"Ich weiß, dass ich auf der richtigen Seite stehe"

Alice Nkom / Homosexualität in Kamerun

Foto: Amnesty International/Anzenberge/Toby Binder

"Ich weiß, dass ich auf der richtigen Seite stehe"
Die Anwältin Alice Nkom setzt sich für Homosexuelle in Kamerun ein
Sexuelle Selbstbestimmung gilt als Menschenrecht. Doch weltweit werden Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt, misshandelt, inhaftiert oder ermordet. In Kamerun erhebt eine mutige Anwältin dagegen ihre Stimme - unter Lebensgefahr. Sie bekommt am 18. März den Menschenrechtspreis von Amnesty International.

Als sie von Rogers Tod hörte, war Alice Nkom gelähmt. Roger Mdebe war eines von ihren "Kindern". So nennt die Rechtsanwältin aus Kamerun ihre Mandanten - Lesben, Bisexuelle, Transgender, Intersexuelle oder eben Schwule wie Roger. Er saß im Gefängnis wegen einer SMS an einen anderen Mann: "Ich liebe dich sehr." Aus dem Gefängnis wegen seines schlechten Gesundheitszustands entlassen, war Roger ein Paria. Anfang Januar starb er - allein gelassen von seiner Familie, die ihm jede Unterstützung versagte, erzählt Alice Nkom. Am 18. März erhält die 69-Jährige in Berlin den Menschenrechtspreis von Amnesty International

Die Anwältin Alice Nkom bekommt am 18. März den Menschenrechtspreis von Amnesty International.

Alice Nkom kommt 1945 in der damaligen französischen Kolonie Kamerun auf die Welt. 1969 wird der westafrikanische Staat unabhängig und Nkom die erste schwarze Rechtsanwältin des Landes. 2003 begegnet sie homosexuellen Touristen aus Frankreich. "Mir wurde klar, wie ungerecht sexuelle Minderheiten in Kamerun behandelt werden." Fortan verschreibt sie sich dem juristischen Kampf für die Rechte dieser Minderheit. Kamerun ist eines von 76 Ländern weltweit, in denen Homosexualität unter Strafe steht. Gleichgeschlechtlicher Sex wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. Für eine Verurteilung genügt häufig der Verdacht.

2005 gründet Nkom ADEFHO, eine Vereinigung zur Verteidigung der Rechte von sexuellen Minderheiten. Weil sie immer wieder bedroht wird, begleiten sie Bodyguards in die Gerichtssäle. "Man droht mir sogar mit dem Tod." Wenn sie Anzeige erstattet, weigert sich die Polizei, zu ermitteln.

Wer sich in Kamerun für sexuelle Minderheiten einsetzt, lebt gefährlich: Der Aktivist Eric Lembembe wurde im Juli 2013 ermordet, man fand ihn mit zertrümmertem Genick in seiner Wohnung. Trotz dieser Gewalt findet sich in Alice Nkoms Stimme keine Spur von Hass, Verbitterung oder Ernüchterung. Im Gegenteil: Sie wirkt fröhlich und ausgelassen. Woher nimmt sie ihre Kraft? "Ich habe eine Schuld abzutragen", sagt sie bei einem Besuch in Berlin. "Andere Generationen haben dafür gekämpft, dass ich als Frau heute selbstbestimmt auftreten kann. Ich muss diesen Kampf fortsetzen."

"Die Leute sind unzufrieden, also müssen Schuldige her"

Trauer und Wut bestärken sie noch in ihrer Überzeugung. "Ich bin um nichts in der Welt bereit, mein Engagement zu beenden", sagt sie. "Ich weiß, dass ich auf der richtigen Seite stehe." Sie hat Etappensiege errungen. Mehrfach sollte sie verhaftet werden, doch es gelang nicht. Ihr größter Triumph: Der Freispruch von Jonas und Francky vor einem Berufungsgericht Anfang Januar 2013. Die jungen Männer wurden der Homosexualität beschuldigt, weil sie gemeinsam Baileys tranken - ein "weibliches" Getränk.

Wütend ist Nkom auf die katholische Kirche Kameruns. Der ehemalige Erzbischof von Yaoundé, Simon-Victor Bakot, habe gegen Homosexuelle gepredigt, erzählt sie. Hetzkampagnen und Übergriffe waren die Folgen. "Die katholische Kirche spielt eine sehr unwürdige Rolle", sagt die Juristin. Von den Protestanten erhoffte sie sich Unterstützung - und wurde auch hier enttäuscht. Ein befreundeter Pfarrer, der Toleranz predigte, habe seinen Job verloren.

Alice Nkom ärgert das. Sie ist überzeugt: "Man kann auch theologisch gegen Homophobie argumentieren." Dass sich Südafrikas Bischof und Freiheitsikone Desmond Tutu gegen Homosexuellenhass ausspricht, bestärkt sie. Wie die Kirchen in Europa zur Homosexualität stehen, interessiert sie deshalb sehr. Als in Frankreich Zehntausende gegen die Homo-Ehe auf die Straße gingen, war sie enttäuscht.

Während viele europäische und südamerikanische Länder ihre Gesetze zu sexuellen Minderheiten liberalisieren und homosexuelle Partnerschaften der Ehe gleichstellen, ist in anderen Teilen der Erde das Gegenteil zu beobachten. "Die Gesetze gegen Homosexuelle sind mit den Kolonialherren nach Afrika gekommen", sagt Nkom. "Wir könnten jetzt wieder dem europäischem Vorbild folgen und die Gesetzgebung liberalisieren." Stattdessen aber müssten Homosexuelle als Sündenböcke herhalten. "Im Prinzip ist es dasselbe wie bei Putin", meint die Anwältin. "Die afrikanischen Regierungen schaffen es nicht, ihr Land zu demokratisieren und weiterzuentwickeln. Die Leute sind unzufrieden, also müssen Schuldige her."

Nach Angaben von Amnesty International werden homosexuelle Handlungen in 36 Staaten südlich der Sahara als Straftat verfolgt. In Mauretanien, im Sudan und in Somalia droht Schwulen und Lesben sogar die Todesstrafe. In den vergangenen Monaten wurde in Uganda, Nigeria und Liberia die Gesetzgebung gegen Homosexuelle verschärft. Ugandas Präsident Yoweri Museveni unterzeichnete Ende Februar ein Gesetz, nach dem Schwule und Lesben zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt werden können. In Nigeria drohen Homosexuellen seit Anfang des Jahres bis zu 14 Jahre Haft. In Kamerun wird gleichgeschlechtlicher Sex mit bis zu fünf Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von bis zu 350 US-Dollar bestraft. Südafrika hat die liberalste Gesetzgebung des Kontinents. Doch obwohl das Land als erstes weltweit den Schutz sexueller Minderheiten in die Verfassung aufnahm und die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubte, werden homo-, trans- und intersexuelle Menschen dort häufig verfolgt, vergewaltigt oder ermordet.