Pflege – Männersache?

Foto: dpa Picture-Alliance / Oliver Killig
Ein Mann kümmert sich um seine Ehefrau, die an Alzheimer erkrankt ist.
Pflege – Männersache?
Wenn Männer pflegen, dann meistens ihre Frau - und im fortgeschrittenen Alter. Sie nehmen in Kauf, dass Freunde wegbleiben und die Beziehung zur Partnerin sich verändert. Über Probleme im Pflege-Alltag zu reden, fällt Männern oft schwerer als Frauen. Doch im Gesprächskreis pflegender Männer fließen durchaus auch mal Tränen.

Pflegearbeit ist Frauensache. Ist sie das wirklich? Inzwischen pflegen auch immer mehr Männer: Zwischen 23 und 35 Prozent schwanken die Schätzungen über den Anteil der Männer, die die Pflege einer angehörigen Person übernehmen. Doch die Pflegearbeit von Männern und Frauen liegt in der Regel in ganz unterschiedlichen Lebensphasen. Während Frauen meist in den Lebensjahren zwischen 50 und 55 involviert sind und sich um ihre Eltern, Schwiegereltern oder andere ältere Verwandte kümmern, liegt das "Pflegealter" bei Männern meist zwischen 80 und 85 Jahren. Das heißt, Männer kümmern sich um ihre Partnerin, die krank, pflegebedürftig oder dement geworden ist. Manfred Langehennig, Professor an der Fachhochschule in Frankfurt, hat in seinen Studien herausgefunden, dass Söhne, die ein Elternteil pflegen, dagegen immer noch äußerst selten sind.

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Nun ist Pflege eine Aufgabe, die den ganzen Menschen fordert und oft keinen Raum für die eigene Person lässt. Daher ist es gut, sich Hilfe und Entlastung zu holen. Das bedeutet zum einen etwa die Unterstützung durch einen ambulanten Pflegedienst und Hilfskräfte für den Haushalt oder die Beaufsichtigung des Pflegebedürftigen. Entlastend kann aber auch das Gespräch sein, etwa mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen, die Tipps für den Pflegealltag geben oder auch nur verständnisvoll zuhören können. Während Frauen oft den Weg in Gesprächskreise pflegender Angehöriger finden, fällt es Männern schwer, in solch einem Kreis offen zu sprechen.

Wenn Männer aber unter sich sind, dann bringen sie durchaus auch ihre Gefühle zur Sprache, ja, da können sogar einmal Tränen fließen. So jedenfalls die Erfahrung beim "Treffpunkt für Männer, die ihre Angehörigen pflegen". Dieser Kreis wurde zunächst als zweijähriges Projekt von der Diakoniestation Groß-Umstadt/Otzberg und dem evangelischen Dekanat Vorderer Odenwald initiiert und von Diakon Wolfgang Kettler geleitet. Auch nach Beendigung der Projektphase treffen sich die Männer weiterhin – nun bereits im vierten Jahr. Bei den monatlichen Treffen sind immer um die 15 Männer dabei. Einige kommen sogar noch, obwohl die Person, die sie gepflegt haben, gestorben ist. Der Treffpunkt pflegender Männer hat im vergangenen Jahr als eines von elf Projekten den Hessischen Demografiepreis bekommen.

"Demenz ist ein laufender Abschied"

Konrad Probsthain ist seit einem Jahr Witwer. Er hat seine früh an Demenz erkrankte Frau 20 Jahre lang gepflegt. Immerhin ein Drittel seiner Ehezeit war von der Krankheit seiner Frau bestimmt. "Immer mit dabei, immer mittendrin", war sein Motto. Das bedeutete auch, dass er nur die Menschen als Freunde annehmen konnte, die seine kranke Frau akzeptierten. "Uns gab es nur im Doppelpack", sagt er. Die Pflege hatte er als seine Aufgabe angenommen.

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Das galt auch für Karlheinz Lörner. "Wie ein Blitz" schlug die Erkrankung seiner Mutter in sein Leben ein. Selbstverständlich nahm er sie in sein Haus auf und pflegt sie seit fünf Jahren. Vieles ist zwar leichter geworden, seit der 66-Jährige in Rente ist. Doch er muss hinnehmen, dass die meisten sozialen Kontakte abgebrochen sind. Der Gesprächskreis und der damit verbundene Austausch mit den anderen Männern gibt ein bisschen davon zurück.

In vielen Fällen, in denen ein Mann seine Frau pflegt, ist diese an Demenz erkrankt. Neben der neuen Rolle als Pflegepersonen müssen die Ehemänner auch damit fertigwerden, dass sich die Beziehung zur geliebten Frau verändert. Heinrich B. etwa hat sich 13 Jahre zunächst ohne Hilfe, später mit Unterstützung um seine Frau gekümmert. Am meisten hat er darunter gelitten, dass er nicht mehr mit ihr über all das diskutieren konnte, was sie beide interessiert hatte. "Das Verständnis zwischen uns war weg. Demenz ist ein laufender Abschied", so sein bitteres Fazit.

Pflege ist mehr als Management

Werner Schild dagegen empfindet die Beziehung zu seiner dementen Frau als gar nicht so sehr verändert, auch wenn sie ab und an aggressiv auf ihn reagiert. Bei seinen täglichen Besuchen im Pflegeheim vermittele sie ihm immer wieder, dass sie sich freue und ihn liebe. "Die Betreuung meiner Frau ist meine Aufgabe, ich gehe darin auf", sagt er.

Männer machten in der Pflege oft neue Erfahrungen, sagt Manfred Langehennig. Nähe, Emotionen, Sensibilität für das Erleben der anderen Person – das seien früher für sie eher fremde Bereiche gewesen. Männer definierten sich meist über ihr berufliches Umfeld und die dort gemachten Erfahrungen und nähmen daher die Pflege als eine Art Management-Aufgabe wahr. Ihre Haltung zur Pflege selbst sei sehr unterschiedlich und hänge auch von ihren speziellen Fähigkeiten ab. So beschäftigten sich Techniker häufig damit, selbst Hilfemöglichkeiten durch Geräte und Vorrichtungen zu erfinden.

Ein wichtiger Unterschied zu pflegenden Frauen sei die Motivation, sagt er. Männer stünden nicht wie Frauen unter dem gesellschaftlichen Druck, zu pflegen. Wenn sie sich dafür entschieden, so täten sie dies in der Regel aus Liebe und nicht aus Pflichtbewusstsein. Diese freiwillige Entscheidung trage viel zur Zufriedenheit bei, die die meisten Männer in der Pflege äußerten, so Langehennig. Die zu bewältigenden Aufgaben seien aber letztendlich bei pflegenden Männern und Frauen die gleichen.