"Jetzt haben die Evangelen auch endlich ihren Skandal"

Kirchenprotest gegen Karikatur in Kassel

Foto: dpa/Uwe Zucchi

"Jetzt haben die Evangelen auch endlich ihren Skandal"
Streit um eine Jesus-Karikatur in Kassel
'Ey Du, ich hab Deine Mutter gefickt', steht in einer Sprechblase über Jesus - eine Karikatur, die in Kassel für Aufregung sorgt. Auch wenn sie mittlerweile abgehängt wurde. Ein Christ hat Anzeige gegen die Ausstellungsmacher erstattet, die Kirche sucht das Gespräch. Eindrücke aus der aufgeregten Stadt Kassel.

In dem kleinen Park an der Ruine der Lutherkirche in Kassel treffen sich Drogensüchtige und Alkoholiker. Ein Ort des Scheiterns mitten im Zentrum der Stadt. Menschliches Elend, das berührt, an der Wegstrecke zwischen Kulturbahnhof und dem Dekanat der Evangelischen-Kirche Kurhessen-Waldeck. Der Kasseler Sommerfrieden wird jedoch aktuell durch etwas anderes gestört. "Mir geht das einfach nicht in den Kopf, warum die Kirche da nicht rigoroser reagiert hat", Heinrich Wilhelm Braun versteht die Welt nicht mehr.

Der Kulturbahnhof in Kassel - die Ausstellungsräume der Caricatura. Foto: Karola Kallweit

Der Aufruhr begann nach den Sommerferien. "Ich habe das vorher gar nicht mitbekommen, erst als ich Mitte August aus dem Urlaub zurückgekommen bin und die Schule wieder anfing, da kamen auf einmal Anrufe, dass da so ein Plakat am Kulturbahnhof hängt." Stadtdekanin Barbara Heinrich sitzt in ihrem geräumigen Büro am Lutherplatz in Kassel. Die Erholung vom Urlaub sieht man ihr noch an. Den Ärger der letzten Tage weniger. Ihr katholisches Pendant, Dechant Harald Fischer, wohne direkt um die Ecke und habe sie auch gleich angerufen. "Wir haben uns dann auch sofort bei der Caricatura gemeldet und darum gebeten, das Plakat zu ersetzen, also nicht gefordert."

Das Plakat zeigt einen Cartoon: Ein gekreuzigter Jesus ist darauf zu sehen, über ihm eine Sprechblase 'Ey Du, ich hab Deine Mutter gefickt'. Es hing bereits seit Ende Juli an der Außenwand der Galerie für komische Kunst, den Ausstellungsräumen der Caricatura am Kulturbahnhof. So viel medialen Wirbel hat es seit dem Abriss der Documenta-Brücke im Jahr 2000 in Kassel nicht mehr gegeben. Auf der Facebook-Seite des Künstlers Mario Lars schreibt ein Mann am 2. August: "Glückwunsch! Na das wird ja für ordentlich Medienresonanz sorgen."

Die bekannteste Vater-Sohn-Beziehung

Wer die Sache den Medien gesteckt hat, weiß keiner so genau. "Von uns kam das nicht", sagt Kirchendekanin Heinrich. Wir wollten reden und niemanden zwingen. Darauf besteht sie. Der Künstler erklärt später, dass er den Gebrauch von Jugendsprache satirisch festhalten wollte. Diese in den Mund eines Vaters legen wollte, die Vater-Sohn Beziehung sozusagen vertauschen. Und die bekannteste Vater-Sohn-Beziehung sei nun mal die zwischen Gott-Vater und Jesus. In der Ausstellung kann man die Karikatur noch sehen aber da wo das Plakat hing, ist jetzt jedenfalls nur noch stählern glänzende Wand.

Heinrich Wilhelm Braun hätte gern mal mit Kirchendekanin Barbara Heinrich gesprochen. Jetzt sitzt der fromme Christ auf einer Parkbank auf dem Lutherplatz, kaum eine Minute von ihrem Büro entfernt. Würde sie genau in diesem Moment aus dem Fenster im 2. Stock blicken, könnte sie ihn sehen. Eigentlich macht er ja nur die Arbeit der Kirche, meint Braun. "Auf Jesus baut doch alles auf!" So einfach ist das. Der Blick des 75 Jährigen verrät, dass es hier für ihn keine Diskussion geben darf, geben kann. Der kleine kompakte Mann mit dem vollen Haarschopf zieht aus seiner schwarzen Lederjacke zwei ordentlich zusammengefaltete Zettel heraus. Die Strafanzeige und seinen jüngsten Leserbrief an die Hessisch Niedersächsische Allgemeine. Dass die Jesus-Karikatur, mit der die Ausstellungsmacher der Caricatura geworben haben, nicht mehr hängt, das sieht er als sein Verdienst an. Als Anwalt für Jesus ist er in seinem Element.

