Wenn Schüler trauern: "Ja, ich darf traurig sein!"

Tod in der Schule_Aufmacher

Foto: stop-sells/photocase

Auch die Schule ist ein Ort für Trauer. Doch wie wird dort darauf eingegangen?

Wenn Schüler trauern: "Ja, ich darf traurig sein!"
Was passiert eigentlich in der Schule, wenn ein Jugendlicher, ein Lehrer oder Familienangehörige von Schülern sterben? Im Schwerpunkt "Leben mit dem Tod" beschäftigen wir uns in diesem Monat mit den Themen Leben, Sterben, Tod und Trauer. Pastor Tim Kröger erzählt von seinen Erfahrungen. Er ist Beauftragter für schulnahe Jugendarbeit an zwei weiterführenden Schulen in Neustadt am Rübenberge.

Herr Kröger, warum sollte der Umgang mit Tod und Trauer in der Schule thematisiert werden?

Tim Kröger: Schule ist für Schülerinnen und Schüler, aber auch für Lehrkräfte immer mehr ein Ort des Lebens. Das hat sich unter anderem durch den Ausbau von Ganztagsschulen massiv verstärkt. Schule ist somit ein Ort für alle Lebenssituationen, also auch für Trauersituationen. Insofern gilt es jugendgerechte Angebote zu machen, die auch die Trauerarbeit einschließt. Das kann im Unterricht, aber auch in Nachmittagsangeboten geschehen und sollte immer in enger Abstimmung mit den Klassenlehrern, den Beratungslehrern und dem Schulpastor geschehen.

Sind "Tod, Sterben, Trauer" Tabuthemen in der Schule?

Kröger: "Tabuthema" klingt, als würde man dem in der Schule ausweichen. Klar vermeidet man es in gewisser Weise, aber häufig ist eher eine große Unsicherheit auf Seiten der Lehrkräfte wahrzunehmen, wenn Familienangehörige von Schülerinnen und Schülern zu Tode kommen. Da suchen die Lehrer Unterstützung, um eine Form zu finden, angemessen mit den betroffenen Schülern umzugehen, das Thema aber auch im Klassenverband zu besprechen.

Mittlerweile merke ich, dass inzwischen eine größere Offenheit da ist. Es gibt viel mehr Angebote als noch vor zehn, fünfzehn Jahren - das ist eine schöne Entwicklung. Dennoch: Lehrkräfte sollten noch mehr speziell auf Trauersituationen vorbereitet werden, im besten Fall werden Sozialarbeiter und Beratungslehrer eingebunden – und die Kirche, die in diesen Momenten viel bieten kann.

"Über Trauer sprechen ist ein wichtiges Ventil"

Welche Angebote speziell für Trauersituationen gibt es in der Schule?

Kröger: Ich habe zum Beispiel in den Schulen, in denen ich arbeite, Räume der Stille eingerichtet. Wir feiern mit Schülern dort kleine Gottesdienste oder Andachten. Schüler, die in Trauersituationen sind, nutzen diesen Raum auch gerne als Rückzugsort. Es ist wichtig, ein Forum zu bieten, in dem Trauer erlaubt ist. Und in Not-Situationen schnell zu reagieren: Einmal ist ein Schüler sehr plötzlich gestorben, wir sind noch am selben Tag gemeinsam in die nahegelegene Kirche gegangen. Die Lehrkräfte benötigten Unterstützung, eine Empfehlung, wie sie nun mit der Klasse umgehen sollten. Wir haben die Lehrer gebeten, das Thema möge auf jeden Fall angesprochen werden, und dass sie darauf achten sollen, ob Schüler zusätzliche Begleitung brauchen.

Wie gehen Kinder und Jugendliche mit Trauer um?

Kröger: Es gibt natürlich Unterschiede zwischen älteren und jüngeren Schülern - allein bei den Verarbeitungsmöglichkeiten entwickelt sich bei den Jugendlichen zwischen zehn und achtzehn Jahren enorm viel. Mit Fünfzehn-, Sechzehnjährigen ist der Umgang schwierig, weil sie ungeheuer stark verdrängen. Das ist oft bei Jungs noch viel stärker als bei Mädchen. Wir müssen ihnen dann klar machen: Sie dürfen zwar auch dicht machen, aber sie dürfen und sollen sich auch absolut trauen, sich einem vertrauten Menschen mitzuteilen. Ein Gespräch ist ein Ventil, um der Traurigkeit Luft zu verschaffen. Es ist ganz wichtig, ihnen das klar zu machen.

Mit welchen Fragen oder Gedanken wenden sich die Schüler an Sie?

Kröger: Eigentlich kommen die Schüler gar nicht mit konkreten Fragen zu mir, sondern mit einer großen Traurigkeit. Sie haben das Bedürfnis, über ihre Gefühle zu sprechen – möglichst mit einer außen stehenden Person, eben nicht mit Eltern, Mitschülern oder Lehrern.

