Vom Ende einer Legende

Die Esso-Häuser in Hamburg.

Foto: Christiane Paul Krenkler

Die Esso-Häuser in Hamburg.

Vom Ende einer Legende
Die Hamburger Esso-Häuser sollen Neubauten weichen
Als die behelmten Polizisten in der Nacht zum dritten Advent an die Türen hämmern, wird den Bewohnern der Hamburger Esso-Häuser der Boden unter den Füßen weggezogen. Sie müssen raus - akute Einsturzgefahr. Fast 100 Hamburger verlieren ihre Wohnungen und ein Kiez sein Herz.

Jahrelang haben die Bewohner mit Hilfe der Esso-Häuser-Initiative gegen die Pläne der Bayerischen Hausbau gekämpft und versucht, das Immobilienunternehmen von einer Sanierung zu überzeugen. Vergebens. Nun wird der Komplex an der Reeperbahn wohl früher abgerissen.

Deutschland bekannteste "Tanke" ist Geschichte

Ein Zeuge der Nachkriegsarchitektur verschwindet. Und seine Bewohner dürfen kaum mehr mitnehmen als das, was sie am Leibe tragen. Zwei Bewohner haben an diesem Samstagabend bei der Polizei angerufen und geschildert, wie ihre Wände wackelten. Die Behörden reagieren sofort. Wer die Tür nicht öffnet, dem wird sie eingetreten. Zwischen 22.30 Uhr und ein Uhr morgens gehen die Einsatzkräfte von Tür zu Tür.

Viele Bewohner werden aus dem Schlaf gerissen. Sie haben nur Sekunden Zeit, um sich anzuziehen, eine Jacke und vielleicht die Handtasche zu greifen. Dann raus. Ähnlich sieht es im gewerblich betriebenen Erdgeschoss aus. Im Molotow-Club wird ein voll besuchtes Konzert der Band Madsen abgebrochen und im Planet Pauli eine Feier. Die Konzertbesucher treten verdutzt den Heimweg an. Und die Bewohner? Was von der Nacht noch übrig ist, verbringen jene, die nicht bei Bekannten unterkommen, in einer Turnhalle. Am nächsten Tag geht es in Hotels.

Die Polizei holte die Bewohner der ESSO-Häuser in der Nacht zum dritten Advent aus den Wohnungen.

Der Streit um die Häuser, die ihren Namen der anliegenden Esso-Tankstelle verdanken, tobt seit Jahren. Für viele ist das Areal zum Sinnbild und vorläufigem Höhepunkt der Gentrifizierung in einem der ärmsten Stadtteile dieser reichen Stadt geworden. Bereits in den vergangenen Jahren haben Investoren teure Prestigebauten wie die Tanzenden Türme oder hochpreisige Wohnanlagen wie das Bavaria-Quartier auf St. Pauli gebaut.

Viele Male war Deutschlands bekannteste "Tanke", wie sie von Einheimischen schlicht genannt wird, die Hauptdarstellerin in Dokumentationen. Hier trafen sich Nachtschwärmer und Touristen, kauften Kiezbewohner ein, wenn alles andere zu hatte. Esso-Häuser Vorbesitzer Jürgen Schütze feierte erst im November das 50. Jubiläum seiner Waschstraße, die erste Anlage, die in Hamburg in Betrieb ging. Bis heute konnten Autofahrer ihr geliebtes Vehikel hier von Hand waschen lassen.

Die Esso-Häuser – das sind nicht irgendwelche Gebäude. Sie sind das Herz eines ganzen Viertels. Der Komplex aus den 1960er Jahren ist ein typisches Beispiel der Nachkriegsmoderne. Mit dem Abriss verschwinde auch die bauliche Hinterlassenschaft einer Ära, die unsere Gesellschaft besonders stark geprägt habe, schrieb einst das Hamburger Abendblatt. Politik und Investor ließen sich davon ebenso wenig überzeugen wie von der Tatsache, dass hier Kiezbewohner leben, die ihr soziales Umfeld verlieren würden. Die Pläne der milliardenschweren Bayerischen Hausbau sehen anders aus.

