Nikolaus Schneider und die "hemmungslosen Egoisten"

Disko

Foto: dpa/Franziska Kraufmann

Tanzende Menschen am Karfreitag fragt Nikolaus Schneider: "Warum wollt Ihr keine Rücksicht nehmen auf die öffentliche Kultur, die den Karfreitag als stillen Feiertag tradiert? Was ist da eigentlich los?"

Nikolaus Schneider und die "hemmungslosen Egoisten"
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) verteidigt das Verbot von Tanzveranstaltungen am Karfreitag. Der gesetzliche Feiertag ermögliche, sich in Ruhe mit Fragen des Sterbens und der Endlichkeit auseinanderzusetzen, so EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider.

Mit Blick auf junge Leute, die auch an Jesu Todestag Tanzvergnügungen nachgehen, spart Schneider nicht mit deutlichen Worten: "Warum wollt Ihr keine Rücksicht nehmen auf die öffentliche Kultur, die den Karfreitag als stillen Feiertag tradiert? Was ist da eigentlich los?" Polizeieinsätze zur Durchsetzung des Tanzverbots lehnt er hingegen ab. Der frühere rheinische Präses erläutert in dem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) zudem, was Karfreitag und Ostern für die Christen bedeuten und warum die Geschichte von der Auferstehung Jesu Christi nicht im Widerspruch zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen steht.

Weihnachten, Karfreitag, Ostern, Pfingsten - die Wichtigkeit dieser Feste wird von Christen unterschiedlich wahrgenommen. Welche Rolle spielen Karfreitag und Ostern für die evangelische Kirche?

Schneider: Karfreitag und Ostern sind die zentralen Feste unseres Glaubens, weil im Zusammenspiel von Karfreitag und Ostern deutlich wird, wie Gottes Zuwendung zu dieser Welt und zu seinen Menschen geschieht: Gott verhält sich eben nicht wie ein altorientalischer Despot. Er entzieht sich nicht dem menschlichen Leiden. Er zeigt, dass seine Liebe und Macht stärker sind als alle Todesmächte, indem er den Tod auf sich nimmt.



Der Weg, den Gott einschlägt, ist ein Kreuzweg.

Schneider: Karfreitag ist nicht das Ende, sondern auf Karfreitag folgt Auferstehung. Ohne Karfreitag ist Ostern belanglose Folklore, ohne Ostern ist Karfreitag trostlos. Wir denken über Karfreitag theologisch von Ostern her, von der Auferstehung her. Aber ohne Triumphalismus: Wir vergessen auch an Ostern nicht, dass es der Gekreuzigte ist, der auferstanden ist. Der Auferstandene ist weder der unbeschädigte Triumphator, denn er trägt die Wunden der Kreuzigung. Er ist aber auch nicht der große Verlierer. Denn der Gekreuzigte hat den Tod überwunden und ist damit schon ein Sieger - ein Sieger aber ohne weltlich-sichtbaren Triumph.

Für diesen Sieg musste Gottes Sohn den Kreuzestod sterben. Die Frage nach dem Sühnopfer, mit dem Christus die Schuld der Welt auf sich geladen hat, ist theologisch umstritten. Wie gehen Sie mit dieser Grausamkeit Gottes am Karfreitag um?

Schneider: Es ist nicht der grausame Gott, sondern es sind grausame Menschen, die diesen Menschen quälen. Gott erträgt diese Grausamkeit. 

Aber Gott lässt die Grausamkeit doch zu.

Schneider: Ich bin ein wenig zurückhaltend, Gottes Haltung beschreiben und begründen zu wollen. Das sollte sich kein Mensch anmaßen. Jesus wird von Glaubenden als Gottes Sohn erkannt. Jesus ist bereit, aus Menschenliebe die Grausamkeit der Welt zu ertragen. Grausamkeiten aber mussten und müssen ungezählt viele andere Menschen auch ertragen. Das Geheimnis der Liebe Gottes in Christus ist aber, dass Jesus die Grausamkeiten erträgt und durch seine Auferstehung die absolute Macht der Gewalt überwindet.

"Klar war das Grab leer"

Die Auferstehung in der Form, wie sie die Bibel in der Ostergeschichte überliefert, ist für aufgeklärte Menschen schwer nachvollziehbar. Wie ist die Frage heute zu beantworten, ob Ostern das Grab Jesu leer war?

Schneider: Da lasse ich mich auf physikalische oder biochemische Debatten überhaupt nicht ein. Auf der theologischen Ebene kann ich nur sagen: Klar war das Grab leer. Denn Jesus ist als der Christus ins Leben bei Gott auferstanden. Der irdische Leib Jesu wird verwandelt in die Herrlichkeit Gottes. Es ist eine Auferstehung, die die Realität der Welt in die Realität des Reiches Gottes verwandelt.

Wie geht das?

