Hotel Grenzfall: Entschleunigung an der Berliner Mauer

Hotel Grenzfall

Foto: Vera Rüttimann

Der Geschäftsführer des Hotels Grenzfall, Reinhardt Burghardt, vor dem Eingang des Hotels in der Bernauer Straße.

Hotel Grenzfall: Entschleunigung an der Berliner Mauer
Das Berliner Hotel "Grenzfall" steht direkt an der Bernauer-Strasse, einem geschichtsträchtigen Ort. Aber auch sonst ist es speziell: Hier arbeiten fast ausschliesslich behinderte Menschen. Sie arbeiten vollwertig mit, auch wenn es etwas länger dauert.
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Nirgendwo sonst waren die Auswirkungen der Teilung von Ost und West so drastisch zu erleben wie an der Bernauer-Strasse. Zum Jahrestag des Mauerbaus am 13. August besuchen besonders viele Menschen diesen Ort, an dem sich die "Gedenkstätte Berliner Mauer" befindet. Auf Schildern steht, was sich hier einst abspielte: Etliche Bewohner der Grenzhäuser entlang dieser Strasse flüchteten nach den Sperrmassnahmen spontan über die Grenze und liessen Hab und Gut zurück. Unvergessen das Bild, wie eine 76-jährige Frau in das bereitgehaltene Sprungtuch der West-Berliner Feuerwehr stürzte.

Die Menschen sehen sich nicht nur das "Fenster der Erinnerung" an, das mit persönlichen Fotos an die Opfer der Teilung erinnert und legen ihre Hand auf das letzte Stück Originalmauer, das hier noch steht. Sie steigen auf die grosse Aussichtsplattform der Gedenkstätte, die den Blick freigibt auf Mauer, Wachturm und Todesstreifen. Es gibt nicht mehr viele Orte in der Stadt, die die bedrückende Atmosphäre der Mauer so authentisch wiedergeben.

Einige der Touristen kehren danach im gegenüber liegenden Bistro "Grenzfall" ein. Sie werden von Marianne W. bedient. Die 40-jährige begrüsst täglich Touristen, die aus allen Winkeln der Erde hier eintreffen. Was kaum einer der Gäste auf den ersten Blick erkennt: Die Berlinerin, die sie bedient, ist gehbehindert.

Die Menschen nicht in Behindertenwerkstätten abschieben

Das Bistro "Grenzfall" gehört zum Hotel gleichen Namens um die Ecke. Auf den ersten Blick sieht es aus wie jedes Hotel der deutschen Hauptstadt. In der Lobby liegen Lifestyle-Magazine, die Wände leuchten im trendigen Gelborange. Die Frau an der Kasse braucht jedoch etwas länger, bis sie die Zahlen eingetippt hat. Sie sit auf einem Auge blind.

Das Hotel "Grenzfall" gehört zu Embrace, einer deutschlandweiten Kooperation von Integrations-Hotels. In diesem Konzept arbeiten gesunde Menschen mit körperlich, geistig oder psychisch Behinderten zusammen. Vorbild für das Integrationshotel ist das Stadthaushotel Hamburg, das seit 1993 als europaweit erstes Hotel meist behinderte Mitarbeiter beschäftigt. Mittlerweile gibt es in Deutschland über 30 Integrationshotels.

Das Ziel des "Grenzfall" formuliert der Psychologe Reinhardt Burghardt, der die Mitarbeiter fachlich und pädagogisch betreut, so: "Diese Menschen sollen nicht in Behindertenwerkstätten abgeschoben werden, sondern eine normal bezahlte Arbeit erhalten." In einem normalen Hotel, so der Berliner, hätten diese Leute keine Chance auf eine solche Arbeit.

Wo schon einmal Grenzen fielen

Träger des Hotels "Grenzfall" ist der Verein Schrippenkirche e.V., deren Geschäftsführer Reinhardt Burghardt ist. Die "Schrippenkirche", seit 1882 sozial tätig, hat eine bewegte Geschichte. Ihr Name entstand aus dem Umstand, dass es an den von ihr organisierten Gottesdiensten oft einen Pott Kaffee und eine Schrippe ("Brötchen") gab.

Der Eingangsbereich des Hotels. Foto: Vera Rüttimann

"Schwächeren helfen, stark zu sein", heißt das Motto des Werkes, das nach dem Krieg von Diakonissen wieder aufgebaut wurde.

Das Hotel steht an einem geschichtsträchtigen Ort: In der Nacht vom 10. zum 11. November 1989 wurde an der Bernauer Straße die ersten Segmente aus der Mauer gebrochen. Vier Jahre zuvor sprengte die SED hier die auf dem Todesstreifen befindliche Versöhnungskirche. Im Foyer des Hotel "Grenzfall" sind nun, initiiert von Manfred Fischer, Pfarrer der Versöhnungsgemeinde, Mauersteine der gesprengten Kirche ausgestellt, bemalt von so bekannten Künstlern wie Norbert Bisky und A.R. Penck.

