Brustamputation: "Komm, lockerer Umgang damit!"

Symbolbild: Brustkrebs

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Brustkrebs ist die häufigste Krebsart, mit der Frauen zu kämpfen haben. Die Prognosen sind eigentlich gut - aber die Erkrankung ist immer auch eine Last für die Betroffenen.

Brustamputation: "Komm, lockerer Umgang damit!"
Angelina Jolie hat sich die Brüste amputieren lassen, um ihr Brustkrebsrisiko zu senken. Sie ist nicht die einzige, auch wenn ihr Fall der prominenteste ist: Denn auch deutsche Krankenkassen übernehmen die Kosten für die präventive Brustentfernung, wenn die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung sehr hoch ist. Vera* ist eine der Frauen, die diese Operation hinter sich gebracht hat. Für evangelisch.de erzählt sie ihre Geschichte, von der Angst vor der Erkrankung bis zum Umgang mit ihren neuen Brüsten. Vera ist Krankenschwester, 47 Jahre alt und hatte vor der Operation ein 80-Prozent-Risiko für Brustkrebs und 60-Prozent-Risiko für Eierstockkrebs. Die Entscheidung, Brüste und Eierstöcke entfernen zu lassen, fiel ihr nicht leicht.
16.05.2013
Jana Hofmann (Protokoll)
evangelisch.de

"Mit dieser Angst, Brustkrebs zu bekommen, renne ich eigentlich schon seit meinem 21. Lebensjahr durch die Weltgeschichte. Meine Mutter hat mit 44 Jahren Brustkrebs bekommen. Schon damals habe ich immer große Angst davor gehabt, dass ich das auch bekomme. In meiner Ausbildung habe ich eine Frau kennengelernt, die Brustkrebs hatte. Das war eine tolle, junge Frau. Damals war ich noch jung und hatte noch nicht die Distanz, wie ich sie heute zum Patienten habe, deshalb hat mich das sehr mitgenommen. Diese Frau ist daran verstorben. Dann habe ich das bei meiner Mutter mitbekommen und gerade weil sie es so jung bekommen hat, hatte ich immer die Sorge, auch zu erkranken. Manchmal habe ich es verdrängt, aber diese Angst war immer da.

Meine Mutter hat vor sechs oder sieben Jahren auch noch Eierstockkrebs bekommen. Sie war im Krankenhaus und ist operiert worden. Dort sind Pflegepersonal und Ärzte an meine Mutter herangetreten und haben ganz dringend den Ratschlag gegeben, dass die Kinder, also dass ich mich dringend testen lassen sollte. Ich wusste bis dahin gar nicht, dass es so ein Gen gibt. Auch wenn meine Angst sehr groß war, wollte ich von einem Test nichts wissen. Ich war erst mal richtig anti.

Dann hatte ich mit einem Onkologen bei uns aus dem Krankenhaus über den Test gesprochen. Er sagte zu mir: "Weißt du, ich kenne Leute, die haben's machen lassen und waren positiv, die sind damit überhaupt nicht klargekommen. Und wenn du positiv bist, heißt das nicht, dass du erkrankst, und wenn du negativ bist, heißt das nicht, dass du nicht erkrankst." Dann habe ich mich damit erstmal zufrieden gegeben und konnte damit auch leben. Trotzdem hatte ich vor jedem Vorsorgetermin Angst, habe mich immer abgetastet.

Vor zwei Jahren kam bei meiner Mutter aber auch noch der Eierstockkrebs zurück. Dann musste sie noch einmal eine Darmoperation haben, weil da Metastasen waren. Da bin ich immer mehr ins Nachdenken gekommen, weil ich auch eine Tochter habe. Ich habe mit meiner Gynäkologin gesprochen, die mir gesagt hat, dass die diesen Gentest an der Uniklinik in Köln machen. Ich habe mich mit meiner Mutter abgesprochen und mich entschieden, mich in Köln vorzustellen. Und das ist wichtig: Diese genetische Untersuchung geht nur solange, wie die Angehörigen noch leben, weil sie das Blut brauchen. In Köln haben sie einen Familienstammbaum gemacht und dann haben sie meiner Mutter Blut abgenommen für die genetische Untersuchung. Es hat ein Jahr gedauert, bis wir das Ergebnis bekommen haben: Es war positiv. Meine Mutter hat diese BRCA1-Genmutation. Da war ich erst mal geschockt. Die Chance, dass ich auch positiv bin, war 50:50.

"Ich lass es machen!"

