Historiker Frei: NS-Opfern nachträglich Gerechtigkeit verschaffen

Historiker Frei: NS-Opfern nachträglich Gerechtigkeit verschaffen
Bei der Fahndung nach noch lebenden NS-Kriegsverbrechern spielt es nach Ansicht des Historikers Norbert Frei kaum eine Rolle, ob Urteile gegen die Täter auch vollstreckt werden können.

Vielmehr gehe es darum, den Opfern nachträglich noch Gerechtigkeit zu verschaffen, sagte Frei am Mittwoch im Deutschlandfunk. Bei der jetzt gestarteten Plakataktion des Simon-Wiesenthal-Zentrums zur Fahndung nach Nazi-Verbrechern gehe es letzten Endes darum, öffentliche Aufmerksamkeit zu erzielen, sagte der Historiker an der Universität Jena.

"Ich schätze eigentlich an der ganzen Aktion die Sache selbst für das Wichtige ein und nicht die Modalitäten", sagte Frei. Zuvor hatte der Münchner Historiker Michael Wolffsohn die Kampagne als geschmacklos kritisiert. Er finde es geradezu pietätlos und schamlos, 25.000 Euro Belohnung für Hinweise auf Schwerstverbrecher auszusetzen, sagte Wolffsohn. Mit einer moralisch intensiven Aufarbeitung habe das alles "weniger als nichts zu tun".

Frei sagte indes, die Justiz dürfe nicht ruhen, solange es Überlebende des Holocaust oder Nachkommen von Überlebenden gebe, "die argumentieren, dass sie eine Sühne für das Leid erwarten, und es vermutet werden kann, dass es ungesühntes Leid gibt." Zumal gelte ganz klar, dass Mord nicht verjährt. Vermutlich gebe es aber nur noch "eine sehr kleine Zahl von Tätern", sagte der Historiker.

Der Fall Demjanjuk

Durch das Urteil gegen den früheren SS-Wachmann John Demjanjuk hätten sich die Möglichkeiten der Anklage und der wirksamen Prozessführung verändert, unterstrich Frei. Demjanjuk war 2011 in München wegen Beihilfe zum Mord in 20.000 Fällen zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Er starb 2012 in einem oberbayerischen Pflegeheim im Alter von 91 Jahren.

Die neue Rechtsprechung mache es sinnvoll, Anklage zu erheben, sagte der Historiker. Bis in die 80er Jahre habe die Justiz eine andere Position eingenommen und dem Wachpersonal und den Helfern in den Vernichtungslagern keinen eigenen Tatwillen unterstellt.

"Spät. Aber nicht zu spät!"

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum hatte am Dienstag unter dem Motto "Spät. Aber nicht zu spät! Operation Last Chance II" eine Plakatkampagne in Berlin, Hamburg und Köln zur Suche nach NS-Verbrechern in Deutschland gestartet. Auf den Plakaten wird die deutsche Bevölkerung dazu aufgerufen, mögliche NS-Täter an die Nazi-Jäger zu melden. Für wertvolle Hinweise wird eine Belohnung von bis zu 25.000 Euro ausgesetzt.

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