"Sound of Heimat" - Plastikvorhang und Gemeinschaftsgefühl

Foto: Christian Hüller
Musiker Hayden Chisholm geht auf Deutschlandreise und erkennt in deutschen Heimatliedern Melancholie
"Sound of Heimat" - Plastikvorhang und Gemeinschaftsgefühl
Musiker Hayden Chisholm macht sich auf die Suche nach deutscher Volksmusik, dem Sound of Heimat. Das Ergebnis: Ein Roadmovie mit überraschenden, schönen, nachdenklichen musikalischen Begegnungen. Arne Birkenstock, einer der beiden Regisseure des Dokumentarfilms, über die Begrifflichkeit von Volksmusik, über den politischen Missbrauch von Heimatliedern und den Plastikvorhang namens "Musikantenstadl".

Herr Birkenstock, gemeinsam mit Jan Tengeler haben Sie den Dokumentarfilm "Sound of Heimat" gedreht - was ist denn ein "Sound of Heimat"? Und was ist der deutsche "Sound of Heimat"?

Arne Birkenstock: Das ist ganz viel, es gibt nicht den "Sound of Heimat". Das hat Hartmut Priess von der Kölner Band Bläck Fööss schön formuliert – auch, um von dem Begriff "Volksmusik" wegzukommen, dem leider ein wenig Muff anhaftet: "Es gibt fränkische, oberbayerische, kölsche, holsteinische und erzgebirgische Weltmusik."

###mehr-info###Zum Beispiel gibt es in Brasilien auch nicht den Sound of Brasil, sondern da gibt es auch in jeder Region sehr unterschiedliche Rhythmen, Klänge, Instrumentierungen und Genres. Das würde ich durchaus auch als "Volksmusik" bezeichnen. Das ist eigentlich immer eine irgendwo regional verortete Musik, die man offenbar in anderen Gegenden auch gut hören kann und ist natürlich genauso eine Art von Volksmusik.

In Deutschland gibt es wahnsinnig viele Dialekte, regionale Speisen und Getränke und genauso gibt es auch verschiedene Lieder und Musiken, die auch unterschiedliche Schwerpunkte haben: In Köln zum Beispiel liegt der Schwerpunkt ganz klar auf der Sprache und den Texten. Dort gibt es kein eigenes musikalisches Genre, die Kölner haben sich eigentlich schon immer fremder Rhythmen bedient.
In Süddeutschland hingegen hat man eine große Blasmusiktradition, die die Wurzeln in den jeweiligen Regionen hat, aber sich auch inspirieren lässt zum Beispiel vom Balkan - wenn Sie an Bands wie La Brass Banda denken.

###mehr-artikel###Wie haben Sie die im Film gezeigten Musiker gefunden, wonach haben Sie genau gesucht?

Birkenstock: Wir hatten zwei Grundstoßrichtungen: Zum einen wollten wir tendenziell jüngere Menschen finden, die aufbauend auf volksmusikalischen Wurzeln etwas Neues machen, etwas Anderes, etwas weiterentwickeln. Zum anderen wollten wir Menschen finden, die Altes, fast Verlorenes bewahren – das waren tendenziell Ältere.

Wir haben sehr viel recherchiert, uns viel angehört und sind viel durch die Gegend gefahren, so dass es wirklich eine Deutschlandreise war. Klar, es sind nicht alle Bundesländer und alle Gemeinden vertreten, das ginge nicht. Aber wir haben den Norden, den Süden, den Westen, den Osten drin. Wir haben versucht, Genre- und Stilmäßig eine gute Mischung hinzukriegen aus Altem und Neuem und natürlich: Geschichten zu finden.

Wir wollten eine gute Mischung und: Geschichten finden

Musik erzeugt ein besonderes Gefühl von Gemeinschaft. Hayden Chisholm mit Musikern in Bayern


Gibt es etwas Besonderes am deutschen Sound of Heimat?

Birkenstock: Spezifisch Deutsch ist sicherlich – oder war zumindest sehr lange – der Umgang mit dem Thema Volksmusik. Zum einen liegt das daran, weil Volksmusik missbraucht wurde. Ich finde das Beispiel in "Sound of Heimat" sehr frappierend: Das Frühlingslied "Alle Vögel sind schon da" ist ja ein denkbar unschuldiges Lied. Aber wenn man erfährt, in welchem Kontext es missbraucht wurde, verliert es seine Unschuld. Und ist für bestimmte Ohren kein unschuldiges Lied mehr. Dann erfahren wir von Rudi Vodel aus dem Erzgebirge, wie der Staat, die DDR, definierte, wovon Volkslieder handeln durften und wovon nicht: "Mit keinem König möchte ich tauschen" war verboten, aber von der LPG und den Traktoren durfte gesungen werden. Das ist heute sicher nicht mehr der Grund für die aktuelle Entfremdung vieler Deutscher zu ihrer Volksmusik, aber diese Dinge wirken halt nach.

Der Mensch hat über Musik gespeicherte Emotionen in sich

Das andere ist – das gibt es in anderen Ländern aber auch: Ich nenne es den medialen "Plastikvorhang": Sendungen wie das Musikantenstadl und Co. präsentieren volkstümlichen Schlager, sind medial sehr präsent und populär und besetzen damit auch Begrifflichkeiten wie "Volksmusik" und "Heimat".  Viele sehen gar nicht mehr das Ursprüngliche und Schöne, das hinter diesem sehr dichten Plastikvorhang oft verborgen bleibt.

###mehr-links### Womit kann der ganz persönliche "Sound of Heimat" noch zu tun haben?

Birkenstock: Im Film geht es um einen regional sehr klar verorteten Sound of Heimat. Aber natürlich ist es so, dass jeder aus verschiedensten Gründen eigene Sounds hat, die überall herkommen können. Das ist bei mir zum Beispiel das Akkordeon, bei dem anderen ist es ein besonderer Moment, ein Studienjahr im Ausland oder irgendein Erlebnis. Der Mensch hat über Musik gespeicherte Emotionen in sich, die dann über die Musik wieder ab- und emotional aufgerufen werden können.

Was nehmen Sie durch die Arbeit an dem Film mit? Hat sich Ihre Meinung von Volksmusik durch die Arbeit an dem Film geändert?

###mehr-personen###Birkenstock: Durch die Recherche habe ich schon sehr viel gelernt – im Film sind ja nur exemplarische Einzelstücke zu sehen. Aber gerade in Süddeutschland habe ich eine viel groovigere Variante von Volksmusik kennengelernt, also eine Art, die viel tanzbarer ist, als ich erwartet hatte. Den unglaublichen Reichtum an jungen Bands, den sie dort haben, an Volkstanzveranstaltungen. Dass die Szene so vielfältig ist, war mir schon vorher bewusst, aber es ist schon ein Unterschied, ob man das konkret erlebt und erfährt. Auch die Schönheit vieler Regionen: Man kommt auch sonst nicht unbedingt auf die Idee, in das Vogtland, in das Erzgebirge oder in das Allgäu zu reisen.

Es war für mich ein wunderschöner Dreh - Jan Tengeler und ich machen beide auch Musik und häufig saßen wir später mit den Protagonisten noch zusammen – ob im Bauch des Segelschiffs in Flensburg oder oben auf der Alb, wo wir mit dem Jodelkurs gewandert sind. Das gemeinsame Musikmachen nach Drehschluss hat uns auch Türen geöffnet: In Flensburg sagte einer: "Ihr macht ja gar nicht nur einen Film über Musiker, sondern seid ja selber welche" – das war schön.