Ich habe wieder etwas gebraucht, bis ich mich entschieden hatte: Im Dezember 2011 habe ich mein Blut nach Köln geschickt. Mitte Januar kam dann schon Post aus Köln. Da habe ich gedacht: "Ach, das ging ja schnell, das wird ja wohl nichts sein." Dann hat es noch fast zwei Monate gedauert, bis ich mich überwinden konnte, einen Termin zu machen, um das Ergebnis zu erfahren. Mitte März haben sie mir das dann gesagt. Die Zahlen haben mich vollkommen aus den Latschen geworfen: 80-prozentiges Brustkrebsrisiko und 60 Prozent für Eierstockkrebs. Ich war ja gesund, aber das hörte sich an wie ein Todesurteil. Irgendwie ist vollkommen die Welt ins Wanken geraten. Die Ärztin sagte mir dann, dass es die Möglichkeit gibt, Implantate machen zu lassen und die Eierstöcke rauszunehmen. Aber während des Gesprächs dachte ich erst mal: "Ne, ne, das kommt gar nicht in Frage für mich. Das mache ich nicht."

Ich bin dann am nächsten Morgen wachgeworden und habe gedacht: "Ich lass es machen!" Das war ganz klar und ich habe da auch nicht eine Minute dran gezweifelt. Weil ich mit dieser Prozentzahl nicht leben konnte, weil ich Angst hatte. Dadurch, dass ich im Krankenhaus arbeite, habe ich schon genug Frauen daran sterben sehen, und so will man nicht sterben. Ich wollte das dann auch so schnell wie möglich hinter mich bringen. Das Verrückte ist ja, wenn man so was hat, erfährt man so viel Neues aus dem Umfeld. An dem Tag habe ich mich mit einer Kollegin unterhalten, deren Mutter auch Brustkrebs hatte. Sie war sogar in Köln und wollte sich testen lassen – das ging aber nicht mehr, weil ihre Mutter schon tot war. Sie wird es nie erfahren, weil kein Untersuchungsmaterial da ist.

In der langen Zeit, in der ich mich nicht untersuchen lassen hab, hatte ich echt Glück, dass ich kein Krebs bekommen habe. Ich habe immer so ein Vertrauen in meinen Körper gehabt. Aber auf einmal hatte ich so ein Gefühl, als wäre mein Körper ein Pulverfass. Ich habe dann im Krankenhaus noch einmal eine Mammografie machen lassen, weil ich auf einmal die Angst hatte: "Nächste Woche habe ich das auch!"

"Viele Frauen überlegen sehr lange"

Im Mai habe ich einen Termin in Köln zum Gespräch mit dem Arzt, der mich auch operiert hat, ausgemacht. Er hat mich dann aufgeklärt und ich hatte eine Freundin dabei, die sich Notizen gemacht hat. Zum Abschluss des Gespräches sagte er dann: "Ich verabschiede mich und überlegen Sie sich, ob Sie das machen wollen." Dann habe ich gesagt: "Ne, ne, jetzt bin ich einmal hier und jetzt will ich auch sofort einen Termin haben." Da war er überrascht und sagte: "Das geht ja schnell bei Ihnen." Viele Frauen, sagte er, überlegen sehr sehr lange und entscheiden sich dann letztendlich dagegen. Ich wollte es einfach so schnell wie möglich hinter mich bringen. Ende Juni 2012 hatte ich den Termin für die prophylaktische Mastektomie.

Für Angelina Jolie war die Angst, ihre Kinder mit dem Brustkrebs zu konfrontieren, einer der Gründe für die präventive Brustentfernung.

Die Krankenkasse hat die Kosten übernommen, aber das war ganz schrecklich: Ich habe meinen Befund an die Krankenkasse geschickt, und ja, wie die Leute so sind, da lag der auf dem Schreibtisch. Wochenlang wurde der Befund nicht bearbeitet. Das war super stressig. Eine Woche vor der OP hatte ich immer noch nichts von der Krankenkasse gehört. Da habe ich mal angerufen und die meinten, die haben den Befund noch nicht und sie wüssten nicht, ob die Kosten übernommen werden. Weil sie das nicht kannten. Da war die Frage: "Mist, was mache ich, wenn die das nicht bezahlen?" Ich habe Ersparnisse, dann habe ich Freunde, Mama, Papa gefragt und ich hätte das auch selbst bezahlt. Mit allem hätte die OP etwa 7.000 Euro gekostet. Ich war so aus dem Häuschen, ich wollte die Operation! Dann habe ich den Befund noch einmal persönlich vorbeigebracht und die Kasse hat mir geraten, die OP zu verschieben.

