"Erotik ist von Gott gewollt"

"Erotischer Gottesdienst" in Wiesbadener Kirche

Foto: epd-bild/Anke Kristina Schäfer

Freigegeben erst ab 16 - doch vulgär wurde es im erotischen Gottesdienst dann doch nicht. Stattdessen gab es unverfängliche Salbungen für alle.

"Erotik ist von Gott gewollt"
Es klang nach großem Tabubruch, war aber doch ganz zahm: Im Wiesbadener Stadtteil Mainz-Kastel hat ein evangelischer Pfarrer einen "erotischen Gottesdienst" gefeiert.

"Endlich ein bekanntes Gesicht", ruft Pfarrer Ralf Schmidt lachend, als eine junge Frau ihn begrüßt. Nervös wischt er sich den Schweiß von der Stirn. So einen Medienrummel hat es in der Erlösergemeinde von Mainz-Kastel noch nie gegeben: Drei Kamerateams und fünf Fotografen drücken sich zwischen den vollbesetzten Bänken herum, etliche Journalisten senken ihre Köpfe über die Notizblöcke, halten ihre Aufnahmegeräte Richtung Altar oder filmen mit dem Smartphone.

Pfarrer Ralf Schmidt. Foto: Franca Leyendecker

Doch Schmidt lässt sich davon nicht weiter stören. "Willkommen im Weinberg der Liebe", begrüßt er seine Gemeinde – und schiebt wenig später hinterher: "Manche werden vielleicht enttäuscht sein von diesem Gottesdienst, weil sie sich mehr erhofft haben. Aber Liebe und Erotik finden nun mal zu einem großen Teil in der eigenen Fantasie statt."

Einen "erotischen Gottesdienst" hatte Schmidt angekündigt. Der Frankfurter Rundschau sagte er im Interview, er würde erotische Bilder an die Wand projizieren und auch vulgäre Worte wie "Ficken" und "Poppen" benutzen – um danach eine andere Sprache für die erotische Liebe zu finden. Die Bild-Zeitung kündigte die Messe aufgeregt als "Sex-Gottesdienst" mit FSK 16 an.

Rosenblätter und wohlriechendes Öl

Doch von prickelnder Erotik ist in dem nüchternen Betonbau nichts zu spüren. Zu Beginn regnen ein paar Rosenblätter auf die Gemeindemitglieder in den hinteren Bänken, zum kindlichen Lied "Erlaube den Vögeln, dich glücklich zu machen" folgen die etwa 200 Gottesdienstbesucher dem Beispiel der Seniorentanzgruppe, fassen sich an den Händen und schunkeln schüchtern.

Aber der erwartete Eklat bleibt aus. Statt erotischen Bildern steht vor der Kanzel eine moderne Skulptur des Apostel Paulus, sie ist nur mit sehr viel Fantasie als nackt zu erkennen. Der "sinnlichen Salbung" mit wohlriechendem Öl wird durch das laute Klicken der Kameras und die blendenden Lichter der Filmteams die Feierlichkeit genommen. "Oh Gott, mir reicht's" stößt eine junge Frau in der zweiten Reihe empört hervor und verlässt kopfschüttelnd die Kirche.

Seine Predigt hat Pfarrer Schmidt gekürzt, die heiklen Passagen lässt er weg. "Sonst würden sich alle Medienberichte allein darauf konzentrieren, und das wollte ich vermeiden", erklärt er anschließend vor der Kirche. Schließlich gehe es ihm nicht um die vulgären Worte, sondern darum, Erotik und Liebe als elementaren Teil des Lebens zu begreifen. "Vor allem nach den Missbrauchsskandalen der Kirche ist es wichtig, dass wir eine Normalität finden in unserer Sexualität, und dass wir ohne Hemmungen darüber sprechen können."

"Wir sind vor Gott Liebende, Streichelnde, und auch lustvoll Schreiende"

In der Predigt beschreibt er die körperliche Liebe mit teilweise sperrigen Worten. "Erotik ist menschliches Kernland", sagt er zum Beispiel, "So müde, wie unser Gebet sein kann, so sandtrocken und abgestanden kann auch unsere Lust werden. Lieben und Beten, das sind Künste, die sich dadurch auszeichnen, dass wir uns hingeben und öffnen. Beide leben von Andeutungen und Ahnungen." Doch im Laufe der Predigt wird Schmidt konkreter und fordert seine Gemeinde dazu auf, ihre Erotik auszuleben: "Erotik ist eine schöne Gabe. Sie ist von Gott gewollt und geschenkt. Du und ich, wir sind vor Gott Liebende, Streichelnde, und auch lustvoll Schreiende. Es gibt kein Leben, keinen Sex, wenn Gott schon schläft.“ Konzentriert lauschen die Schäfchen in der Kirchenbank, zum Teil sind sie extra aus Frankfurt oder Mainz hergekommen, um sich diese besondere Predigt anzuhören. Normalerweise besuchen 30 bis 70 Menschen den Gottesdienst, heute ist selbst auf der Empore alles voll.

Ganz zahm: der Abendmahlstisch im "erotischen Gottesdienst". Foto: epd-bild/Anke Kristina Schäfer

Und dann, gegen halb 11, passiert es doch noch: Pfarrer Schmidt sagt Penis! "Die Hände, die Zunge, der Penis, die Ohrläppchen – sie sind alle Landeplätze der Lust." Landeplätze? Naja. Den Gottesdienstbesuchern aber gefällt es, am Schluss applaudieren sie begeistert. Die regelmäßigen Kirchgänger finden nur lobende Worte für ihren Pfarrer: "Ich fand das sehr mutig, über dieses Thema zu sprechen", erzählt Klara Mey, "und seine Predigt fand ich einfach toll. Besonders, dass er gesagt hat, dass in der Liebe vieles in der Fantasie abläuft – das hat dem ganzen ein bisschen die Schärfe genommen." Ihre Freundinnen, alle im Rentenalter, nicken zustimmend.

Einige sind aber auch fast ein bisschen enttäuscht. "Ich habe es mir viel krasser vorgestellt", sagt die 25-jährige Kim, die in der Erlösergemeinde Mainz-Kastel konfirmiert wurde und sonst nur zu großen Feiertagen in die Kirche geht. "Schließlich hieß es FSK 16! Aber ich fand es überhaupt nicht anrüchig oder zu sexualisiert. Trotzdem war es ein außergewöhnlicher Gottesdienst, der mir ganz gut gefallen hat." Mit dieser Einschätzung ist sie nicht alleine, als Pfarrer Schmidt nach dem Gottesdienst vor der Kirche zahlreiche Interviews gibt, muss er ständig unterbrechen – um seinen alten und jungen Gemeindemitgliedern die Hand zu reichen und sich zu der tollen Predigt beglückwünschen zu lassen. "Ich glaube, meine Worte haben den Leuten gut getan", sagt Schmidt erschöpft und eilt zurück in die Kirche – das Fernsehinterview steht an.