Christian Lehnert: "Der Gottesdienst ist keine Talkshow"

Christian Lehnert

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Christian Lehnert

Die FAZ zählt Christian Lehnert zu den besten deutschen Lyrikern der Gegenwart. Im Alltag leitet der Dichter und Theologe ein Leipziger Institut, das den Gottesdienst erforscht. Im Interview mit evangelisch.de reflektiert Lehnert über die Postmoderne und das "krasse Missverhältnis zwischen äußerlichen Aktivitäten und innerer Dürre" in weiten Teilen seiner evangelischen Kirche. Zugleich entwickelt er ungewöhnliche Gedanken zur heutigen Aufgabe von Kirche, Liturgie und religiöser Sprache angesichts des unsagbaren "Abgrunds der Gotteserfahrung".

Herr Lehnert, die Religion hat es – wie die Poesie – in der postmodernen Gesellschaft schwer, sich zu artikulieren. Woran liegt das?

Christian Lehnert: Dafür gibt es verschiedene Gründe. Etwa die verbreitete Angst vor dem Fremden, gar ganz Anderen, dem Unverfügbaren, das technisch-rational nicht zugänglich ist. Diese Zeitstimmung macht es jeder Reflexion über Tod, Schönheit und Transzendenz schwer. Für viele Zeitgenossen ist es absolut plausibel, wenn man sagt: "Religion macht gesund. Macht glücklich. Hilft das Leben zu bewältigen. Schenkt Gemeinschaft. Liefert Werte." Aber das sind rein innerweltliche Begründungen. So macht man das Christentum zu einer Weltanschauung neben anderen. Dass Religion vor allem verstört, mein Lebenskonzept radikal in Frage stellt, das ist für viele Zeitgenossen unerträglich.

Brauchen wir eine widerspenstigere Kirche?

Lehnert: Ich glaube, die Theologen und die religiös Wachen müssen vor allem einem Verständnis von Christentum als Weltanschauung entgegenarbeiten. Die Kirche ist kein Kind der Zeit, sondern sie steht immer mit einem Bein außerhalb. Das gehört seit dem Urchristentum zu ihrem Wesen. Und das macht heute ihre Stellung so problematisch. Es gibt in der Kirche heute leider oft die Tendenz zur gefälligen Anpassung.

Wo passt sich die Kirche zu stark an?

Lehnert: Zum Beispiel wenn sie sich so darstellt, als sei sie eine Organisation – wie etwa eine Partei oder Gewerkschaft. Eine Organisation, die effizient irgendwelche Eigeninteressen vertritt und sich mit Methoden des Qualitätsmanagements verbessern lässt. Das erschwert es Außenstehenden ungemein, wahrzunehmen, dass es auf eine unsichtbare Kirche ankommt. Dass Kirche eher ein von Gott gestifteter Strömungsprozess ist, der immer ins Offene führt und sich doch nach außen in Form von Liebe zeigt. Eine Strömung mit unabsehbaren Folgen – nichts ist beunruhigender!

Was wäre in der heutigen Situation die Aufgabe der Kirche?

Lehnert: Ich glaube, wir sollten Kräfte sammeln, in Ruhe. Sollten uns wieder stärker auf das "Herz" der Kirche besinnen: nämlich auf Gottesdienst, Gebet, Spiritualität. Das ist keine weltabgewandte Selbstbespiegelung, denn es hat immer auch eine diakonische und politische Wirkung. Nur besteht heute ein krasses Missverhältnis zwischen den vielen äußerlichen Aktivitäten unserer Kirche und ihrer inneren Armut und Dürre.

Was kann man als Einzelner tun in dieser Situation?

Lehnert: Ihre Frage zeigt, dass da ein Missverständnis vorliegt. Es ist ja keine Frage des Tuns, sondern des Lassens, des Geschehenlassens, des Sich-Öffnens für eine mögliche Gotteserfahrung! Das geschieht dann individuell sehr unterschiedlich. Ich denke, die Kirchen haben in dieser Dürreperiode vor allem die Aufgabe, keine großen Innovationen oder Wachstumsprojekte zu unternehmen, sondern die bewährten, überlieferten Gefäße zu pflegen, in die dann eventuell wieder etwas einströmen kann.

"Ich bin äußerst skeptisch gegenüber einer in der EKD derzeit maßgeblichen Eventkultur"

Welche Rolle spielt da der Gottesdienst, die Liturgie?

Lehnert: Der Gottesdienst hat wesentlich eine Statthalterfunktion. Die Liturgie zeugt davon, dass etwas dagewesen ist und Spuren hinterlassen hat... der unverfügbare Gott. Wir als Christen leben in der Hoffnung, dass sich diese Spuren stets wieder in Stätten der Gotteserfahrung verwandeln können, dass der Geist einströmt.

