TV-Tipp des Tages: "Ein deutscher Boxer" (Arte)

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TV-Tipp des Tages: "Ein deutscher Boxer" (Arte)
TV-Tipp des Tages: "Ein deutscher Boxer", 4. Juli, 22.20 Uhr auf Arte
Die Geschichte von Charly Graf erinnert an das tragische Leben des Amerikaners Rubin Carter. Der schwarze Mittelgewichtsboxer, dem Bob Dylan einst den Song "Hurricane" widmete, wurde 1966 in einem fadenscheinigen Mordprozess verurteilt; erst zwanzig Jahre später wurde die Anklage fallen gelassen.

Charly Graf war nicht ganz so lange im Gefängnis; und vor allem nicht unschuldig. Davon abgesehen aber sind die Parallelen der Lebenswege offenkundig: Beide hatten die falsche Hautfarbe. Bei Graf, 1951 als uneheliches Kind eines schwarzen Besatzungssoldaten in Mannheim geboren, kam noch das falsche Milieu hinzu: Nach frühen Erfolgen war er zwar in seinem Kiez der King, doch dann folgte keine Karriere im Ring, sondern eine Laufbahn im Rotlichtviertel.

Der vielfach ausgezeichnete Dokumentarfilmer Eric Friedler ("Aghet – Ein Völkermord") erzählt Grafs Leben in neunzig fesselnden Minuten. Wie in allen Biografien sind es vor allem die Brüche, die das Porträt interessant machen: erst der Karriereknick, als der Schwergewichtsboxer viel zu früh in einem großen Kampf "verheizt" wird, dann das wundersame Comeback, als er zehn Jahre später doch noch deutscher Meister wird; und das als Insasse der Justizvollzugsanstalt Ludwigsburg. Was Grafs Leben und diesen Film jedoch so bemerkenswert macht, ist die wundersame Wandlung, die der Boxer erlebt hat. Es klingt fast wie ausgedacht: Im Stuttgarter Hochsicherheitsgefängnis Stammheim trifft der Mann aus Mannheim auf den RAF-Terroristen Peter-Jürgen Boock. Eine Begegnung, die sein Dasein von Grund auf ändert; heute ist Graf Sozialarbeiter.

Konfrontation von Milieu und Ideologie

Natürlich lässt es sich der unter anderem mit dem Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis geehrte Friedler nicht nehmen, Graf angemessen in Szene zu setzen. Der Mann hat ohnehin eine Figur wie ein Schrank, und als ihn die Kamera im Gefängnisflur im Gegenlicht zeigt, wirkt er erst recht wie ein Koloss. Um so größer ist der Kontrast, wenn Graf redet und in wohl überlegten Worten sein wechselvolles Leben reflektiert. Friedler lässt ihm die Zeit, die er braucht. Einmal sucht Graf eine gefühlte Minute lang nach dem richtigen Wort. Dann sitzt er da wie sein eigenes Monument; ein Augenblick wie eine Oase im hektischen Fernsehalltag.

Dramaturgisch geschickt zögert Friedler auch jene Szene hinaus, in der sich die beiden so unterschiedlichen Freunde endlich um den Hals fallen. Zunächst berichten beide, wie das damals war, als sie sich im so genannten Affenkäfig, dem Hofersatz auf dem Stammheimer Anstaltsdach, das erste Mal über den Weg gelaufen sind. Beide sind bis heute überzeugt, das Aufeinandertreffen sei arrangiert worden, damit sie sich gegenseitig drangsalieren. Doch die Konfrontation von Milieu und Ideologie führte keineswegs zum großen Knall, im Gegenteil: Boock eröffnete dem Boxer, für den bislang allein das Recht des Stärkeren galt, ganz neue Horizonte. Er brachte ihm im übertragenen Sinn das Lesen bei und ermunterte ihn außerdem, wieder zu boxen. Boock hat laut Graf verhindert, dass der wegen Zuhälterei und Körperverletzung verurteilte Boxer vollends in die Kriminalität abgetaucht sei und später womöglich zum Mörder geworden wäre.

Friedler erzählt das alles ohne ein Wort des Kommentars; die Bilder und die Beteiligten sprechen für sich. Gerade für die Frühzeit hat der Autor und Regisseur großartige Aufnahmen gefunden. Dank der Sequenzen aus dem Mannheimer Rotlichtmilieu und der jungen Schwarzen mit ihren Afro-Frisuren wirkt der Film stellenweise wie eine Dokumentation des New York der Siebziger; leider erwähnt Friedler nicht, woher die Szenen stammen. Aber sie sind die perfekte Ergänzung zu den Fernsehberichten über Grafs frühe Kämpfe, als ARD-Reporter Hans-Joachim Rauschenbach vom "jungen Cassius Clay" schwärmt. Tatsächlich erinnern der tänzelnde Stil und die Eleganz, mit der Graf diesem wuchtigen Körper filigrane Bewegungen abtrotzt, an Muhammad Ali. Aber weil er die falschen Berater hatte, wurde er nach viel zu leicht gewonnenen Kämpfen mit "Fallobst"-Gegnern gegen einen abgezockten Profi aufgestellt, der seelenruhig wartete, bis sich Graf ausgetobt hatte, und dann kurzen Prozess machte.

Ähnlich gut und sorgfältig wie das Bildmaterial hat Friedler auch seine Gesprächspartner ausgewählt. Die einen, etwa Sportjournalist und Boxexperte Hartmut Scherzer, haben den Blick von außen, andere wie Boxpromoter Ebby Thust kommentieren aus der Innenansicht. Manche tauchen nur für eine Stippvisite auf, um ein bestimmtes Schlaglicht zu werfen, darunter auch Konstantin Wecker, dessen politische Ballade vom unbeugsamen "Willy" Graf einst zum Durchhalten animierte. Friedler arrangiert ein Treffen der beiden, und Wecker gibt noch mal seinen Klassiker zum Besten: eine große Szene. Als Graf, immer noch Gefängnisinsasse, 1985 seinen Titel als Deutscher Meister gegen Thomas Classen verteidigen wollte, verlor er nach Punkten, obwohl er den Kampf dominierte. 25 Jahre später treffen sich die Kontrahenten erneut, es kommt zu einem Wiedersehen, bei dem sich Classen als großer Sportsmann erweist. Zwei Männer wie Bäume, die vor lauter Gerührtheit kein Wort mehr rausbringen: ein wahrlich ergreifender Moment. Friedler hat auch für diesen Film einen Grimme-Preis bekommen.