Frau Tekin, Hape Kerkeling und ein brauner Labrador

Komponiertes Foto: ein Baum auf einer Wiese, im Vordergrund eine Hand

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Tasten, Hören, Riechen, Schmecken: Blinde erleben Schönheit über die nicht-visuellen Sinne.

Frau Tekin, Hape Kerkeling und ein brauner Labrador
"Schönheit ist das, was sich von innen nach außen spiegelt", sagt die blinde Petra Hübner
Ein Gemälde, eine Landschaft mit sanften Hügeln, ein ebenmäßiges Gesicht: Viele Menschen haben sofort Bilder vor Augen, wenn sie an Schönheit denken. Etwa eine Million Menschen in Deutschland sind sehbehindert oder blind, manche haben nie gesehen. Was bedeutet für sie Schönheit? Drei blinde Menschen haben uns davon erzählt.
Deutschland spricht 2019

"In unserem Nistkasten piepst es, die Vögel müssen wohl Junge haben. Und dann denke ich: 'Ist das gemein, dass ich das nicht sehen kann.' Und gleichzeitig: 'Oh, das hört sich aber schön an!'" Heike Herrmann (51) lebt seit 15 Jahren mit weniger als einem Prozent Sehfähigkeit. Sie arbeitet als psychotherapeutische Heilpraktikerin und Supervisorin und hat sich auf die Beratung von Menschen mit Behinderungen spezialisiert. Sie ist Mutter von knapp 30-jährigen Zwillingen und lebt mit ihrem Partner im hessischen Marburg. Die blinde Heilpraktikerin Heike Herrmann unterwegs in Marburg

Wenn die Konturen im Licht der Dämmerung deutlicher werden, erkennt Heike Hermann manchmal das Haus an der Ecke oder den Baum im Garten. Aber wahrscheinlich, so meint sie, mischen sich die wenigen Wahrnehmungen mit viel Erinnerung und Vorstellung zu einem Bild. Was sie aber wahrnimmt und genießt: Wenn die Sonne durch die Blätter "blinkert". Aber sie bereitet sich gedanklich darauf vor, mit dem Fortschreiten ihrer Erblindung womöglich auch diese Momente zu verlieren.

Die blinde Heilpraktikerin Heike Herrmann unterwegs in Marburg, Foto: privat                 

"Ein schöner Mensch"  

Sonnenuntergänge, neue kleine Blätter, die sie an ihren Pflanzen erfühlt, der Wind, den sie hört, wenn sich die Blätter der Bäume darin bewegen, seidene Stoffe – all das assoziiert Heike Herrmann heute mit Schönheit. Ihr Geschmack hat sich mit dem Erblinden nicht gewandelt. Aber die Konzentration auf andere Sinne als das Sehen hat auch schon neue "Sicht-Weisen" hervorgebracht: "Ich habe mit diesem Hape Kerkeling nie was anfangen können. Vor zwei Jahren habe ich aber sein Hör-Buch Ich bin dann mal weg geschenkt bekommen, von ihm selbst aufgesprochen." Der Comedian und Entertainer erzählt darin von seinen Erfahrungen auf dem Jakobsweg. "Er spricht mit Spaß, aber auch mit Tiefgang. Seitdem sehe ich ihn ganz anders." Ja, das sei für sie ein schöner Mensch.

Audio: Auszug aus Hape Kerkeling's "Ich bin dann mal weg"

Auch für Petra Hübner ist die Stimme ein entscheidendes Merkmal. Die 53-Jährige arbeitet als Justizbeschäftigte im Amtsgericht und ist von Geburt an blind. Schön ist eine Stimme für sie dann, wenn sie zum Inhalt der Rede und zum Gesamteindruck passt.

Petra Hübner mit Dino: "Die Menschen bleiben stehen und sagen: Ist das ein schöner Hund!"

Dafür hat Petra Hübner sehr feine Sensoren ausgebildet: Wenn ein Mann unsicher wirke, aber mit einer sehr männlichen Stimme spreche – das sei einfach nicht "stimmig". Nicht nur der Klang, auch Gerüche sind sehr wichtig. Als sie vor kurzem eine Internetbekanntschaft zum ersten Mal im Café traf, war die schöne Stimmung aus den E-Mails schnell verflogen, als der Gestank von kaltem Rauch Petra Hübners Nase erreichte.    