Der Name "Grenzfall" ist symbolhaft und erklärt das Leitmotiv des Hotels. Reinhardt Burghardt sagt: "Unser Hotel heißt nicht nur wegen der Nähe zur Berliner Mauer so. Ebenso wichtig ist uns, dass im täglichen Zusammenleben von behinderten und nicht behinderten Menschen immer wieder die Grenzen fallen."

Bei "Integration" denken die Anwohner an Migranten

Die Arbeit in diesem 3-Sterne-Hotel ist ganz auf die Behinderung des jeweiligen Mitarbeiters abgestimmt. Das heißt auch: Die Gäste müssen sich hier in Geduld üben. Zimmermädchen Marion K. beispielsweise hat eine Lernschwäche und benötigt zum Aufräumen etwas länger.

In normalen Hotels hätte sie mit ihrem Handicap keine Chance. Ihre Kollegin, Ayla H., die neben der Epilepsie eine halbseitige Spastik hat, kontrolliert unter anderem die Arbeit der Reinigungskräfte. Gehörlose arbeiten in der Wäscherei. Sie verständigen sich in der Gebärdensprache. Erholung für alle schafft eine "Oase der Ruhe" mit Teehaus, Pavillons und Goldfischteich direkt am Hotel. Die Anlage wurde mit dem "Berliner Umweltpreis" ausgezeichnet. Einige der Mitarbeiter werden dem Hotel von der Arbeitsagentur vermittelt.

Als das Hotel "Grenzfall" seine Pforte öffnete, reagierten die Nachbarn ringsherum erst skeptisch, als sie auf dem Schild lasen: "Hier entsteht ein Integrationshotel." Reinhardt Burghardt erinnert sich: "Einige standen plötzlich höchst empört in unserem Büro und sagten: 'Wir wollen hier kein Asylantenheim!'" Für Burghardt läuft da etwas falsch in der Gesellschaft: "Niemand spricht von Integration der Behinderten, immer nur der Migranten." In seinem Hotel funktioniert diese Integration aber gut.

Die Langsamkeit entschleunigt die Leute

Das Hotel "Grenzfall" hat sich in kurzer Zeit einen Namen gemacht. Es besticht durch ein besonderes Flair, das durch die ansteckende Herzlichkeit der behinderten Angestellten entsteht. Wer sie im Restaurant die Gäste bedienen sieht, der spürt, wie viel Wärme, Herzlichkeit und Freude von ihnen ausgeht.

Im Eingangsbereich des Hotels Grenzfall sind Steine der gesprengten Sophienkirche zu sehen. Foto: Vera Rüttimann

Dies bestätigt auch Reinhardt Burghardt: "Behinderten braucht man Freundlichkeit nicht beizubringen. Das überträgt sich meist sofort auch auf die Gäste." Vor allem die Mitarbeiter mit Down-Syndrom strahlen Herzlichkeit aus, auch wenn es ein wenig länger dauert, bis der Espresso beim Gast ist. Für viele ist das dennoch eine unbezahlbare Eigenschaft.

Ein weiterer Punkt ist der Umstand, dass durch das Handicap der Menschen hier alles länger dauert. Reinhardt Burghardt beobachtet: "Hierher kommen viele Manager, die frühmorgens meist ihr Brötchen runterschlingen und loshetzen. Die merken jedoch früh, dass der Tag hier ziemlich entschleunigt beginnt. Die werden automatisch ruhiger." Manche der Manager, deren Büros hier Zimmer für sie gebucht habe, seien überrascht über die Atmosphäre und kämen immer wieder, erzählt Burghardt: "Wir hatten noch kein Gast, der sich über Behinderte aufgeregt hätte oder die ausgelegte Bibel im Zimmer."

Die Verlangsamung der Abläufe bringt positive Lerneffekte mit sich. Der Gast merkt, dass er mit Hektik bei behinderten Mitarbeitern nicht weit kommt. Reinhardt Burghardt erzählt: "Diese Langsamkeit entschleunigt die Leute und lässt sie ein paar Gänge runterschalten. Sie legen für einmal Blackberry und iPad auf die Seite. Ich habe schon erlebt, wie Firmengäste hier ihren Termin vergessen haben. Die fanden Gefallen an dieser Langsamkeit." Nicht nur Firmen wie die Deutsche Bahn lassen ihre Mitarbeiter in dem Hotel wohnen, erzählt Reinhardt Burghardt: Auch die Ministerien des Bundes lassen ihre gestressten Mitarbeiter im "Grenzfall" absteigen.