Im Einzelgespräch finde ich ganz wichtig, die Schüler auf eine Entwicklung während der Trauerphase aufmerksam zu machen: Ich frage sie regelmäßig, ob sie sich jetzt anders fühlen als vor einer Woche zum Beispiel. Alles hat seine Zeit, auch die Phase der Traurigkeit und der Begleitung. Und Zeit kann Wunden durchaus heilen.

In einem Fall, in dem die Mutter einer Schülerin gestorben ist, habe ich versucht, der Klasse zu vermitteln, wie wichtig es ist, dass das Mädchen in der Schule Normalität findet. Zuhause ist die Traurigkeit, aber in der Schule sollten alle so mit der Schülerin umgehen, wie sonst auch - möglichst ohne große Befangenheit. Denn genau das suchen die Betroffenen häufig in der Schule: den Gegensatz zu der Traurigkeit, die zuhause herrscht.

"Eltern stehen sich oft selbst und manchmal dadurch den Jugendlichen im Weg"

Welche Erfahrungen haben Sie noch an der Schule gemacht in Bezug auf das Thema "Tod" und "Sterben"?

Kröger: Als vor drei Jahren der Torwart Robert Enke starb, war die Betroffenheit in der Schule sehr groß. Enke lebte hier in der Nähe, er war eine große Identifikationsfigur für die Menschen, auch, weil man ihn beim Einkaufen oder auf Schützenfesten erlebt hat. Wir haben unmittelbar am nächsten Tag einen Schulgottesdienste angeboten, den wir gemeinsam mit Schülern vorbereitet haben: Sie haben zum Beispiel für die Andacht eine Bildergalerie gestaltet. Die Schüler haben wahrgenommen: "Ja, ich darf traurig sein". Natürlich haben wir auch das Thema "Suizid" angesprochen - in diesem Fall war Robert Enke kein Vorbild. Selbstmord ist zwar eine Möglichkeit, aber gleichzeitig auch eine unmögliche Möglichkeit. Es war uns wichtig, den Schülern zu zeigen: Das ist nicht der richtige Weg.

Erfahren Sie durch Ihre Arbeit an der Schule auch, wie zuhause mit Trauer und Sterben umgegangen wird?

Kröger: Diese Themen werden immer noch massiv an den Rand gedrängt, man vermeidet eben generell alles Unangenehme. Eltern stehen sich da oft selbst und manchmal dadurch den Jugendlichen im Weg, weil Eltern ihre Kinder immer vor allem schützen wollen - auch vor allem Traurigen. Sie wissen gar nicht, was sie ihren Kindern damit antun, weil sie gerade dann ihren Gefühlen keinen Raum geben. Aber das geht nicht! Wenn man traurig ist, ist das so. Es ist eher irritierend für die Schülerinnen und Schüler, wenn ihr Gefühl der Trauer von Seiten der Eltern überhört und aus falscher Rücksichtnahme gemieden wird. Mir ist es auch als Pastor wichtig zu signalisieren: Kinder gehören bei Trauerfeiern und Beerdigungen genauso dazu wie bei allen anderen Familienfesten.

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Trauern Kinder und Jugendliche denn anders als Erwachsene?

Kröger: Ja, einfach weil sie noch nicht so viele Rituale zur Verfügung haben wie Ältere. Rituale geben Sicherheit. Fehlen sie, verunsichert das. Die Schülerinnen und Schüler orientieren sich dann sehr stark an ihrem Umfeld, also: "Wie verhalten sich meine Eltern?" Erwachsene hingegen haben in der Regel schon Todesfälle erlebt. Kleine Kinder haben zum Beispiel die Gabe, manche Dinge in einer Unbefangenheit auszusprechen, die uns Erwachsenen oftmals gut tut. Diese Offenheit kann auch manchmal eine Hilfe sein, dass wir Erwachsenen uns nicht so einfangen lassen von dieser Traurigkeit.

Sollte "Sterben, Tod und Trauer" stärker thematisiert werden?

Kröger: Dass man sterben muss, ist in jungem Alter absolut kein Thema, weil es um Entwicklung, Fortschritt und Zunahme an Kraft, an Ideen, an Lebenskompetenz geht. Aber ich finde es wichtig, dass man sich damit auseinander setzt, ja. Sowohl mit dem Leben, als auch mit dem Sterben. Nicht glorifizierend oder übermäßig , aber in einem unaufgeregten Maß, soweit es geht. Es gibt dieses schöne Psalm-Wort: "Herr, lehre mich bedenken, dass ich sterben muss, auf dass ich klug werde". Wer den Bereich "Sterben und Tod" im Leben nicht ausblendet, sondern in sein Leben und Denken mit einbezieht, dass auch das eigene Leben begrenzt ist, der gewinnt Lebensqualität und ist besser gewappnet, wenn ein Angehöriger oder Bekannter stirbt.