnehmen." Und hatte immer Glück, dass ihn kein ­Beamter beim Wort nahm.

Hassan, geboren im kurdischen Teil der Türkei, ist bereits das zweite Mal in Deutschland. Als Kind schickte ihn seine Großmutter zu einem Onkel nach Norddeutschland, der brachte Hassan nach Streitigkeiten in ein Kinderheim. Am Ende seiner Schulzeit und mit Beginn der Volljährigkeit sollte Hassan die Bundes­republik wieder verlassen, so verfügte es die Ausländerbehörde. Doch der junge Mann wollte nicht gehen. Eine Kirchen­gemeinde gewährte ihm Asyl. Monate vergingen, ohne dass die Behörde ihre Meinung änderte. Resigniert reiste Hassan schließlich "freiwillig" aus. Damals war er gerade 19 Jahre alt. Zwei Jahre später kehrte er zurück. Heimlich. Zu Fuß und per Autostopp benötigte er zwei Monate für die rund 3000 Kilometer vom bergigen Kurdistan bis in die norddeutsche Tief­ebene. Kommunikationsprobleme hatte er unterwegs nicht, "weil es an jeder Ecke in Europa eine Dönerbude gibt und sowieso viele Deutsch verstehen".

Hassan sitzt auf dem Bett in einer norddeutschen Studenten-WG und nippt an einem Becher voll schwarzem Tee. "Eigentlich sollte das hier nur übergangsweise sein", sagt Hassan. "Jetzt wohne ich schon sechs Jahre hier." In seinem kleinen Zimmer hängen Bilder der lokalen Fußballmannschaft und ein paar ramponierte ­Familienfotos. Auf einem Foto schauen zwei junge Männer ernst in die Kamera. "Meine älteren Brüder", sagt Hassan. "Beide waren Kämpfer der PKK - der eine ist tot, der andere verschollen." Ein Onkel sitzt für 30 Jahre in der Türkei im Gefängnis. Hassan hat sich nie für Politik inte­ressiert.

Er traute sich kaum in die Öffentlichkeit

Im ersten Jahr seines illegalen Aufenthalts lebte er zunächst bei ehemaligen Schulfreunden, später bei der Familie seines türkischen Cousins. Dort schlief er auf der Couch im Wohnzimmer. "Das war unangenehm. Jeden Tag fragte ich mich: ­Nerve ich die Gastgeber?", erzählt Hassan. Da er ihnen nicht länger zur Last fallen wollte, zog er weiter. Schließlich stellte er sich - auf Vermittlung einer Freundin - in einer Wohngemeinschaft vor. Dort wohnt er noch heute. Locker geht Hassan die Geschichte seiner Odyssee von den Lippen. "Es hört sich einfach an, abenteuerlich, aber nur im Nachhinein", sagt er.

Als seine erste Euphorie, wieder in Deutschland zu sein, verflogen war, traute er sich kaum in die Öffentlichkeit. Meist verbrachte er die Tage vor dem Fernseher und träumte sich in die Welt der Vorabendserien hinein. Die folgenden Nachrichtensendungen holten ihn wieder in die Realität zurück, wenn sie von Zollbeamten berichteten, die auf Baustellen nach Menschen ohne gültige Papiere fahndeten.

Weil er manchmal tagelang im Bett blieb und sich kaum noch wusch, brachte ihn eine Mitbewohnerin zum Psychotherapeuten. Sie hatte ihn eingeweiht und dazu überredet, Hassan ohne Honorar zu be­handeln. Frische Luft, intensive Gespräche und Sport, so der Therapeut, seien die ­beste Behandlung für Menschen wie ihn. Er sollte recht behalten. Hassans Alltag gewann wieder an Struktur: drei Termine pro Woche - einmal Therapie, zweimal Fußballtraining.

Heiraten für einen deutschen Pass

Beim Sport fiel Hassans Talent auf, und bald fragte ihn der Fußballtrainer, ob er für die erste Mannschaft in der Kreisklasse spielen wolle. Hassan lehnte ab, er hatte Angst vor Öffentlichkeit und davor aufzufallen: "Ich log und sagte, mein Vater ist strenggläubiger Muslim, der will nicht, dass ich Fußball spiele." Nachdem er den Trainer mehrere Wochen beobachtet hatte, zog er den Mann ins Vertrauen. Der kopierte Hassans alten türkischen Pass und beantragte einfach eine Spielberechtigung für ihn. Da der Deutsche Fußballbund keine Aufenthaltspapiere seiner Fußballer überprüft, erhielt Hassan das Papier.

Rückwirkend interpretiert Hassan die Aufnahme ins Fußballteam als Schlüsselmoment: "Von da an habe ich versucht, wieder normal zu leben. Na ja, fast", sagt Hassan. Um sich ein bisschen Geld zu verdienen, begann er auf die Kinder der Nachbarn aufzupassen, er tapezierte, strich Wände und half bei Wohnungsumbauten. Hauptsächlich lebte er von Spenden seiner Freunde, die für ihn Geld sammelten.

Damit er in Deutschland leben konnte - auch ohne gültige Papiere und soziale Absicherung.
Auch seine ehemalige Klassenlehrerin gehörte zum Helferkreis. Bis heute lädt sie ihn regelmäßig zum Essen ein. "Auf Dauer geht so ein Leben nicht", sagt Hassan. "Das hält kein Mensch aus." Vor kurzem hat Hassan geheiratet. Nicht aus Liebe, sondern wegen des deutschen Passes. "Seitdem hat mich komischerweise kein Polizist mehr überprüft", sagt er. "Dabei würde ich so ­gerne mal meinen neuen Pass zeigen."