Das Unternehmen lehnt finanzielle Entschädigungen ab

Sie möchte abreißen und an gleicher Stelle einen neuen und größeren Wohn- und Gewerbebau errichten. Die Gewerbefläche soll von 2400 auf 5000 Quadratmeter erweitert werden. Außerdem sind 240 Wohnungen geplant. Der Investor strebt zu je einem Drittel öffentlich geförderte Wohnungen sowie Miet- und Eigentumswohnungen an. Bernhard Taubenberger, der Sprecher der Bayerischen Hausbau, sagte, dass man den Bewohnern auch weiterhin ein Rückkehrrecht einräume und das "ohne Wenn und Aber". Mehr als 30 Prozent Sozialwohnungen, wie der Bezirk forderte, wären nicht drin, erklärte Taubenberger.

Schnell irgendetwas anziehen und raus - Bewohner nach der Räumung

Nach den Untersuchungen durch Statiker steht kurz vor Weihnachten fest, dass die Häuser nicht mehr bewohnt werden dürfen. Sie hatten feine Risse in den Wänden der Tiefgarage und neuen Betonstaub entdeckt. "Das sind Indizien dafür, dass das Haus arbeitet", sagte ein Sprecher des Bezirksamts. Dass die Stadt den Abriss nun schon Anfang 2014 genehmigen will, freut die Bayerische Hausbau. So kann sie ihre Pläne weitaus früher realisieren.

Bereits im vergangenen Juni hatte ein vom  Bezirk in Auftrag gegebenes Gutachten massive Schäden an der Bausubstanz festgestellt. Die Häuser waren baufällig. Das Gutachten zeigte aber auch, dass die notwendigen Instandsetzungsmaßnahmen seit Jahrzehnten nicht erfolgt sind. "Es ist ein Skandal, dass die Häuser in diesen Zustand kommen konnten", kritisiert Steffen Jörg vom Verein für Gemeinwesenarbeit. Seit der Investor den Häuser-Komplex 2009 samt Tankstelle für 18,9 Millionen Euro gekauft hat, setzte sich Jörg gegen den Abriss und für eine Sanierung ein. Er unterstützte mit der Esso-Häuser-Initiative die Bewohner bei ihrem Protest und organisierte Demos, Pressekonferenzen und Gespräche mit Politikern.

Weihnachten im Hotel

Jörg ist verärgert, dass die Verantwortung zwischen allen Beteiligten hin und her geschoben wird: "Sie wussten, was sie da kaufen und sind auch dafür zur Verantwortung zu ziehen." Er wird nicht aufgeben. Wenn man schon nicht saniert, dann sollen den Leuten wenigstens Ersatzwohnungen und ein Rückkehrrecht garantiert werden. Finanzielle Entschädigungen, wie die Initiative sie fordert, lehnt der Investor ab.

Den Mietern helfen die aktuellen Streitereien wenig. Vor Weihnachten dürfen sie in Begleitung des Technischen Hilfwerks noch ein paar wenige persönliche Dinge aus den Häusern holen. Einige Glückliche werden die Feiertage bei Familie oder Bekannten verbringen. Für alle anderen heißt es: Weihnachten im Hotel, bis im Januar und Februar Wohnungen für sie gefunden werden. Der Leiter des zuständigen Bezirksamts Hamburg Mitte, Andy Grote, appellierte an Wohnungseigentümer, so viele Ersatzwohnungen wie möglich bereitzustellen.

Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass alle Bewohner in ihrem Kiez bleiben können. Ihr St. Pauli ist ein teures und begehrtes Pflaster geworden. Die alten Kiezbewohner können es sich schon lange nicht mehr leisten.