"Berlin Ecke Bundesplatz": Mit der Kamera durch die Zeit

TV-Doku Berlin - Ecke Bundesplatz

Foto: WDR/Känguruh Film

Gruppenbild zum Hochzeitstag von Michael und Susanne Creutz.

"Berlin Ecke Bundesplatz": Mit der Kamera durch die Zeit
Mehr als 25 Jahre haben zwei Berliner Dokumentarfilmer die Menschen in ihrem Kiez begleitet und gefilmt. Ihre Filme sind ein einzigartiges Dokument der Fernseh- und Alltagsgeschichte. Auf der Berlinale zeigten sie vier Episoden, die gesamte Dokumentation erscheint am 28. Februar auf DVD.

Sie nennen sie "unsere Leute": 26 Jahre lang begleiteten die Dokumentarfilmer Detlef Gumm (65) und Hans-Georg Ullrich (70) rund 30 Bewohner des Berliner Bezirks Wilmersdorf bei deren Alltagsverrichtungen: Sie schauten dem Bäcker Dahms in der Backstube über die Schulter, sahen der Witwe Tomaschweski beim Treppenhausputz zu. Mit dem armen Poeten Reimar Lenz gingen sie im Park Holunder pflücken, den gestrauchelten Prominentenanwalt Ülo Salm holten sie von der Haftanstalt ab. Eine Schwangere bekam ein Baby, ein Familienvater wurde Opa.

Ihre so entstandene Langzeitdokumentation mit dem Titel "Berlin Ecke Bundesplatz" hat mit dem Berlin, das so gerne "arm, aber sexy" sein will, nichts gemein. Sie zeigt den oft trägen, manchmal mühsamen, immer aber "normalen" Alltag der kleinen Leute in einem Stadtbezirk, der von den bürgerlichen Gründerzeitbauten einerseits und der lärmenden Stadtautobahn andererseits begrenzt wird. 

"Immer auf Augenhöhe"

Für ihre vom WDR initiierte und von 3sat und dem RBB mitgetragene Langzeitdokumentation "Berlin Ecke Bundesplatz" haben Gumm und Ullrich seit 1986 1.000 Stunden Rohmaterial zusammengetragen. Daraus entstanden 18 unterschiedlich lange Porträtfilme, die jeweils die Lebensverläufe einzelner Protagonisten über die Projektdauer hinweg auffächerten. Mit den vier auf der Berlinale gezeigten Episoden über den Schornsteinfeger Creutz, die Bäckersfrau Dahms, den Anwalt Salm und die Familie des U-Bahn-Abfertigers Rehbein haben Gumm und Ullrich ihr Langzeitprojekt nun abgeschlossen. Nicht zuletzt aus Altersgründen. Sie sind mit ihren Protagonisten gealtert und befinden sich jetzt selbst jenseits der Pensionsgrenze.

Schornsteinfegerglück: Michael Creutz bei der Arbeit.

Die meisten "Bundesplatz"-Protagonisten haben die Rente durch, mancher Alltag ist nun vor allem von den Mühen des Alters geprägt. Die Lebensläufe sind nach so langer Zeit gewissermaßen "auserzählt", wie es in der Filmdramaturgie heißt. Hans-Gregor Ullrich benutzt diesen Begriff nur zögernd und hörbar in Anführungszeichen, weil es nicht zynisch klingen soll.

"Immer auf Augenhöhe" seien sie denjenigen begegnet, die sie in ihrer Lebensmitte kennenlernten und zu Helden ihrer Filme machten. Rund 1.000 Zettel, die ihr Vorhaben kurz skizzierten, warfen die beiden Dokumentarfilmer 1985 in die Hausbriefkästen am Bundesplatz. Dort hatten Gumm und Ullrich gerade mit ihrem Filmbüro Quartier genommen - weil die Lage günstig und die Miete für West-Berliner Verhältnisse bezahlbar war. Von den 120 Neugierigen, die sich meldeten, wählten die beiden 26 aus - überwiegend nach Sympathie. Man würde sich schließlich eine Weile aneinander binden.

Die Filme erzählen vom Glück zu leben

Fünf Jahre war zunächst der Zeit- und Finanzrahmen, den WDR-Redakteur Martin Wiebel dem Filmvorhaben einräumen konnte. Als aber 1989 die Berliner Mauer fiel, wurde aus dem Nischenprogramm am Nachmittag ein spannendes Soziogramm, das nun bis zur Jahrtausendwende fortgeführt werden sollte. Bei der Filmpremiere 1999, das Aus war schon beschlossene Sache, fand "Berlin - Ecke Bundesplatz" in WDR-Intendant Fritz Pleitgen unerwartet einen begeisterten Zuschauer und einflussreichen Förderer.

Denn soviel war klar: Mit jedem Jahr, das Gumm und Ullrich weiterdrehten, würde das Filmmaterial noch wertvoller werden. Manches, wie die ellenlangen Debatten im örtlichen SEW-Büro war zunächst unsendbar erschienen - bis die DDR zusammenbrach und damit auch die "Sozialistische Einheitspartei Westberlin" ihre Daseinsberechtigung verlor. Da war es plötzlich spannend, die neue Ratlosigkeit der Westberliner Genossen mit der zurückliegenden Selbstgewissheit neu ins Verhältnis zu setzen.

Nicht oft hat die Wende von 1989 so gravierend in die Alltagsdramaturgie des Projektes eingegriffen. Letztlich war der Fall der Mauer für "Berlin - Ecke Bundesplatz" nicht so folgenschwer wie für die "Kinder aus Golzow", die Langzeitbeobachtung des DDR-Fernsehens.

Was an der "Bundesplatz"-Staffel der frühen Nachwende-Jahre zunächst irritierte, ist heute die besondere Qualität der Reihe: Die Filme erzählen nicht von dramatischen Lebensbrüchen, sondern vom Lebensglück, und wie man zeitlebens danach sucht. Dabei war die Kamera "ihren Leuten" immer ein aufmerksamer, aber nie indiskreter Begleiter. Das ist nicht zuletzt ein Geschenk an die Zuschauer. Mit "Berlin - Ecke Bundesplatz" blickt man in viele verschiedene Wohnzimmer, ohne sich dort je als Eindringling zu fühlen.