Claudio Monteverdi: Komponist, Priester, Wegbereiter

Claudio Monteverdi

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Claudio Monteverdi, Gemälde, um 1640, von Bernadro Strozzi

Claudio Monteverdi: Komponist, Priester, Wegbereiter
Genie im Halbschatten: Das wachsende Interesse an Monteverdi könnte auch seiner Sakralmusik einen neuen Zugang eröffnen.

Mantua vor 400 Jahren. Claudio Monteverdi erlebt 1612 mit dem Tod des Herzogs Vincenco I. Gonzaga eine seiner schwärzesten Stunden. In der Ära des kunstliebenden Fürsten war die Stadt zu einem Zentrum der Kultur avanciert.

25 Jahre zuvor hatte der Herzog Monteverdi, 1567 in Cremona geboren, an seinen Hof geholt. Er blüht in einem Arkadien der Künste auf. Der Dichter Tasso, der Astronom Galilei, der Maler Rubens genießen das Mäzenatentum Vincencos. Der Allrounder Monteverdi - Komponist, Sänger, Violaspieler – schreibt hier vier Madrigalbücher und 1607 als Auftragswerk den "Orfeo". Es sollte die Geburtsstunde der Gattung Oper werden.

"Ein Genie, das neue, vorher ungeahnte Kunstbereiche erschlossen hat"

Vincencos Nachfolger sieht sich zu Rationalisierungen im höfischen Kunstbetrieb gezwungen. Kultur wird gegen Materielles ausgespielt,  Monteverdi aus seinem Dienst als Hofkapellmeister entlassen. Der "Cantore" orientiert sich neu. Ein Jahr später wird er zum Kapellmeister am Markusdom in Venedig ernannt. In dieser einflussreichen Position erreicht er seine produktivste Phase als Komponist. Monteverdi bringt, motiviert durch die Eröffnung des ersten jedermann zugänglichen Opernhauses der Stadt, weitere Bühnenwerke hervor: "Il ritorno d’Ulisse in patria" (1641) und "L’incoronazione di Poppea" (1642). Sie markieren und vollenden den Übergang vom Deklamationsstil der Florentiner Frühoper zur Barockoper mit ihrem Reichtum an musikdramatischen Gestaltungselementen. "In Monteverdi", schreibt der Opernhistoriker Helmut Schmidt-Garre, "bewundern wir eines jener Genies, die neue, vorher ungeahnte Kunstbereiche erschlossen haben." In Venedig sollte Monteverdi jedoch auch die schwersten Schicksalsschläge erleben. 1632 lässt er sich, schockiert von einer Pestepidemie, der auch sein Sohn zum Opfer geworden war, zum Priester weihen. 1643 stirbt er nach letzten Reisen durch Norditalien in Venedig.

So monumental Monteverdis Rolle als Wegbereiter der Oper ist, so irritierend mutet die Rezeption seines Werkes an. Nach einer langen Phase im Halbschatten wurde der Initiator der großen Form des Musiktheaters erst wieder im 20. Jahrhundert zum Begriff. Der Komponist und Musikwissenschaftler Gian Francesco Malipiero brachte Monteverdis Kompositionen von 1916 bis 1942 in sechzehn Bänden neu heraus. Der Monteverdi-Zyklus des Gespanns Jean-Pierre Ponnelle (Inszenierung) und Nikolaus Harnoncourt (Musikkonzept im Stil der historischen Aufführungspraxis) in Zürich Ende der 1970er Jahre löste eine Renaissance der Opern-Trias aus. Wann je zuvor hatten sich historische Instrumente wie Naturtrompete und Chitarrone so köstlich mit barocker Ausstattungspracht und modernem Spielwitz gepaart?

Der musikdramatischen Wucht von "Orfeo" & Co. sind in den letzten Jahren immer mehr Opernhäuser erlegen. So lieferten die Bühnen Köln in den beiden letzten Spielzeiten mit den "Ulisse"- und "Poppea"-Stoffen mustergültige Beispiele einer Neuaneignung ab. Der Clou: Wegen der Sanierung seines Stammquartiers ist das Musiktheater gezwungen, in andere Spielstätten auszuweichen. In der Folge ereigneten sich die antiken Dramen um Macht und Leidenschaft, Gier und Liebe im neoklassizistischen Ex-Hauptsitz eines Versicherungskonzerns sowie in einer ehemaligen Maschinenhalle - mit grandiosen Effekten für die Musik und das Theater. Wenn Poppea/Nerone ihr alle menschliche Existenz überwindendes Duett "Pur ti miro, pur ti godo" hauchen, entsteht unter dem Gewölbe des Industriedenkmals das Wunder eines transzendentalen Erlebnisses.