Tanja: Offiziell an der Schule - inoffiziell in Deutschland

Wenige Schritte vor dem 400-­Meter-Ziel war es passiert: Tanja knickte mit dem Fuß um. Sofort war der Schmerz da und mit ihm die Furcht vor noch Schlimmerem. Besorgt begutachtete Tanjas Sportlehrerin das geschwollene Fußgelenk und wollte sie in eine Klinik bringen. Tanja protestierte. Die 17-Jährige hatte panische Angst, dass ihr der Unfall zum Verhängnis würde. "Dass sie merken, dass ich nicht krankenversichert bin und auch sonst keine gültigen Papiere habe", sagt sie. Sie biss die Zähne zusammen und humpelte davon. "Meine Lehrerin hat nur mit dem Kopf geschüttelt. Das war mir aber egal", erzählt Tanja.

Das zierliche Mädchen mit den dunkelblonden Haaren ist zwar offiziell an der niedersächsischen Hauptschule angemeldet und bekommt jedes Jahr Zeugnisse, aber sie dürfte eigentlich nicht in Deutschland sein. Vor dreieinhalb Jahren reiste sie mit einem Besuchervisum aus Russland nach Deutschland ein, aber nicht wie vorgeschrieben wieder aus. Seitdem lebt sie bei ihrer Cousine. Im nächsten Jahr will sie ihren Hauptschulabschluss machen.

Das erste halbe Jahr verbrachte Tanja in der Wohnung ihrer Verwandten. Sie sprach kein Deutsch und wagte sich, als das Visum abgelaufen war, nicht mehr auf die Straße. Mit ihrer Cousine übte sie deutsche Vokabeln, doch das machte ihr wenig Spaß. Sehnsüchtig schaute sie den Kindern zu, die morgens zum Schulbus gingen, bis ihre Cousine entschied, sie in der Schule anzumelden. Ein gewagtes Unterfangen, immer­hin war Tanja schon dreizehn Jahre alt, nirgendwo registriert und besaß keine ­gültigen Aufenthaltspapiere.

Bewerbungen schreiben: Übung leider umsonst

Doch Tanjas Cousine Anna, 33, ist eine resolute Frau. Seit zehn Jahren lebt sie mit Mann und zwei kleinen Kindern als Spätaussiedlerin in Deutschland. So fuhr sie mit Tanja zum nächstgelegenen Schulzentrum und sprach mit dem Direktor. Offen schilderte sie die Situation. "Dass Tanja nicht gemeldet ist, aber gerne zur Schule gehen möchte, wie alle anderen Kinder in ihrem Alter, das habe ich alles erzählt", sagt Anna. Das gehe nicht, habe der Leiter immer wieder geantwortet. Da sei nichts zu machen. Anna ließ nicht locker, berichtete von Tanjas Mutter, die plötzlich gestorben war, und Tanjas Vater, einem Trinker und Schläger. Und von dem Familienrat, der deshalb beschlossen hatte, die 13-Jährige nach Deutschland zu holen. Hier aber sei sie - ohne Schule - zum Nichtstun verdammt. "Zum Schluss habe ich noch gesagt, ich wollte nicht, dass meine Cousine dumm bleibt", sagt Anna. Der Direktor lehnte ab. Im niedersächsischen Schul­gesetz steht, dass alle Kinder schulpflichtig sind. Sobald aber die Lehrkräfte staatlicher Schulen beziehungsweise die Schulleitung erfahren, dass ein Kind sich ohne legalen Aufenthaltsstatus in Deutschland aufhält, müssen sie das den Ausländerbehörden melden. Ein illegaler Aufenthalt ist in Deutschland eine Straftat.

Wenige Tage nach ihrem Besuch in der Schule bekam Anna Post: die Bestätigung der Einschulung von Tanja. "Ich war total überrascht", sagt Anna. Der Direktor hatte sich - vielleicht nach Rücksprache mit der Schulbehörde - anders entschieden. Eine Woche später stieg Tanja zum ersten Mal in den Schulbus. Sie besucht nun die neunte Klasse dieser Schule. Im Sommer will sie ihren Abschluss machen. Bisher hat sonst niemand bemerkt, dass sie ohne ­gültige Papiere in Deutschland ist. "In der Schule brauche ich ja keinen Pass. Und Ausflüge machen wir nur innerhalb Deutschlands. Nur die Realschüler fahren ins Ausland, nach Amsterdam", sagt Tan­ja.

Wie es nach der Schule weitergehen soll, weiß sie nicht. Im Unterricht üben sie gerade Vorstellungsgespräche und Be­werbungen zu schreiben. Sie weiß, dass das umsonst ist. Selbst wenn sie genommen würde: "Ohne Papiere", sagt Tanja, "kriege ich keine Stelle."

 


Das Projekt:

Es gibt eine Ausstellung zum Thema "Leben im Verborgenen - Menschen ohne Pass und Papiere in Deutschland". Sie wurde konzipiert vom Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers (Archivstraße 3, 30169 Hannover; Telefon: 0511/1241-127; E-Mail: ). Dort ist die Ausstellung auch auszuleihen. Über die Inhalte und Anliegen dieser Ausstellung informiert auch die Seite http://www.leben-im-verborgenen.de. Projektleiter ist Pastor Christoph Dahling-Sander, Schirmherrin der Ausstellung ist die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann.


Der vorstehende Beitrag ist auch in der Oktober-Ausgabe des Magazins "chrismon" erschienen.