Von der Caricatura und ihrem Werbeplakat habe Braun eigentlich erst letzte Woche aus der lokalen Zeitung erfahren. Sogleich sei er an den Tatort gefahren. "Die Kirche hätte ja jetzt ewig lang diskutiert und das Plakat wäre hängen geblieben, da musste doch einer was machen, dass das wegkommt." Am Ende ging alles ganz schnell. Die Kirchen wollten reden, die Ausstellungsmacher wollten das Bild hängen lassen und als Heinrich Braun davon erfuhr, setzte es die Anzeige wegen Gotteslästerung. "Das war Donnerstag der 22. August um viertel nach elf am Morgen, da habe ich bei der Polizei angerufen." Am selben Abend noch wurde die Karikatur abgehängt, auf Initiative des Künstlers selbst. Zu viele Neonazis und Islamophobe, die sich auf Facebook und per Email gemeldet hätten, erklärt Lars.

"Wir sind für das Derbe verantwortlich"

"Jetzt haben die Evangelen auch endlich ihren Skandal." Der Cartoonist und Maler Till Mette sitzt zusammen mit Martin Sonntag, dem Geschäftsführer und Leiter der Caricatura, unter einem Sonnenschirm im Hinterhof der Caricatura-Galerie. Vor ihm auf der Bierbankgarnitur ein Paket voller Ausstellungsbücher bereit zum Signieren. "Erst gab es Mohammed-Karikaturen für die Muslime, dann das Papst-Cover für die Katholiken." Der Fanatismus sei in Deutschland so langsam auf dem Vormarsch.

Martin Sonntag, Geschäftsführer und Leiter der Caricatura. Foto: Karola Kallweit

Mit der Reaktion der Kirchen hatte auch Martin Sonntag nicht gerechnet. Seit 1989 wohne er hier und die Kasselaner seien eigentlich schon allein aufgrund der Documentas, der ganzen Kunstverrückten, die alle fünf Jahre die Stadt stürmen und ihr Bild verändern, einiges gewöhnt. Sonntag hat sich gewundert, dass es ausgerechnet diese Karikatur war, die so viel Lärm verursacht hat. Religion sei schon immer Thema der Satire gewesen, vielleicht sei die Vehemenz mit der sie auftrete nur eine andere geworden, nach den Skandalen der letzten Jahre. "Brave Cartoons machen die anderen, wir sind für das Derbe verantwortlich."

Und dann zeigt Sonntag die Stelle. Ein kleiner Bereich links neben dem Eingang zur Ausstellung. "Das witzige ist, dass es zuletzt tatsächlich eine rein technische Frage war, warum wir uns für diese bestimmte Karikatur entschieden haben." Es gab noch eine Alternative, mit einem über das Wasser laufenden Jesus, nur da hätte die Querstrebe der Außenwand genau das Gesicht durchschnitten. Deshalb sei es am Ende die andere geworden. Mit der Reaktion des Bodenpersonals habe er wirklich nicht gerechnet.

"Immer weniger Kirchenmitglieder, der ewige Seufzer"

Von den fast 200.000 Einwohnern in Kassel sind über die Hälfte Christen. Die Protestanten sind wie üblicherweise im reformatorischen Kernland in der Mehrheit. Und wie üblicherweise geht die Zahl der Kirchenmitglieder zurück. Das weiß auch Kirchendekanin Heinrich. Letzte Woche hat sie eine Andacht für die Mitarbeiter im Haus gehalten. Die Heiligen werden immer weniger, die Gottesfurcht schwindet, stand in der Tageslosung. Verflochten habe sie das dann mit der Debatte um die Karikatur. "Immer weniger Kirchenmitglieder, der ewige Seufzer. Und wenn man die ganze Angelegenheit um die Karikatur genauer betrachtet, dann wird schnell klar, dass hier ein Gefühl verloren gegangen ist, was geht und was nicht geht." Das Kreuz, die Kreuzigung als Zentrum des Glaubens ist unantastbar.

