EKD-Umweltbeauftragter kritisiert Wachstumsdenken

EKD-Umweltbeauftragter kritisiert Wachstumsdenken
Der Umweltbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Hans Diefenbacher, verlangt klare Schritte zur Begrenzung des Klimawandels - und kritisiert das immer noch verbreitete Wachstumsdenken.

Der Ausstoß an Kohlendioxid hat seit der Zeit der Industrialisierung um ein Vielfaches zugenommen, der Treibhauseffekt führt zur globalen Erwärmung, die Eisschmelze an den Polen bedroht weltweit die Küstenregionen. Erste Südseeinseln schließen bereits Übersiedlungsabkommen mit Australien und Neuseeland, Städte wie Hamburg oder Venedig wird es im 22. Jahrhundert voraussichtlich nicht mehr geben – zumindest nicht dort, wo sie jetzt sind. Horrorszenario oder echte Gefahr? Der Klimawandel ist jedenfalls ins Zentrum der politischen Debatte gerückt.

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Für den Umweltbeauftragen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Hans Diefenbacher, ist die Frage, ob das Klima noch zu retten ist, nicht so einfach zu beantworten. „Ich weiß es nicht“, bekennt der Wirtschaftswissenschaftler freimütig. Für unabdingbar hält er indes das vor kurzem international beschlossene Ziel, den weltweiten Temperaturanstieg in den nächsten Jahrzehnten auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Dann wären sowohl die ökologischen als auch die finanziellen Folgen des Klimawandels noch einigermaßen beherrschbar, hofft Diefenbacher.

Industrieländer besonders gefordert

Vorgenommen haben sich die Staaten auch, die Kohlendioxid-Emissionen bis zum Jahr 2050 um die Hälfte gegenüber dem Referenzjahr 1990 zu senken. Das allerdings verlangt von den Industrieländern mit ihrem hohen Energieverbrauch besondere Anstrengungen: Hier müsste die Quote um 80 bis 90 Prozent sinken. Unerreichbar? Diefenbacher kritisiert vor allem das immer noch verbreitete Wachstumsdenken im Westen, spricht von einem „Fetisch“. Dem Umsteuerungsgedanken stehe dies diametral entgegen. Man müsse nicht gleich die Marktwirtschaft abschaffen, „aber die Orientierung am Wachstum wird scheitern“.

Was aber kann der einzelne Mensch im Alltag tun? „Wir sollten mit dem anfangen, was uns leichtfällt“, sagt Diefenbacher, der an der Heidelberger Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft tätig ist. Weniger Auto fahren, auf Ökostrom umstellen, Standby-Funktionen meiden – und im Wahlkampf Politiker fragen, wie sie es mit der Umwelt halten. Der Forscher wirbt für ein Tempo- und Beschleunigungslimit auf den Straßen und stellt die Frage, warum es in Deutschland keine Kühlschränke gibt, die in die Außenmauern von Häusern eingebaut sind. Anderswo ist das üblich, der Energie wegen.

„Die Klimakrise gehört zu den unbequemen Wahrheiten, die wir gern verdrängen“, betont auch der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Volker Jung. „Denn sie hat viel mit unserem Lebensstil zu tun.“ Die Kirche muss nach Überzeugung des Theologen nicht nur das Bewusstsein für den Ernst der Lage wecken, sondern selbst konsequent ökologisch handeln. Das betont auch die in diesem Jahr veröffentlichte EKD-Klimadenkschrift. Die hessen-nassauische Landeskirche geht dabei mit gutem Beispiel voran: Bis 2015 will sie die CO2-Emissionen in ihren Einrichtungen um ein Viertel senken, die Gemeinden sollen zum Umstieg auf Ökostrom ermuntert werden.

Ausstellung "Klima der Gerechtigkeit"

Als Ursachen des Klimawandels nennt Jung ein falsches Verständnis von Natur ("Wir können nicht beliebig über sie verfügen") sowie die Herrschaft von Menschen über Menschen: „Ein Leben auf Kosten anderer führt nicht zu Frieden und Gerechtigkeit“, mahnt der Kirchenpräsident. Alternativen zeigt die Ausstellung „Klima der Gerechtigkeit“, die zurzeit im Rhein-Main-Gebiet zu sehen ist und die Jung gemeinsam mit Diefenbacher am Dienstagabend in Mainz vorstellten. Die Wanderschau der Vereinten Evangelischen Mission präsentiert zahlreiche Beispiele, wie sich die Folgen der Klimaveränderungen mildern lassen – und wie sehr die Bewahrung der Schöpfung mit dem christlichen Glauben verknüpft ist.

Gerade in den Kirchen hat in ökologischen Fragen ein Umschwung begonnen, stellt der EKD-Umeweltbeauftragte erfreut fest. Über Pilotprojekte hinaus „müssen wir aber in die Breite der Einrichtungen hinein“, so Diefenbacher. Was die im Dezember anstehende Weltklimakonferenz betrifft, ist er allerdings nicht gerade optimistisch: „Wir können froh sein, wenn es in Kopenhagen keinen Rückschritt gibt.“ Die Europäer müssten bei ihrer Linie bleiben, die USA und die Schwellenländer ins Boot geholt werden. Klimawandel, das steht fest, geht alle an – von Hamburg bis zur Südsee.

Die Ausstellung ist bis 29. September im Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der EKHN in Mainz und vom 1. bis 18. Oktober in der Alten Nikolaikirche am Frankfurter Römerberg zu sehen.