90 Jahre Frauenwahlrecht und Männer dominieren die Politik

90 Jahre Frauenwahlrecht und Männer dominieren die Politik
Eine Bundeskanzlerin, fünf Bundesministerinnen und 197 weibliche Abgeordnete: Damit erreicht der Frauenanteil in der Bundesregierung derzeit 38, im Bundestag 32 Prozent. Dass Frauen wählen und gewählt werden dürfen, ist in Deutschland heute eine Selbstverständlichkeit. Nicht aber vor 90 Jahren.

Der 19. Januar 1919 kam einer Sensation gleich: Bei den Wahlen zur Nationalversammlung in der Weimarer Republik durften deutsche Frauen erstmals ihre Stimme abgeben und sich zur Wahl aufstellen lassen. 82 Prozent der wahlberechtigten Frauen traten damals den Gang zur Urne an. Auf Anhieb konnten 37 Kandidatinnen einen der 423 Plätze im Parlament ergattern.

 

Betrachtet man allein die Zahlen, so scheinen Frauen auf dem besten Weg zu sein, endlich den Durchbruch in der Männerdomäne "Politik" zu schaffen. "Von wegen", meint Julia Paulus, wissenschaftliche Referentin für Frauen- und Geschlechtergeschichte an der Universität Münster. "Der leichte Boom an weiblichen Abgeordneten und Ministerinnen seit den 80er Jahren ist allein den parteiinternen Frauenquoten zu verdanken", sagt Paulus. In den vergangenen zwanzig Jahren sind nach und nach Frauenquoten eingeführt worden, die bei der Ämterbesetzung berücksichtigt werden müssen.

 

Hitler entzog Frauen das Wahlrecht

 

Vorreiter seien hier die Parteien des linken Flügels, die zum Teil einen Frauenanteil von 50 Prozent festlegten; CDU/CSU und FDP hätten keine bindenden Vorschriften und bildeten daher das Schlusslicht mit 21 beziehungsweise 25 Prozent an weiblichen Bundestagsabgeordneten. "Natürlich wäre es besser, Gleichheit ohne Quote zu erreichen", urteilt Paulus. "Aber das scheint eine Utopie zu sein. Wenn sich von allein nichts ändert, muss man eben zu solchen Maßnahmen greifen."

 

Während der Nazidiktatur entzog Adolf Hitler den Frauen das Wahlrecht. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg durften Frauen wieder ihre Stimme abgeben und gewählt werden. "Doch das bedeutete natürlich einen Knick in der Frauenbewegung", sagt Paulus. Bis in die 70er Jahren seien politisch engagierte Frauen eher belächelt worden. So heißt es in der Bielefelder "Freien Presse" über ein rein weiblich besetztes Präsidium des Bundestages aus dem Jahr 1966: "Schmunzelnd und dann mit offener Heiterkeit beugten sich gestern die männlichen Abgeordneten im Bundestag weiblicher Vorherrschaft."

 

Frauen erhalten meist die typischen Ressorts

 

1961 wurde Elisabeth Schwarzhaupt (CDU) von Bundeskanzler Konrad Adenauer zur ersten Bundesministerin ernannt, sie leitete das neu eingerichtete Gesundheitsressort. 1993 folgte mit Heide Simonis (SPD) in Schleswig-Holstein die erste Ministerpräsidentin eines Bundeslandes. 2005 wurde Angela Merkel (CDU) zur ersten deutschen Kanzlerin gewählt.

 

"Auffällig ist, dass Ämter immer noch geschlechterspezifisch vergeben werden", sagt Paulus. Ursula von der Leyen (CDU) ist Familienministerin, Ulla Schmidt (SPD) Gesundheitsministerin. Ressorts wie Verteidigung, innere und äußere Angelegenheiten oder Finanzen sind bislang traditionell den Männern vorbehalten. "Brigitte Zypries als Justizministerin ist schon die große Ausnahme". Angela Merkel als erste Kanzlerin könnte nach Paulus' Ansicht ein neuer Anfang sein: "Die Mädchen von heute sollen sehen, dass sie nicht nur Familienministerin sein können, sondern auch Kanzlerin."

 

Mit ihrem Lebensentwurf stärke Angela Merkel das Selbstbild von Frauen in der Politik, urteilt auch Rita Müller-Hilmer vom Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest. "Sie zeigt, dass Frauen etwas können." Ob die Union bei der nächsten Bundestagswahl aber darum eher von Frauen gewählt werden wird, lasse sich nicht voraussagen. Generell wählten Frauen eher grün oder sozialdemokratisch, bei der Bundestagswahl 2002 stimmten 41 Prozent der Frauen und 36 Prozent der Männer für die SPD. 2005, bei der Merkel-Wahl, sei dieser Links-Trend nicht mehr so stark erkennbar gewesen.

 

Ganz anders die 50er und 60er Jahre: Damals lag der Unionsanteil bei den weiblichen Wählern stets neun bis zehn Prozentpunkte höher als bei den Männern. Nur eins sei über die Jahre unverändert, sagt Müller-Hilmer: Frauen wählten selten radikal. "Die Linkspartei und die NPD sind Männerparteien."