Filmkritik der Woche: "The East"

epd-bild/20th Century Fox

Szene aus dem britisch-amerikanischen Thriller "The East" mit Brit Marling als Agentin Sarah und Alexander Skarsgård als Öko-Terrorist Benji (re), der am 18. Juli 2013 startet.

Filmkritik der Woche: "The East"
Macht kaputt, was euch kaputt macht: Erst waren es die Banken, jetzt sind die Pharmakonzerne die Bösen. Regisseur Zal Batmanglij schickt in dem Thriller "The East" eine junge Agentin auf spannende Mission mit einer Öko-Terrorgruppe - und beweist Mut dabei zu moralischer Ambivalenz.

Eine schöne junge Frau auf dem Weg zum Businesstermin. Anwältin könnte sie sein mit ihrem klassischen Outfit, oder irgendetwas im mittleren Management eines großen Konzerns. Zum schicken Kostüm trägt sie einen Panzer aus Seriosität und Ambition: Sie kann kaum verhehlen, dass etwas auf dem Spiel steht für sie, gleichzeitig wirkt sie verschlossen und kühl, fast ein wenig mysteriös. Wenn Sarah (Brit Marling) dann im Büro ihrer Chefin (Patricia Clarkson) sitzt, verrät das stilvolle Ambiente immer noch nichts über die Branche, in der die beiden Frauen tätig sind.

"The East", der zweite Spielfilm des iranischstämmigen amerikanischen Regisseurs Zal Batmanglij, versteht es von Anfang an geschickt, die Informationen so zu dosieren, dass der Zuschauer regelrecht in die Story hineingezogen wird. Was wir auch zu wissen glauben - es bleibt doch stets ein gewisses Maß an Unsicherheit, eine Ahnung, dass die Figuren nicht alles preisgeben über ihre Haltung und ihre Motive.

Zugleich fühlt sich alles ein wenig fremd und anders an: Wenn sich herausstellt, dass Sarah Ermittlerin ist, bringt sie doch andere Voraussetzungen mit als die Cops und Agenten ähnlich gelagerter Genrefilme: Sie arbeitet für eine private Sicherheitsfirma, ist also letztlich Söldnerin für ein kommerzielles Unternehmen. Und ihr Job ist näher als üblich an der politischen Aktualität.

Sarah soll sich in den titelgebenden Geheimbund "The East" einschleusen, eine Terrororganisation, die mit Anschlägen gegen Pharmakonzerne auf sich aufmerksam macht. Das Credo der Gruppe: Den Verursachern von Gesundheitsschäden und Umweltzerstörung genau jene Schäden zuzufügen, die diese ihren Kunden antun. Dafür rückt sie Vorständen und Firmenbossen auf den Leib, zieht die Verantwortlichen ganz persönlich zur Verantwortung. Und agiert dabei so klug im Untergrund, dass nicht einmal klar ist, ob es die Gruppe überhaupt gibt.

Der Film zeigt mit seinen ersten Bildern die Medienberichte über die Anschläge der Bande, und gleich wird klar, wie relevant ihre Themen und wie nachvollziehbar ihre Anliegen sind. Irgendwo zwischen Robin Hood, Greenpeace und anarchistischem Widerstand verortet, teilt sie dem Establishment mit, dass die fetten Jahre vorbei sind.

Batmanglij und seine Hauptdarstellerin Brit Marling sind offensichtlich fasziniert von solchen Gruppen am Rande der Gesellschaft. Wie in ihrem konzentrierten "Sound of My Voice" erkunden die beiden als Autorenduo die Strukturen einer esoterisch angehauchten Gemeinschaft.

Eine Welt mit eigenen Regeln

Seine stärksten Passagen hat der Film, wenn es Sarah gelungen ist, in das Versteck der Truppe irgendwo im Ostküstenhinterland zu gelangen. Die Inszenierung gewährt dem Zuschauer konsequent nur ihren Wissensstand, Schritt für Schritt arbeiten wir uns ins Zentrum einer Welt vor, die nach ganz eigenen Regeln zu funktionieren scheint - und dabei stets gefährlich und unkalkulierbar bleibt.

Gekonnt verleiht der Film dem Anführer Benji (Alexander Skarsgård) und seinen Mitstreitern, der rabiaten Izzy (Ellen Page) und der exzentrischen Doc (Toby Kebbell), eine ambivalente Aura. Sie erscheinen mal als spirituell angehauchte Sekte, die sanftmütige Rituale pflegt, mal als durchgeknallte Punks, denen jede Gewalttat zuzutrauen ist, mal als raffiniert agierende Geheimdienstler, die mit allen Tricks und Kniffen die Party eines Pharmakonzerns zu unterwandern wissen.

Es ist ungemein spannend, mit Sarah in diese Welt einzutauchen und dabei genauso im Ungewissen über den Fortgang der Ereignisse und die Absichten der Gruppenmitglieder zu sein wie die Protagonistin. Die Grenzen zwischen Gut und Böse sind dabei nur schwer auszumachen - der Film zeigt Mut zu komplexen Fragen nach Moral und Verpflichtung in unübersichtlichen Zeiten. Was ihm zum ganz großen Wurf fehlt, ist ein Thrillerplot, der seine Story ausgereift zu Ende brächte.

USA/GB 2013. Regie: Zal Batmanglij. Buch: Brit Marling, Zal Batmanglij. Mit: Brit Marling, Alexander Skarsgård, Ellen Page, Patricia Clarkson. Länge: 116 Minuten. FSK: 16. Prädikat: Besonders wertvoll.