Als ob sie die Bilder schon einmal gesehen hätte

"Eine schöne Stadt ist für mich zum Beispiel München", erklärt die blinde Frau. Sie spricht dabei nicht von Architektur oder Einkaufsmöglichkeiten. Schön wird für sie die Stadt durch die Atmosphäre. Gemütlichkeit strahle München aus. Die Leute dort seien freundlicher als die hektischen Menschen in Frankfurt. Oder in Köln, wo Petra Hübner geboren wurde. "Gehen Sie mal in Köln unter der Deutzer Brücke durch – das ist ja grausam! Oder am Rhein, da ist soviel Trubel, das kann ich gar nicht genießen. Wenn Sie dagegen den Englischen Garten in München nehmen, da verläuft sich alles. Da können Sie auch die Hunde frei laufen lassen. Am Rhein in Köln haben Sie keine Chance, dort radelt man Sie einfach um."

Bilder hat Petra Hübner nicht vor Augen, wenn sie von Orten, dem Geschmack einer reifen Wassermelone oder dem Duft von frisch gebackenen Plätzchen im Winter schwärmt. Heike Herrmann, die bis zu ihrem 7. Lebensjahr voll sehen konnte, denkt dagegen immer noch visuell. Fotografien und Bilder lässt sie sich beschreiben. Wie ihr Buch "Blinde Schönheit" illustriert werden sollte, hat sie selber entschieden. Immer wieder ließ sie sich von ihrer Assistentin schildern, was auf den Fotos zu sehen ist, wie sie aufgebaut sind, wie sie wirken. Die Bilder, die vor ihren Augen entstanden, sind so detailliert, dass sie später das Gefühl hatte, sie schon einmal mit eigenen Augen gesehen zu haben. Dann suchte sie die Schönsten aus.

"Manchmal sage ich ihr, dass ich sie schön finde"

Saban Tekin und seine Frau, Foto: privat 

Saban Tekin, 43 Jahre alt, wohnt mit seiner Familie in Frankfurt. Er kann seit 2005 nichts mehr sehen. Was Saban Tekin schön findet: Klaviermusik, weil die Töne so beruhigend wirken und die Ohren empfindlicher geworden sind. Wohlgerüche in Form von Parfums. Rote Rosen, weil seine Frau die so gerne mag. Und Tiere, Elefanten und Krokodile, die Saban Tekin selber aus Speckstein arbeitet. Aktuell feilt er in der Kulturwerkstatt der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte an der Skulptur eines Zigarrenhais. Mit Feile und Raspel bearbeitet er den Speckstein, schleift, poliert und glättet ihn zurecht. Am schönsten aber findet er seine Giraffe im Krankenschwesterkittel und mit Pferdeschwanz.

Die Giraffe: Specksteinskulptur von Saban Tekin, blind gearbeitet, Foto: M. Konigorski

"Zwischen den Skulpturen, die ich am Anfang gemacht habe, und dieser Figur, lagen viele andere Figuren. Diese hier ist sehr viel glatter und ebenmäßiger. Mein Gespür in den Händen ist feiner geworden."                                                                             

Als Saban Tekin von seiner Frau erzählt, wird seine Stimme ganz leise. "An meiner Frau ist alles schön. Weil sie in diesem Zustand zu mir hält. Sie steht hinter mir. Das macht sie schön. Ich weiß von früher natürlich noch, wie sie aussieht und behalte sie so im Kopf, wie ich sie gesehen habe. Ihre Haare sind für mich das Schönste – wenn ich sie anfasse – sie sind so seidig. Ja, manchmal sage ich ihr, dass ich sie schön finde."  

Die Sehenden haben es schwerer, das Wesentliche wahrzunehmen

     "Die Sehenden bilden sich viel zu viel ein auf ihr Sehen", ist Petra Hübner überzeugt. Das Wesentliche könnten sie so doch gar nicht wahrnehmen, reizüberflutet durch die visuellen Eindrücke, wie sie sind. Sie begrüßt ihren Hund Dino, der gerade aus dem Garten hereinspaziert kommt. Dino fällt ihr als erstes ein, wenn sie an Schönheit denkt: Der braune Labrador hat eine schlanke Figur, ein seidiges Fell und bernsteinfarbene Augen. Dass braun schön ist, steht für Petra Hübner außer Frage. "Ich assoziiere damit leckere, sehr kakaohaltige Schokolade. Mmh! Und ich kriege ja mit, was der für eine Wirkung auf die Leute hat, die sagen dann: ‚Mensch, ist das ein schöner Hund! Und dann sagt sie einen Satz, der für Sehende wie Blinde gleichermaßen gelten könnte: "Schönheit - das ist das, was sich von innen heraus nach außen spiegelt."