"Grundwerte ins Gegenteil verkehrt"

Frido Mann

Foto: Studio Thomas Elsner/Verlagsgruppe Random House

Thomas Manns Enkel Frido übt in seinem neuen Buch scharfe Kritik an den Religionen.

"Grundwerte ins Gegenteil verkehrt"
Liebe, Licht und Leben – das sind für Frido Mann die Grundmetaphern der Menschheit, um die alles kreist. Anhänger der Religionen hätten sich allerdings weit von ihnen entfernt, kritisiert der Schriftsteller und katholische Theologe.

"Das Versagen der Religion. Betrachtungen eines Gläubigen": So heißt das neue Buch von Frido Mann. Dem Enkel von Thomas Mann geht es dabei um keine geringere Frage als die, was den Menschen im Innersten bewegt - und was Religion und Religionsgemeinschaften zur Sinnstiftung beitragen können. Der 73-Jährige holt zum Rundumschlag aus, verweist auf Erkenntnisse der Naturwissenschaft, Musik, Literatur und Philosophie. Grund genug für einige Nachfragen.

"Der Satz aus der Bergpredigt 'Selig, sind, die reinen Herzens sind' muss für Nichtchristen bevormundend klingen"

Herr Mann, wann waren Sie zuletzt in einer Kirche?

Mann: Das ist schon eine Weile her. Ich erinnere mich noch gut an einen Abend, als ich ein Konzert in einer evangelischen Kirche auf dem Land besucht habe. Es spielte ein Kammermusikensemble, und beim Zuhören bin ich in freies Meditieren eingetaucht. Am Altar habe ich einen Vers aus der Bergpredigt gelesen. "Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen."

Was ging Ihnen durch den Kopf?

Mann: Dass der Vers für Menschen, denen das Christentum fremd ist, bevormundend erscheinen muss. Reines Herz – was ist das? Ich denke, kein statischer Zustand, sondern mehr ein Prozess, der auch schmerzhaft sein kann. Und dann: Kann man Gott sehen? Ist er personal? Damals, zu Zeiten der Evangelisten, war das die Vorstellung. Aber heute? Wir dürfen nicht wörtlich nehmen, was vor vielen Jahrhunderten geschrieben wurde, sondern sollten die Bilder und Metaphern dahinter entdecken. Wie sagte Carl Friedrich von Weizsäcker: "Man kann die Bibel entweder ernst nehmen oder wörtlich."

In Ihrem aktuellen Buch schreiben Sie über das "Versagen der Religion". Versagt sie, weil viele Religionsgemeinschaften ihre Schriften zu wörtlich nehmen?

Mann: Ja, das ist ein ganz wichtiger Punkt. Über die Jahrhunderte hat sich so etwas wie eine Kruste, eine Haut über die ursprünglichen Werte der Religionen gelegt. Von ihnen zeugen zwar die Schriften der Religionen. Doch ihre Anhänger haben in ihrer Wortgläubigkeit verlernt, die alten Metaphern hinter den Worten in die Gegenwart zu übersetzen. Aus diesem Mangel heraus haben sie immer wieder die Grundwerte, für die Religionen eigentlich stehen, in ihr Gegenteil verkehrt. Zum Beispiel indem ihre Vertreter andere Menschen bekehren wollten, indem sie physische und psychische Gewalt ausgeübt haben.

"Auch die Naturwissenschaften kreisen um Liebe, Licht und Leben"

Welche Grundwerte und Metaphern meinen Sie?

Mann: Alle Religionen kreisen um drei Grundbegriffe, die sie unterschiedlich zum Ausdruck bringen: um Liebe, Licht und Leben. Auch die Naturwissenschaften, die Philosophie und die Kunst widmen sich im Kern diesen menschheitsverbindenden Grundbegriffen.

Wie zeigt sich das?

Mann: Die Naturwissenschaft ergründet die Liebe als biochemischen Prozess, die christliche Religion sieht in ihr eine ethische Grundhaltung, die Kunst versucht sie mit Malereien, Büchern oder Musik zum Ausdruck zu bringen. Licht wird in der Physik als elektromagnetische Strahlung definiert, in der Religion wird es oft mit Erleuchtung in Verbindung gebracht, in der bildenden Kunst ist Licht wiederum ein zentrales Gestaltungsmedium. Diese verschiedenen Quellen der Sinnfindung stehen gleichberechtigt nebeneinander und befruchten sich. Wir dürfen nicht die Religion über die anderen beiden setzen.