Schneider: Das gehört zu den Geheimnissen, wie Gott überhaupt Leben geschaffen hat. Die Fragen nach dem Ursprung und dem Ziel allen Lebens werden wir durchschauen, wenn wir im Reiche Gottes sind. Aber auch der Ausschnitt des irdischen Lebens, den wir mit unseren irdischen Möglichkeiten erfahren und reflektieren, kann uns die Gewissheit schenken, dass dieses Leben eingespannt ist in einen größeren Zusammenhang. Und diesen Zusammenhang können wir nicht allein naturwissenschaftlich beschreiben. Im Kleinen Katechismus bei Luther heißt es: "Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen." Diese Aussage setzt natürlich die Physik des Lebens voraus, bleibt dabei aber nicht stehen.

"Die Wahrheit einer Aussage hängt immer auch ab von der Methode"

Muss ein Naturwissenschaftler seinen Verstand abgeben, um das zu glauben?

Schneider: Ich kenne aus dem Arbeitskreis des rheinischen Präses mit Naturwissenschaftlern genügend Physiker und Chemiker, die bekennen und sagen: Man muss den Verstand nicht abgeben, um an Gott als den Schöpfer des Lebens zu glauben, denn es gibt Dimensionen, die sind mit der Methode der Naturwissenschaft einfach nicht zu erfassen. Die Wahrheit einer Aussage hängt immer auch ab von der Methode, mit der ich frage. Wenn ich nach einem Gott frage, der die Welt geschaffen hat, dann frage ich nach dem, der auch die Voraussetzungen für alle Methoden der Naturwissenschaften mit geschaffen hat. Gott kann ich dann mit den Methoden der Naturwissenschaft nicht fassen. Deshalb gibt es durchaus auch Naturwissenschaftler, die über naturwissenschaftliche Einsichten zum Staunen und zum Glauben an einen Schöpfergott gekommen sind.  

EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider verteidigt vehement das Tanzverbot am Karfreitag.

In den vergangenen Jahren gab es Streit um die Feiertagsruhe am Karfreitag. Es gab Gruppierungen, die Tanzveranstaltungen befürworteten, und die Kirche galt als der Spielverderber, der sich für die Feiertagsruhe stark machte. Ist diese tradierte Form, kirchliche Feste zu feiern, noch zeitgemäß?

Schneider: Zunächst mal: Ob wir als Kirchen Gottesdienst feiern können, hängt nicht von einem geschützten Feiertag ab. Das können wir auch so. Der Punkt ist ein völlig anderer: Es gibt eine kulturelle Prägung unserer Gesellschaft. Und es tut der Gesellschaft gut, sich Fragen des Sterbens, der Endlichkeit, des Bösen und der Zerstörung zu stellen und sich dabei auch zu fragen: Wie bin ich davon betroffen und wo sind meine Anteile? Dazu brauchen Menschen Konzentration und Stille. Es tut der Gesellschaft und jedem Einzelnen gut, sich den Dunkelheiten des Lebens zu stellen. Und dann kann auch die Osterbotschaft eine ganz andere, befreiende Wirkung entfalten. Sie ermöglicht nämlich zu sehen, dass der Tod nicht das letzte Wort hat und dass es Auswege aus vermeintlichen Sackgassen gibt.

"Seid Ihr so hemmungslose Egoisten?"

Haben jüngere Menschen denselben Kulturbegriff?

Schneider: Die jungen Leute, die meinen, sich am Karfreitag ausleben zu müssen, möchte ich gerne nach ihrem Kulturverständnis fragen. Sind gemeinsame, stille Feiertage für Euch nicht wichtig oder seid Ihr so hemmungslose Egoisten, dass es nur darauf ankommt, das mal eben durchsetzen zu können, worauf Ihr gerade Lust habt? Ist es wirklich entscheidend für Euren Kulturbegriff, an jedem Tag Eure Individualität so aufspreizen zu können, dass keiner daran vorbeikommt? Warum wollt Ihr keine Rücksicht nehmen auf die öffentliche Kultur, die den Karfreitag als stillen Feiertag tradiert? Was ist da eigentlich los?

Für die, die für den Tanz am Karfreitag gekämpft haben, war es ein Teil von Protestkultur.

Schneider: Öffentlicher Protest ist nötig. Aber sind das die Freiheitsfragen, die wir heute haben? Sind das die Fragen, für die man öffentlich eintreten muss? Für die man sich auch mit der Kirche anlegen muss?

Soll die Staatsgewalt die gesetzliche Feiertagsruhe durchsetzen?

Schneider: Ich möchte keine Polizei eingesetzt sehen gegen Leute, die meinen, am Karfreitag tanzen zu müssen. Wenn Verstöße gegen das Feiertagsgesetz aber von jemandem - etwa einem Theater - organisiert werden, der mit staatlichem Geld subventioniert wird, dann hat der Staat ein Recht zu sagen: Pass auf, hier gelten die staatlichen Regeln. Bei den anderen kann man nur darum werben.