Der Ruf der Christen in der DDR nach Gerechtigkeit

Menschenkette am Alexanderplatz in Berlin

Foto: Harald Hauswald/OSTKREUZ

Mutige Demonstranten bildeten schon am 1. September 1983 an der Marienkirche in Berlin (Alexanderplatz) eine unerlaubte Menschenkette.

Der Ruf der Christen in der DDR nach Gerechtigkeit
DDR, 1989: Die Herrschenden träumten noch vom "Glück des Volkes" hinter der Mauer. Doch das Volk begann, das verordnete Glück abzulehnen. Die "Zeichen an der Wand" waren unübersehbar - vor allem in der Kirche.

Eines der damaligen Zeichen war das Papier "Mehr Gerechtigkeit in der DDR". Mitte Januar 1989 nahm es seinen Weg in christliche Gemeinden, in evangelische, katholische und die der Freikirchen. Seit 1987 bereiteten Vertreter der christlichen Kirchen die "Ökumenische Versammlung für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung" vor und berieten darüber, wie aus der DDR ein lebenswerter Staat für alle werden könnte. Der Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer sagte dazu: "In all unserer freien Zeit saßen wir von Greifswald bis Suhl zusammen, machten emsig Vorschläge oder arbeiteten an Papieren. Wir machten uns auf alles gefasst. Wir wollten keineswegs mehr so weiterleben wie bisher."

Was da "nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch" herauskam, galt schon bald als "Magna Charta der DDR-Opposition", als ihre "Regierungserklärung", sollte die SED einmal gehen müssen. Auch wenn das nicht wenige Menschen herbeisehnten, ein Termin für den Abgang stand in den Sternen.

Forderung nach echten Wahlen

Das Papier war mutig: Es rief die Christen auf - und nicht nur sie - in ihrem Umfeld "mutige Schritte zu mehr Gerechtigkeit" zu gehen, also ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Dafür sollten sie "auch Opfer und Nachteile auf sich nehmen". Dass Mut in der DDR Nachteile bringt, wussten alle: Parteigänger, Gegner, Unentschlossene. Bewusst Opfer und Nachteile in Kauf zu nehmen, hatten bis dahin vor allem Menschen gewagt, die mit der DDR total abgeschlossen hatten. Nun sollte jeder dazu bereit sein, sagten die Kirchen.

Sie forderten die Herrschenden auf, Wahlen zu organisieren, die "die Urteilsfähigkeit der Bürger wirklich erfordern" statt einer Einheitswahl mit 99 Prozent Zustimmung. DDR-Wahlen mit Einheitsliste und offener Stimmabgabe nahm ohnehin kaum einer ernst. Manch einer spottete sogar: "Das Ergebnis interessiert erst, wenn es über hundert Prozent liegt." Bei vorangegangen Wahlen hatte kein Wahlhelfer Zustimmungsraten von 99 Prozent erlebt - der Verdacht der Fälschung lag deshalb nahe.

Gefordert wurden unabhängige Richter und ein Bildungswesen, das zu eigenem Urteil befähigt. Gängelung und Frustration, Mangel an Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit entmutigten, verbitterten und entmündigten Menschen. "Weil vom Bürger erwartet wird, dass er sagt, was man hören will, hat er sich daran gewöhnt, etwas anderes zu sagen, als er denkt und anders zu handeln, als es seinen Überzeugungen entspricht", stand da geschrieben. Und: "Wenn sich Bürger auf Grund gemeinsamer gesellschaftlicher Interessen zusammenfinden, geraten sie schnell in den Verdacht staatsfeindlicher Aktivitäten." Weiter hieß es: "Wer irgendwie auffällt und sich nicht wie erwartet angepasst verhält, muss mit Rückwirkungen in ganz anderen Lebensbereichen rechnen."

Erst Zehntausende, dann Hunderttausende

Ein weiteres Zeichen an der Wand kam aus Leipzig. Am Gedenktag für die im Januar 1919 ermordeten Kommunisten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wiederholten in Liebknechts Geburtsstadt Oppositionelle das, was im Jahr zuvor Berliner gewagt hatten und mit Verhaftungen und Ausweisungen bezahlen mussten. Am "heiligen" DDR-Gedenktag, an dem SED-Genossen schweigend durch die Straßen zogen, demonstrierten sie. Dabei wiederholte sich in Leipzig der Tabubruch mit dem Luxemburg-Zitat "Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden" - ein Zitat, das SED-Gläubige kaum kannten, weil es "Andersdenkende" nicht geben durfte.

5.000 Flugblätter hatten die Demonstranten in Leipzig verteilt. So eine Großaktion blieb der Stasi nicht verborgen. Sie verhaftete am Ende zwölf Organisatoren. Dennoch: Zum Zeitpunkt der Demonstration waren 700 bis 800 Menschen vor Leipzigs Rathaus, die fast alle am Schweigemarsch teilnahmen. Die DDR-Polizei löste diesen erst nach einem guten Stück Weg auf und setzte "Rädelsführer" fest. Doch Ende Januar war alles vorbei: Die Inhaftierten kamen frei. Die Methode Friedhofsruhe allerdings funktionierte nicht mehr. Das Zurückweichen der Staatsmacht bei diesem Probelauf ermutigte im Herbst zu weiteren Demonstrationen, denen erst Zehntausende, dann Hunderttausende folgten.