Erfrischendes Bad nur im Ganzkörperanzug

Ultra-orthodoxe juedische Frauen baden am Meer

Foto: epd-bild/Debbie Hill

Verhüllt am Privatstrand für Frauen in Tel Aviv: Ultra-orthodoxe jüdische Frauen baden im Meer in Badekleidern.

Erfrischendes Bad nur im Ganzkörperanzug
Die strengen Kleidervorschriften für fromme Jüdinnen gelten auch am Strand. Bikini oder Badeanzug - undenkbar. Die Israelin Michal Siv schneidert darum orthodoxe Bademoden. Denn auch fromme Juden sollen das Leben genießen, sagt sie.

Manchmal findet Michal Siv die orthodoxen Rabbiner einfach zu streng. Die fromme israelische Jüdin hält sich seit zehn Jahren streng an die orthodoxen Kleidervorschriften: Sie trägt eine Perücke und Kleidung, die sie keusch verdeckt, auch an Armen und Beinen. Aber wenn sie das Wort "Badeanzug" nicht einmal in den Mund nehmen darf, geht das selbst ihr zu weit. Die 45-jährige Siv entwirft Bademodelle eigens für streng religiöse Jüdinnen. Ausgerechnet die Frau des Rabbiners stellte sich ihr in den Weg, als sie Werbeflyer verteilen wollte - denn darauf stand das Wort "Badeanzug". Aber am Ende "hat die Frau selbst einen Anzug für sich gekauft", sagt Siv.

Bademoden für orthodoxe Jüdinnen bedecken den ganzen Körper. Bei Siv ist mal der Ausschnitt ein wenig gewagter, mal reichen die Ärmel nicht ganz bis zum Ellenbogen - je nach Frömmigkeitsgrad und je nach dem, was der Gemeinderabbiner sagt. Bei allen Modellen ähnlich: das locker geschnittene Röckchen. Darunter tragen die Frauen Leggins. Die Modelle sind farblich geschmackvoll abgestimmt, mit sportlichen Streifen an der Seite oder mit Blumenmuster. Wichtig ist jeweils die passende Bademütze, die die Haare bedeckt.

"Ich war freakig, ein Hippie"

Siv ist groß, schlank und auffallend blass unter ihrer dunklen Perücke. Sie steht am Ende einer langen Veränderung. Nur ihr Spitzname Micky erinnert noch an ihr altes Leben. "Früher habe ich mich nie keusch angezogen", sagt sie, "ich war ein Hippie", immer in der Sonne und in der Natur. Genau wie ihr Mann, den sie schon sehr früh heiratete. Beide waren Künstler, er arbeitete am Theater und als Filmregisseur, sie schneiderte die Kostüme.

"Wir waren erfolgreich", sagt sie, alles lief gut. Aber sie habe eine innere Leere gespürt. Die Suche nach einem Sinn führte Micky mit 28 zu einem Rabbiner der Chassidim (Frommen). Ihrem Mann ging es ähnlich, auch er "kehrte mit einer Antwort zurück", wie das Frommwerden in Israel umschrieben wird. Heute lebt das Paar zurückgezogen auf dem Land und zieht fünf Kinder groß.

Die vorgeschriebene Perücke war für Micky die schwierigste Hürde. Als junge Frau habe sie sich nie großartig zurechtgemacht. "Ich war freakig", sagt sie. Heute zwingen sie die künstlichen Haare zur Ordnung. Trotzdem sollten auch fromme Juden das Leben genießen, findet sie.

Sonntags, dienstags und donnerstags ist Frauenbadetag

Mickys Motto ist, den Regeln so nachzukommen, dass es nicht allzu unbequem wird. Beim Schwimmen ist es schwierig: Das erste Mal als fromme Frau ist sie mit weiten indischen Kleidern ins Meer gegangen. "Das war eine Katastrophe", erinnert sie sich an den schweren Stoff. Ausgerechnet im Abendkleid ging es später schon besser. Sie suchte nach einer Lösung, die den frommen Ansprüchen nachkam, aber auch Bewegungsfreiheit im Wasser zuließ.

Vor sieben Jahren brachte sie dann ihr erstes Bade-Modell heraus und begeisterte die frommen Frauen. Nur die Rabbiner traten auf die Bremse. Denn die Regeln sind streng: Laut Halacha, dem jüdischen Gesetz, dürfen Männer und Frauen überhaupt nicht zusammen baden. Am Tel Aviver Strand für die Religiösen ist jeweils sonntags, dienstags und donnerstags Frauentag.

Weil aber auch am Frauentag zwei Bademeister anwesend sind, ist strenge Kleidung angesagt. Die schicken Modelle aus der Schneiderei einer Bademodendesignerin muss man hier suchen. Nur eine junge Frau trägt an diesem Sommertag einen keuschen Bade-Einteiler mit Röckchen. "Der Anzug ist viel angenehmer", sagt die 22-jährige Immigrantin aus Frankreich, "weil der Stoff nicht so am Körper klebt wie bei normaler Kleidung".

Schwierige Vermarktung

Das Modell stammt nicht von Micky Siv, sondern von der Firma "Sea Secret". Die Konkurrenz schläft nicht. Die Vermarktung ist für Micky ein schmerzliches Thema. Denn Fotos der Badeanzüge am lebenden Modell sind in der ultraorthodoxen Presse nicht erlaubt. "Ich durfte noch nicht einmal eine Puppe fotografieren", schimpft Siv über den Konservativismus ihrer Gemeinde, der sich nur langsam auflockert.

Auf ihrer Internetseite zeigt sie aber doch Fotos von Models, die ihre Anzüge tragen. Rund tausend Badeanzüge im Jahr verkaufe sie, sagt Liv. Einige Kundinnen kommen zu ihr nach Hause, außerdem hängen Mickys Bademoden in zwei israelischen Läden.

Rund 60 Euro kostet ein Anzug. Doch die Ausgaben für hochwertige Jersey-Stoffe aus Italien, gepolsterte BH-Schalen der Firma Muehlmeier aus Deutschland und dazu die Näharbeiten, die sie einer israelischen Firma in Auftrag gibt, lassen ihr nur wenig Gewinn übrig.

Nur zu gern würde Micky auch an muslimische Frauen verkaufen, für die ebenfalls strenge Kleidervorschriften gelten. Micky denkt dabei zuallererst an israelische Araberinnen. Aber sie kommt schlicht nicht dazu, sich ums Marketing zu kümmern, wie sie sagt: "Dies ist eine One-Woman-Show". Neben Design, Verkauf und Buchführung "habe ich schließlich noch eine Familie zu versorgen".

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