Von Wuppertal in die Welt

Vereinte Evangelische Mission (VEM)

Foto: VEM/Heiner Heine

Kinder in einem Waisenhaus der Karo-Batak-Kirche auf der indonesischen Insel Sumatra. Das Projekt wird von der VEM gefördert.

Von Wuppertal in die Welt
Wie geht Mission heute? Ein Gespräch mit Oberkirchenrätin Barbara Rudolph
Die Vereinte Evangelische Mission (VEM) mit Sitz in Wuppertal hat das Ziel, den christlichen Glauben weitweit zu verbreiten, die schulischen, sozialen und medizinischen Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern und für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einzutreten. Mitgliedskirchen aus Afrika, Asien und Deutschland gehören zu dem Zusammenschluss. Ein Gespräch mit der stellvertretenden VEM-Vorsitzenden Barbara Rudolph.

Kaum ein Begriff ist mit solchen Vorurteilen behaftet wie der der Mission. Was versteht die VEM heute darunter?

Rudolph: Das Missionsverständnis der VEM hat sich in seiner über 100-jährigen Geschichte gewandelt. Vor allem ist das Abhängigkeitsverhältnis der Kirchen auf der südlichen Erdhalbkugel von Personal, Kultur und Finanzen der Kirchen auf der nördlichen durchbrochen. Jetzt ist es eine Gemeinschaft von gleichberechtigten Kirchen. Trotz aller Umbrüche ist manches auch gleich geblieben. Das Vertrauen in die befreiende Kraft des Evangeliums für alle Menschen, die ganzheitliche Sicht auf den Menschen. Auch die Sorge und Fürsorge für Leib und Seele, also den engen Zusammenhang von Verkündigung und Diakonie, und die Bedeutung von Bildung und interkulturellem Lernen, die Förderung der marginalisierten Gruppen und die Überwindung von Armut.

Sie sagen, das Abhängigkeitsverhältnis der südlichen von den nördlichen Kirchen sei durchbrochen worden. Wie steht es um die Dominanz der deutschen Mitgliedskirchen, die aufgrund des Kirchensteuersystems die finanzkräftigsten sind?

Rudolph: Durch die Internationalisierung der Missionsgesellschaft und die paritätische Besetzung in den Gremien ist die Dominanz der deutschen Kirchen sehr stark zurückgegangen. So stammt der Generalsekretär zurzeit aus Tansania und ist zugleich Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Die jetzige Moderatorin ist zwar Deutsche, doch die beiden vorherigen kamen aus Indonesien und Namibia. Und die Kirchen des Südens fordern verstärkt, dass die deutschen Kirchen nicht nur Projekte finanzieren.

Sondern?

Rudolph: Sondern selbst Missionsprojekte für den deutschen Kontext entwickeln. Darüber hinaus gibt es auch einen Süd-Süd-Austausch. So ist zur Zeit eine Mitarbeiterin aus Namibia in West-Papua tätig und berät die Kirchen dort zu HIV und Aids. Aber die koloniale Vergangenheit und das ungerechte Wirtschaftssystem ist ein ständiges Thema innerhalb der VEM, es sich nicht einfach erledigt. Gegenwärtig gibt es beispielsweise ein gemeinsames Forschungsprojekt der Kirchen in Deutschland und im südlichen Afrika zur Rolle der Kirchen in der Zeit der Apartheid.

In Wuppertal, wo die VEM ihren Sitz hat, wird eine neue Zentrale als Tagungsort errichtet. Welche Ausstrahlungskraft erhoffen Sie sich von diesem Zentrum, das in das dortige Theologische Zentrum der Evangelischen Kirche im Rheinland integriert wird?

Rudolph: Das neue Zentrum wird für die Kirchen ein wichtiges Tagungs- und Konferenzzentrum für Mission und Ökumene, Aus- und Fortbildung, Gottesdienst und Kirchenmusik, Theologie und Wissenschaft sein. Es wird ein Zentrum mit geballter Kompetenz entstehen. Schon jetzt befruchten sich die verschiedenen Arbeitszweige gegenseitig. So gab es ein Seminar, in dem Kirchenmusik aus Indonesien und Deutschland neue liturgische Impulse entwickelte. Solche kreativen und inspirierenden Querverbindungen erwarte ich verstärkt in der Zukunft.

Im kommenden Jahr soll die Hauptversammlung der 36 in der VEM zusammengeschlossenen Kirchen in Wuppertal stattfinden. Welche Schwerpunkte erwarten Sie als stellvertretende Moderatorin, also als Vizevorsitzende?

Rudolph: Der Schwerpunkt ist bereits von der letzten Vollversammlung 2012 festgelegt worden. "Kinderarmut und Menschenhandel" wird das zentrale Thema sein. Vor allem die afrikanischen Mitgliedskirchen brachten dieses Thema ein. Ihnen war nicht bewusst, dass Kinderarmut auch in Deutschland ein sensibles Thema ist, dass Kirchen und Diakonie stark beschäftigt. Es gilt also aufzuzeigen, was Armut in einem reichen Land bedeutet. Unsere gemeinsame Aufgabe wird sein, wie die VEM-Mitglieder Armut sichtbar machen und wie Menschen in Armut in der Mitte der Gemeinden Würde und Selbstbestimmung erhalten.