Aber das wollte ich nicht! Ich dachte: "Seit zig Jahren setze ich mich damit auseinander, jetzt habe ich diesen Termin und wenn ich erst in drei Monaten einen neuen Termin bekomme – das geht nicht!" Ich dachte nur noch: "Mir ist das egal, zur Not übernehme ich die Kosten selbst." Dann musste ich mit der Arbeit telefonieren. Denn wenn ich das selbst bezahlt hätte, wäre ich auch nicht krank geschrieben worden. Ich hätte Urlaub und Überstunden und unbezahlten Urlaub nehmen müssen. Das wäre total stressig geworden. Ein paar Tage vor der OP hat die Kasse mir dann gesagt, dass sie die Kosten übernimmt – zum Glück!

"Die Artikel zum Restrisiko konnte ich nicht zu Ende lesen"

Die Operation war schon heftig. Ich war eine Woche im Krankenhaus, aber ich wollte danach auch unbedingt nach Hause. Ich habe eine Amputation beider Brüste erhalten, aber die Haut und die Brustwarzen sind geblieben. Da hat mich der Arzt auch gefragt, ob ich die Brustwarzen wirklich behalten will, weil sich das Restrisiko dadurch erhöht. Meine Brüste sehen jetzt zwar anders aus als vorher, aber trotzdem gut, auch mit den Narben. Ich kann damit leben. Aber wenn ich die Brustwarzen hätte mit entfernen lassen, hätte ich doch ein größeres Problem gehabt, damit klarzukommen. Jetzt habe ich nur noch ein normales Risiko, Brustkrebs zu bekommen. Zu der Zeit hatte ich keine Beziehung, deshalb hatte ich schon Angst, wie sich das auswirkt. Mein Freund kann damit aber gut umgehen.

Im September habe ich die Eierstöcke entfernen lassen. Die Operation war aber harmlos, da war ich nur eine Nacht im Krankenhaus und hatte noch nicht mal Schmerzen danach. Klar, jetzt bin ich dadurch abrupt in die Wechseljahre gekommen und muss ein bisschen Acht geben, aber das ist schon okay.

Nach den Operationen war ich ein halbes Jahr krank geschrieben, weil ich auf meiner Station viel körperlich arbeite. Ich hätte nicht arbeiten können und das halbe Jahr habe ich auch gebraucht.

Das mit der Angelina Jolie habe ich gar nicht mitbekommen. Mein Freund hat mir das gesagt und dann dachte ich: "Lese ich mal ein bisschen im Internet". Das, was da über sie stand, hat mich dann auch gar nicht mehr interessiert, aber die Artikel über das Restrisiko. Ich merkte aber, ich konnte das nicht zu Ende lesen. Weil ich natürlich immer noch Sorge habe.

"Das geht, das ist alles nicht schlimm"

Im August bekomme ich ein MRT und da wird geguckt, wie viel Drüsengewebe in der Brust übrig geblieben ist. Danach richtet sich, wie oft ich zur Vorsorge kommen muss. Im Moment fahre ich jedes halbe Jahr zur Kontrolle nach Köln. Auf der Arbeit bekomme ich so viel mit und ich komme jetzt immer mehr zu dem Punkt, an dem ich denke: "Mensch, du hast dich in den letzten Jahren so gestresst. Aber du hast jetzt getan, was du tun konntest. Mehr kannst du nicht machen." Und wenn es dann trotzdem passiert, dann kann man nichts machen. Dann wird man trotzdem einen Weg finden, um klarzukommen. Da muss man Vertrauen haben. Ich habe da Gottvertrauen.

Es ist mir ganz ganz wichtig, dass ich vor meiner Tochter gut mit meinen Implantaten umgehe. Wir waren dann letztes Jahr - zwei Monate nach der OP - mit ihr, einer Freundin und noch ein paar Mädels von ihr im Urlaub. Ich habe dann am Strand meine Brust in die Sonne gehalten, meine frisch operierte Brust. Klar haben die alle geguckt, aber ich dachte: "Komm, lockerer Umgang damit!" Um meiner Tochter einfach zu zeigen: Das geht, das ist alles nicht schlimm. Es kann ja sein, dass sie auch positiv ist. Ich hoffe natürlich, dass sie das nicht von mir geerbt hat. In Köln haben sie gesagt, sie könnte sich mit 25 auch testen lassen. Ich denke, dann ist sie auch gefestigt. Wir haben da noch nicht so viel drüber gesprochen. Wir machen das Schrittchen für Schrittchen, sie ist erst 15 und ich will sie damit noch nicht zu sehr belasten. Es reicht erstmal, wenn sie das bei mir mitbekommen hat. Sie weiß auch, dass das bei ihr der Fall sein kann.

Ich habe das auch nur den Leuten erzählt, zu denen ich Vertrauen habe, und die haben auch alle dicht gehalten. Ich habe nur positive Rückmeldungen erhalten. Jeder hat meine Entscheidung verstanden."

*Vera ist nicht der richtige Name der Krankenschwester. Der Name ist der Redaktion bekannt.