Glockengeläut dringt von draußen in das Büro der Stadtdekanin. Das Kirchenschiff wurde im zweiten Weltkrieg fast komplett zerstört, aber der Turm steht. "Und dennoch sitzen wir heute als Kirche da und es gibt uns immer noch." Von dem kleinen Kreuzzug des Kasseler Bestatters, von der Anzeige aufgrund des Paragraphen 166, weil das Aufhängen der Karikatur den Tatbestand der Blasphemie erfüllt, hat sie aus der Zeitung erfahren. Nur wer hinter all dem steckt, wer sich da eigentlich für den Religionsfrieden einsetze, das wisse auch sie nicht.

"Auf Jesus baut doch alles auf!" Foto: Karola Kallweit

Seit 35 Jahren wohnt Heinrich Wilhelm Braun in Kassel und die meiste Zeit hat er als Bestatter gearbeitet. In Kassel ist er bekannt wie ein bunter Hund. Irgendwann hat er sein Talent als Trauerredner entdeckt. Melsungen, Bebra, Frankenberg, Korbach, Bad Karlshafen – das ist sein Gebiet. Alles übers Hörensagen, verrät er schmunzelnd. Sogar bei der Beerdigung des Juniorchefs von der Rügenwalder-Wurst habe man ihn angerufen. "Ich will die Leute wieder zum Glauben bringen, will ihnen sagen, dass der Tod nicht das Ende bedeutet."

Lange vor dem Herzinfarkt, der ihn fast das Leben gekostet hätte und ihn zum Glauben zurückführte und lange vor einer zweiten Karriere als Musiker, die er zugunsten seines christlichen Auftrags aufgegeben hat, war Braun mal Ausdauersportler. Marathon ist er gelaufen als er noch jung war. 1960 hat er es sogar zum hessischen Landesmeister gebracht. "Zwei Stunden und zweiundfünfzig Minuten war meine beste Zeit", erzählt er stolz. Heutzutage sei das natürlich nichts mehr. Die Zeiten ändern sich.

Bei Satire gibt es immer einen, der sich beschwert

"Kohl war jemand, der ist gelassen mit Satire umgegangen, wenn es um seine Person ging", so Martin Sonntag. Die Freiheit der Kunst, das ist eine Diskussion, die man eigentlich nicht führen will in den Reihen der Caricatura. "Das gibt die Zeichnung, um die es jetzt geht, eigentlich auch gar nicht her." Bei Satire gibt es immer einen, der sich beschwert. Eine ellenlänger werdende Liste an Vorwürfen. Tucholsky oder Loriot hätten recht gehabt, dass es bei der Satire keine Grenzen geben darf. Sonntag bleibt gelassen. Fühlt sich gewappnet für das, was da noch kommen mag. Die Beschimpfungen am Telefon waren ärgerlich, aber nicht ernst zu nehmen.

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Problematischer schon eher die versteckte rechte Volkstümelei. In einer Email hieß es, dass die Muslime bei den Mohammed-Karikaturen überreagiert hätten, aber die Reaktion der Kirche in Kassel völlig richtig sei. "Die Kirche sollte aufpassen, wer da in ihrem Becken so mitschwimmt."

Die Diskussion wird in Kassel weitergehen. Kirchenvertreter und Caricatura-Macher werden sich treffen. Haltungen austauschen. Die Anzeige läuft. Als das Plakat nicht mehr hing, hätte Heinrich Wilhelm Braun sie gern zurückgezogen, wie er sagt. Er wollte ja nur das Bild weghaben. In der Apotheke gegenüber der Caricatura ist gleich Feierabend. Eine junge Frau steht am Tresen und bedient die letzten Kunden. Von einem Plakat wisse sie nichts. "Wie, die haben da was abgehängt letzte Woche? Was war denn da?" Bei dem Stichwort Jesus erinnert sie sich dann doch. Von einer Freundin habe sie das gehört. Wenn man hier den ganzen Tag so arbeitet, dann achte man da nicht so sehr drauf und die Kunden hätten auch nichts gesagt. Dann überlegt sie kurz und lacht: "Naja, jetzt wo das so eine große Sache ist, hätte ich das ganz gern auch mal gesehen."