Grüne Kutte, grüner Daumen

Die "Blumenmönche" von Dettingen

Foto: epd-bild / Gerhard Bäuerle

Grüne Kutte, grüner Daumen
Sie sind evangelisch und nennen sich "Blumenmönche". Eine christliche Lebensgemeinschaft im Südwesten Deutschlands verbindet Business und Ordenstraditionen. Die Mitglieder leben vom Pflanzenverkauf, Blumen sind für sie "das Lächeln Gottes".

In den frühen Morgenstunden stellen sie ihre Kisten mit blühenden Blumen auf den Wochenmärkten auf. Dass sie dabei eine dunkelgrüne Mönchskutte tragen, wundert die anderen Marktbeschicker schon lange nicht mehr. Die vor 40 Jahren gegründete Evangelische Bruderschaft Kecharismai in Dettingen/Erms (Kreis Reutlingen) hat ihr Gemeinschaftsleben von Anfang an mit dem Verkauf von Pflanzen finanziert. Sie nennt sich selbst "Die Blumenmönche".

Grüne Gewächse sind für die 19 männlichen und weiblichen Mitglieder der Kommunität mehr als ein Konsumartikel. In der Schöpfung sehen sie das Wirken Gottes, einer Umgebung mit Pflanzen schreiben sie therapeutische Wirkung zu. "Blumen sind das Lächeln Gottes über der Erde", steht über ihrer Homepage im Internet.

"Garten Eden" ist offen für alle

Deshalb gehörte es zu den ersten Aktionen, als sie im Ermstal zwischen Bad Urach und Metzingen Land pachten konnten, dort einen "Garten der Stille" anzulegen. Inzwischen ist ein "Garten Eden" hinzugekommen. In beiden Arealen können auch Leute, die nicht zum Kloster gehören, Erholung suchen und meditieren. Es gibt für Besucher ein Gästehaus und Seminare für Floristik und Mosaikgestaltung.

Foto: epd-bild / Gerhard Bäuerle

Die Blumenmönche sind eine evangelische Gemeinschaft, ins Leben gerufen von dem inzwischen 80-jährigen Diakon Wolfgang Rudolph, der ursprünglich aus Sachsen stammt. Er hatte in jungen Jahren die innere Gewissheit bekommen, dass seine Lebensaufgabe der Aufbau einer geistlichen Gemeinschaft sei. In der Jugendarbeit der Dettinger Kirchengemeinde fand er Gleichgesinnte. Anfangs traf man sich zum Essen im Keller des Pfarrhauses, zum Beten in einem Nebenraum des Gemeindehauses. Das griechische Wort "Kecharismai" im Namen drückt aus, dass alles im Leben der geschenkten Gnade Gottes zu verdanken ist.

Aus den einfachen Anfängen hat sich in Dettingen ein imposantes Areal entwickelt - mit großer Kirche, Theatersaal, zwei Kreuzgängen, Bibliothek, Gästezimmern, Hauskapelle. Nicht zu vergessen das angrenzende "Haus Geborgenheit", ein Altenpflegeheim mit 50 Plätzen, in dem die Gemeinschaft ihren diakonischen Auftrag wahrnimmt. In allen Arbeitszweigen sind auch Angestellte und Aushilfen beschäftigt, insgesamt stehen mittlerweile 80 Frauen und Männer auf der Gehaltsliste.

In den ersten Jahren knirschte es noch heftig zwischen Gemeinschaft und Evangelischer Landeskirche in Württemberg. Dem Gründer Rudolph wurde von der Kirche gekündigt, daraufhin trat die Hälfte der Bruderschaft aus der Landeskirche aus. Erst durch einen besonnenen Weltanschauungsbeauftragten und einen vermittelnden Dekan fanden Kirche und Kommunität wieder zusammen. Mehrere Mönche dienen inzwischen als Prädikanten im evangelischen Kirchenbezirk Bad Urach. Ein Überbleibsel aus der Zeit der Zerwürfnisse ist, dass das Pflegeheim nicht dem Diakonischen Werk angehört, sondern dem Paritätischen Wohlfahrtsverband.

Wenig Junge wollen Blumenmönche werden

Heute hat die Gemeinschaft Nachwuchsprobleme. Das letzte Mal, dass sie ein christliches Theaterstück aufführen konnte, war vor fünf Jahren mit dem Spiel "Franziskus". Seitdem fehlt die Energie, neben dem Wirtschafts- und Kommunitätenbetrieb auch noch das Einstudieren und Präsentieren eines Dramas zu stemmen. Bruder Paidoios, mit bürgerlichem Namen Gerhard Schnitzler, sieht die Blumenmönche in einer ähnlichen Situation wie andere Gemeinschaften, Vereine und Verbände. "Das hohe Maß an Verbindlichkeit ist für viele junge Leute abschreckend", beobachtet er.

In ihrer Frömmigkeit bewegen sich die protestantischen Blumenmönche auf evangelisch-katholischem Grenzgebiet. So haben sie den Weihrauch als Symbol für das zum Himmel aufsteigende Gebet wiederentdeckt. Sie verehren die Gegenwart von Jesus Christus im Abendmahlsbrot und haben deshalb zur Aufbewahrung eigens einen Tabernakel gebaut.

Große Offenheit besitzen sie bei ihren Gemeinschaftsregeln. Das kommunitäre Leben hat seine Mitte im gemeinsamen Gebet. Dazu gibt es sonntags den öffentlichen Gottesdienst, an Werktagen morgens, mittags und abends jeweils eine gemeinsame Andacht. Ehelosigkeit wird propagiert, ist aber nicht absolut verpflichtend - Gründer Rudolph ist verheiratet, dazu gibt es drei weitere Ehepaare. Auch Armut und Gehorsam sind Ideale, aber keine strengen Gesetze.