Das geschieht ja auch immer wieder in Gottesdiensten.

Lehnert: Ja, punktuell schon. Wir sollten uns nur vor der Versuchung zu hüten, Gotteserfahrungen selbst fabrizieren zu wollen. Sie spiegelt sich in der häufigen Forderung, Gottesdienste müssten Erlebnisqualität haben, müssten umwerfend gut inszeniert sein. Nein! Ich glaube, die Wahrheit des Christentums wird heute in den kleinen, ganz normalen, traditionellen Gottesdiensten gelebt und verantwortet. Ich persönlich meide alle Arten von besonderen Gottesdiensten wie der Teufel das Weihwasser! Ich bin äußerst skeptisch gegenüber einer in der EKD derzeit maßgeblichen Eventkultur. Nehmen Sie das Lutherjubiläum 2017: Da wird mit großem finanziellen Aufwand der Eindruck erzeugt, man könne religiöse Erfahrungen medienwirksam darstellen, gar erzeugen mittels guter Organisation und Musik, menschlichen Massen und einer an der Popkultur orientierten Ästhetik. Und genau das funktioniert nicht!

Welche Gefäße sind es, die die Kirche Ihrer Ansicht nach heute polieren sollte? Die klassische lutherische Messe zum Beispiel?

Lehnert: Ich meide jeden Positivismus, gerade im religiösen Feld. Was solche Gefäße sind, muss man immer in der Situation erspüren und im Gespräch aushandeln. Auf jeden Fall gilt: Die Verabschiedung von etwas, das sich über Jahrhunderte bewährt hat, ist begründungsbedürftig – und nicht seine Beibehaltung. Das Neue ist nicht für sich schon ein höherer Wert.

Ich besuche viele verschiedene evangelische Gottesdienste und erlebe dabei oft, wie die Liturgie durchmoderiert und zerredet wird. Sie als Liturgiewissenschaftler bilden künftige Pfarrer aus. Was raten Sie denen?

Lehnert: Wir erleben tatsächlich eine Verschulung des Gottesdienstes. Er wird missverstanden als Lehrstunde für christliche Weltanschauung. Nichts ist für einen Segen tödlicher, als wenn vorher erklärt wird, was ein Segen sei. Denn so zerstöre ich die Offenheit auf das ganz Andere hin. Anders als die Predigt braucht die Liturgie eine heilsame Unverständlichkeit und Unverfügbarkeit.

"Wichtig ist die Beziehung – das, was jenseits von Sprache und Aussage geschieht. Daher kommt die Kraft!"

Oft wird argumentiert, man schließe kirchenferne Gottesdienstbesucher aus, wenn man ihnen die fremden Riten nicht erklärt.

Lehnert: Nach meiner Erfahrung ist genau das Gegenteil richtig: Jemand, der nie in die Kirche geht, erwartet nicht, dass er dort alles versteht. Er freut sich im günstigen Fall sogar daran, dass alles anders ist, als was er gemeinhin erlebt. Dass der Gottesdienst eben etwa keine Talkshow ist, keine Meinungsbildung. Der Gottesdienst braucht Elemente, die die Feiernden übersteigen – sprachlich und emotional. Elemente, die Lücken reißen. Nur so kann es gelingen, so etwas wie Gottesfurcht wiederzuentdecken. Wichtig sind da Momente der Stille – und eine poetische Sprache in den Gebeten. Sprachbilder, die die Kraft haben, produktiv zu verstören, die hineinführen in den Abgrund der Gotteserfahrung.

Sie sprechen von "Abgrund". Kann man den Kern der christlichen Botschaft auch positiver  formulieren?

Lehnert: Das geht eben nicht! Denn damit tappe ich schon wieder in die Falle "christliche Weltanschauung". Der Kern unseres Glaubens ist etwas Unsagbares, Bildloses, Undarstellbares. Alle Worte und Formulierungen der Tradition umkreisen es nur wie einen Kraterrand. Die eigentliche Botschaft ist nicht sprachlicher Natur. Das ist wie bei Liebenden. Wenn der Partner einen fragt: "Liebst du mich?", dann ist die richtige Antwort meist kein sprachlicher Ausdruck, sondern Zärtlichkeit, ein Blick... Und genau das gilt auch für den Glauben. Sein Wesen besteht nicht in der Kenntnis von Fakten. Wichtig ist die Beziehung – das, was jenseits von Sprache und Aussage geschieht. Daher kommt die Kraft! Deshalb kann ich keine Aussagen über den Kern der christlichen Botschaft formulieren. Das Bild vom Abgrund ist vielleicht zu negativ, sprechen wir lieber von einem Sog, der mich hineinzieht in etwas.

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