Frido Mann: Das Versagen der Religion. Betrachtungen eines Gläubigen, München 2013. Kösel-Verlag, 176 Seiten, 16,99 Euro.

Ihr aktuelles Buch trägt den Untertitel "Betrachtungen eines Gläubigen". Woran glauben Sie?

Mann: Ich glaube an die drei Grundbegriffe Liebe, Licht und Leben und alles, was in dieser Richtung überzeugend formuliert oder geschaffen wurde. Ob nun aus den Religionen, den Naturwissenschaften oder der Kunst. Wichtig ist, dass die Grundmetaphern inhaltlich so gefüllt sind, dass in ihnen Ehrfurcht, Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein zum Ausdruck kommen. Übrigens auch gegenüber nichtmenschlichem Leben.

Bei welcher Religion trifft das am ehesten zu?

Mann: Im Prinzip gilt das für alle Religionen. Insbesondere schätze ich Ansätze, wie sie etwa von christlichen und islamischen Mystikern wie Meister Eckhart oder Jalal ad-Din Muhammad Rumi formuliert wurden. Auch Willigis Jäger, ein Benediktinermönch und Zenmeister, beschreitet heute einen ähnlichen Weg. Ihnen alles geht es um eine ganzheitliche Sicht, um das Verbindende.

"Ich bin bei den Unitariern getauft worden, gehöre ihnen aber nicht an"

Gehören Sie einer Religionsgemeinschaft an?

Mann: Ich wurde im amerikanischen Exil bei den Unitariern getauft, ein Religion, die etwa auf die Reformation zurückgeht, sich aber mehr und mehr vom Christentum entfernte und Konzepte des Pantheismus und Humanismus aufnahm. Noch immer ist mir der Glaube der Unitarier besonders nah, aber ich gehöre ihnen nicht an.

Wieso wurden Sie bei den Unitariern getauft, wo sie doch aus einer lutherisch geprägten Familie stammen?

Mann: Das geschah auf Initiative von Thomas Mann, meinem Großvater. Er war Lutheraner und hatte in Los Angeles engen Kontakt zu einem Priester der First Unitarian Church. Er hielt sogar einige Kanzelreden, die ihm viel bedeuteten. Davon habe ich aber erst vor einigen Jahren erfahren. Bis dahin dachte ich, meine Eltern hätten die Taufe nur als gesellschaftliche Anpassung an das Exil verfügt. Auch meine Großmutter verlor nie ein Wort darüber, dass der Unitarismus ihrem Mann viel bedeutet hat. Das war eine merkwürdige Tabusituation.

Warum sind Sie nicht Mitglied der Unitarier? Deren überkonfessioneller Ansatz müsste ihnen doch zusagen.

Mann: Das wurde ich auch gefragt, als ich kürzlich an einem Treffen der Unitarier in Deutschland teilgenommen habe. Ich habe geantwortet, dass mir etwas fehlt: Metaphern für die Komplexität des Menschen, seine Zweigesichtigkeit. Dass er nicht nur hoffnungsvoll optimistisch, offen und tolerant ist, sondern brüchig. Im Christentum ist die andere Seite des Menschen mit dem Kreuz, dem Dämonischen, dem Teuflischen, der Versuchung und dem Leiden stärker ausgeprägt.

Also dann wäre eine der christlichen Konfessionen das Richtige für Sie?

Mann: So gesehen schon. Ich war lange Mitglied der katholischen Kirche, bin aber 2009 ausgetreten. Ein überfälliger Schritt, als sich der Papst mit den Piusbrüdern versöhnte, also auch mit dem Holocaust-Leugner Richard Williamson. Solche Dinge – und auch natürlich die Missbrauchsfälle – verkehren den Sinn dessen, wofür das Christentum eigentlich steht: für Liebe, Vergebung, die Hinwendung zu den Armen und Leidenden.