Berlinale: Favoritenstürze und ein chinesischer Sieg

Berlinale 2014 - Goldener Bär für  "Bai Ri Yan Huo"

Foto: dpa/Berlinale

Der Schauspieler Fan Liao in einer Szene des Films "Bai Ri Yan Huo". Der chinesische Krimi gewann den Goldenen Bären bei der Berlinale.

Berlinale: Favoritenstürze und ein chinesischer Sieg
Die Favoriten fielen durch, und in einem nicht wirklich überzeugenden Wettbewerb der diesjährigen Internationalen Filmfestspiele in Berlin setzte sich ein Beitrag aus China durch.
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Zuerst ist es nur ein Paket. Dann realisiert der Zuschauer, dass es sich um ein Leichenteil handelt, das mit der transportierten Kohle auf einen Laster und dann auf das Förderband gerät, wo es ein Arbeiter entdeckt. Der chinesische Beitrag "Black Coal, Thin Ice" von Diao Yinan hatte sicherlich den stärksten, Zeichen setzenden Anfang im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale. "Black Coal, Thin Ice" ist durchgängig ein Film von großer visueller Kraft - und bekam den Goldenen Bären.Hauptdarsteller Lia Fan für seine Rolle als ehemaliger Polizist, der das Leichenpuzzle zusammensetzen muss, erhielt zudem den Silbernen Bären als bester Darsteller. Der chinesische Film war sicherlich einer der stärkeren Filme im nicht wirklich überzeugenden Wettbewerb der diesjährigen Berlinale, aus dem nur wenige Filme herausragten.

Die namenlose Stadt

"Black Coal, Thin Ice" ist ein Film mit gescheiterten Gestalten, einer rätselhaften Femme Fatale und einer - namenlos bleibenden - nordchinesischen Stadt, die Diao Yinans Kameramann kühl als ein seltsames Labyrinth mit bunten Lichtpunkten aufgenommen hat. Ein Ort der Tristesse, schließlich spielt der Film im fahlen Licht des Winters.

Mehr verdient hätte den Goldenen Bären Richard Linklaters "Boyhood", das Meisterwerk dieser Filmfestspiele, die Geschichte einer Kindheit in Texas. Schon von seiner Anlage her ist dieses Filmprojekt einzigartig: Über zwölf Jahre lang hat Linklater seine vier Hauptdarsteller immer wieder zum Drehen zusammengerufen. Patricia Arquette spielt eine - meist - alleinerziehende Mutter, die mit ihrer Tochter (Lorelei Linklater) und ihrem Sohn Sam (Ellar Coltrane) immer wieder umzieht. Ethan Hawke gibt den geschiedenen Vater, der über die Jahre den Kontakt hält. Linklater schafft es, den Zuschauer mit perfekten Dialogen und berührenden Momentaufnahmen am Heranwachsen eines jungen Mannes teilnehmen zu lassen - und den Zuschauer fast drei Stunden bei der Stange zu halten.

Für Linklater bleibt nur der Trostpreis

Selten ist das Modell Patchworkfamilie so faszinierend dargestellt worden wie in "Boyhood", und selten waren sich Kritiker und Publikum so einig wie bei diesem Film. Dass Linklater von der in diesem Jahr hochkarätig besetzten Jury (unter anderem mit "James Bond"-Produzentin Barbara Broccoli sowie den Schauspielern Christoph Waltz und Tony Leung) nur den Trostpreis eines Silbernen Bären als bester Regisseur zugesprochen bekam, gehört zu den großen Rätseln der 64. Berlinale-Ausgabe.

Auch "Grand Budapest Hotel", Wes Andersons opulent ausgestattete Tragikomödie, wurde nur mit einem Silbernen Bären (Großer Preis der Jury) bedacht. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es mittlerweile so etwas wie einen Berlinale-Stil gibt, der kleine, authentisch konzipierte Filme, in denen der Alltag bis zum Überdruss eine bedeutende Rolle spielt, bevorzugt - und die man oft nach der Berlinale sofort vergisst.

Verborgene Leidenschaften eines Dienstmädchens

Es gibt nur wenige Regisseure, die diesen Alltag so berührend und transzendent erzählen können wie der mittlerweile 83-jährige japanische Regisseur Yoji Yamada in seinem "The Little House", der Geschichte eines Dienstmädchens in einer Tokioter Familie. Es geht um verborgen bleibende Leidenschaften, und der Film spielt fast ausschließlich in Innenräumen. Aber der Film erzählt auch von den Auswirkungen des Krieges, zuerst des chinesisch-japanischen und später dann des Zweiten Weltkriegs, auf das Zusammenleben der Menschen. Auch dieses meisterhafte Beitrag hätte mehr verdient als nur den Silbernen Bären für seine hervorragende Hauptdarstellerin Haru Kuroki in der Rolle des Dienstmädchens Taki.

Es gehört mittlerweile zu den Gepflogenheiten der Berlinale, in Babelsberg realisierte Filme wie "Grand Budapest Hotel", "Monuments Men" oder das Special-Effects-Spektakel "La belle et la bete" im Wettbewerb zu präsentieren. In diesem Jahr war auch die Quote deutscher Filme mit vier Beiträgen unter 20 Filmen so hoch wie schon lange nicht. Gewonnen hat allerdings nur einer etwas: Dietrich und Anna Brüggemann erhielten für ihr Drehbuch zu "Kreuzweg" den Silbernen Bären. "Kreuzweg" ist die Leidensgeschichte eines Mädchens aus einer fundamentalistisch-katholischen Familie, angelehnt an die 14 Stationen des Leidenswegs Christi.