Werden Sie auch ein Ihnen besonders wichtiges Thema einbringen?

Rudolph: Persönlich engagiere ich mich für die Begegnung mit anderen Religionen. Das gilt insbesondere für ein Seminar leitender Geistlicher aus den Kirchen der VEM, das 2014 in Israel und vor allem im nordisraelischen Nes Ammim unter dem Thema "Das Verhältnis von Juden und Christen angesichts des Nahost-Konflikts" stehen soll.

Warum hat die letzte Vollversammlung in Indonesien 2012 beschlossen, vorerst keine neuen Mitglieder aufzunehmen? Ist die VEM in Asien und Afrika so gefragt, dass sie an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gestoßen ist?

Rudolph: Seit der Vollversammlung 2008 auf Borkum hat die VEM einen Prozess der Neugestaltung abgeschlossen, der sehr weitgehende Folgen hat: Die VEM ist inzwischen eine internationale Organisation. Ihr Strukturen sind vergleichweise schlank und effektiv, die inhaltliche Arbeit hat durch ein Leitbild klare Konturen bekommen. Die reiche historische Tradition der Missionsgesellschaft in eine zukunftsfähige Gemeinschaft zu führen, ist eine Aufgabe, der sich alle Mitglieder der VEM gemeinsam stellen müssen. Darum geht es gegenwärtig nicht um eine Erweiterung, sondern um eine Vertiefung der Arbeit.

Noch immer ist die VEM selbst in den Landeskirchen weithin unbekannt, die ihr angehören …

Rudolph: … was so nicht stimmt. In meiner rheinischen Landeskirche hat die VEM einen hohen Bekanntheitsgrad. Fast jeder Kirchenkreis ist eine Partnerschaft zu einer VEM-Partnerkirche eingegangen. Fast in jedem Gemeindehaus hängen Plakate, die über die VEM informieren. Das Informationsheft "Indonesien" der EKD zum Sonntag der verfolgten Christen (Reminiszere März 2012) wurde vor allem mit Material gestaltet, das die VEM zur Verfügung stellte, Ich kann also nicht klagen, dass die VEM unbekannt sei. Sie setzt aber eher durch inhaltliche Arbeit als durch Werbung für die eigene Organisation Akzente.

Welchen Beitrag kann die VEM leisten, um in der evangelischen Kirche für mehr ökumenische Weite in den Gemeinden zu sorgen und wie viele Pfarrer aus asiatischen und afrikanischen Mitgliedskirchen arbeiten in deutschen Gemeinden?

Rudolph: Eine ganze Reihe von Mitarbeitenden aus Asien und Afrika arbeiten in der Wuppertaler VEM-Zentrale. Ich weiß von vier Mitarbeitenden, die gegenwärtig in Gemeinden oder Einrichtungen der deutschen Mitglieder arbeiten. Außerdem bereiten wir in der rheinischen Kirche gerade zwei neue Einsatzplätze für Mitarbeitende vor. In der Regel ist in den Gemeinden bei den vielen Veränderungen, die sie gegenwärtig zu bewältigen haben, kaum mehr Zeit und Kraft für zusätzliche Aufgaben. Darum schätze ich es sehr, dass die VEM Initiativen entwickelt, die Gemeinden bei ihrer alltäglichen Arbeit zu unterstützen. So bietet die VEM eine schöne Taufurkunde und ein wunderbares Informationsheft an, durch die Täuflinge und Familien in die weltweite Kirchengemeinschaft aufgenommen werden. Die Projekte und die Unterstützung der VEM bei Partnerschaftsbegegnungen helfen der Kirche, nicht nur abstrakt, sondern sehr konkret ihre ökumenische Dimension zu erleben.

Die Vereinigte Evangelische Mission (VEM) ist aus der Rheinischen, der Bethel- sowie der Zaire-Mission hervorgegangen und versteht sich seit 1996 als "moderne internationale Kirchengemeinschaft". Alle Mitglieder - 35 Kirchen und die von Bodelschwinghsche Stiftungen - sind gleichberechtigt. Sechs deutsche Landeskirchen gehören der VEM an: Rheinland, Westfalen, Hessen und Nassau, Kurhessen-Waldeck, Evangelisch-reformierte Kirche und Lippische Landeskirche. Sitz der VEM ist Wuppertal, regionale Büros gibt es in Daressalam (Tansania) für Afrika sowie Medan (Indonesien) für Asien. Vertreten wird ein ganzheitliches Missionsverständnis: Zur Verkündigung des Evangeliums gehört es deshalb auch, die schulischen, sozialen und medizinischen Lebensbedingungen zu verbessern und für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einzutreten. Generalsekretär ist der tansanische Pfarrer Fidon Mwombeki.

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