Die Unterschätzung des Kirchenmusikers Monteverdi

Die Monteverdi-Renaissance wird in der Spielzeit 2012/13 weitere Kreise ziehen. So inszeniert Jens-Daniel Herzog, Regisseur der aktuellen Salzburger "Zauberflöte", in Dortmund die "Poppea"-Intrige. Mitte August lockt bei den Festspielen Innsbruck der Barock-Spezialist Jakob Peters-Messer mit demselben Werk das Publikum in den Innenhof der Theologischen Fakultät. Monteverdi wie die Oper ewig jung, universell wie die Mythen seiner Dramen? Nicht ganz. Zwar ist die Bedeutung des großen Erneuerers unbestritten. Doch steht die umfassende Entdeckung seines Sakralwerks noch aus. Dabei hat Monteverdi praktisch bis zu seinem Lebensende vokale Sakralmusik komponiert, spirituelle Gesänge und Messen. Spätestens mit seinem bekanntesten Schöpfung, der 1610 in Mantua entstandenen "Marienvesper" ("Vespro della Beata Vergine"), war ihm auch der Ruf eines Maestro della musica sacra eigen.

Historisch markieren seine Kompositionen eine epochale Weichenstellung von der Renaissance zum Barock: den Übergang vom A capella-Satz zu den instrumental begleiteten Ausprägungen des vokalen Kammerkonzerts und der Kantate. Nachweislich waren sie Richtung weisend für Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach. Vermutlich mangelt es schlicht an Aufführungen. Ist doch die praktische Aneignung zum Beispiel der "Marienvesper" ein Schlüssel des direkten Zugangs zu Monteverdi. Der Kirchenmusiker Michael Vetter, Dekanatskantor an der Kirche St. Matthäus in Erlangen, hat exakt diese Erfahrung gemacht. Im Mai wurde das Werk mit den auf Alte Musik spezialisierten Gruppen Bell’arte Salzburg und dem Johann Rosenmüller Ensemble in der Kirche aufgeführt. Er habe sich hierfür sechs Monate in die Komposition vertieft, beschreibt Vetter gegenüber evangelisch.de sein Verhältnis zur Messe und deren Schöpfer. "Ich bin deshalb kein Kenner der Musik Monteverdis", erzählt er. "Aber von seiner Sakralmusik lässt sich in jedem Falle sagen, dass es sich um die spannendsten Kompositionen jener Zeit handelt."

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An der "Marienvesper" - Aufführungsdauer übrigens eineinhalb Stunden - schätzt Vetter insbesondere die Struktur. Das "einzigartige Textprogramm" folge zwar in der üblichen Weise den Psalmen, erfahre jedoch eine Erweiterung durch die eingefügten Konzerte und die Behandlung des gregorianischen Cantus firmus in Mehrstimmigkeit. Vetter nennt ferner wechselnde Stimmlagen, unterschiedliche  rhythmische Gestalt sowie wechselnde Tonalität an ihn beeindruckenden Formen. Kann eine solche Bilanz weiteren Kirchenmusikern Lust machen auf Monteverdis Sakralwerk? Es wäre zu wünschen. Andere, die unter der Flagge Crossover segeln, lassen sich übrigens gern vom Monteverdi-Virus anstecken. Im vergangenen Jahr wagten drei Barockspezialisten um den Tubaisten Michel Godard gemeinsam mit drei Jazzmusikern eine unkonventionelle Reise in seine Klangwelten ("A trace of grace"/Carpe Diem Records). Was dabei in der ehemaligen Zisterzienserabtei Noirlac entstand, demonstriert mancherlei Hörenswertes. Wesentlich wohl die Faszination des genialen Italieners auf berührbare Menschen bis heute.