Bibelserie: Von der Beschneidung des Herzens und künstlichen Vorhäuten

Beschneidung

Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Bauernmalerei in der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Reinhardtsdorf-Schöna: Josef und Maria bringen Jesus zur Beschneidung.

Bibelserie: Von der Beschneidung des Herzens und künstlichen Vorhäuten
Die religiöse Beschneidung ist für die meisten hierzulande ein fremdes, geheimnisvolles Ritual. Die Wurzeln dieser nicht nur jüdischen Sitte sind in der Bibel zu finden.

Beschneidung als Bundeszeichen

1 Mose 17; 1 Mose 21,3f.; 3 Mose 12,2f.; Lukas 1,57f; Johannes 7,22
Die Beschneidung ist Zeichen des Bundes Gottes mit dem Stammvater Abraham und dessen Nachkommen. Gott verheißt ihm "das ganze Land Kanaan zu ewigem Besitz". Als Zeichen der Menschen fordert Gott: "Alles, was männlich ist unter euch, soll beschnitten werden; eure Vorhaut sollt ihr beschneiden."

Die Anordnung gilt für Säuglinge ("jedes Knäblein, wenn's acht Tage alt ist"), Hausangestellte und Sklaven. Abraham erfüllt den Wunsch sofort, er "nahm seinen Sohn Ismael und alle Knechte, die im Hause geboren, und alle, die gekauft waren, und alles, was männlich war in seinem Hause, und beschnitt ihre Vorhaut an eben diesem Tage, wie ihm Gott gesagt hatte."

Auch sich selbst beschneidet er – wohlgemerkt im stolzen Alter von 99 Jahren. Ein Jahr später beschneidet er seinen neugeborenen Sohn Isaak. Viele Jahrhunderte danach wird auch Jesus beschnitten – am achten Tage, wie es das Gesetz will.
Zitat: "Wenn eine Frau empfängt und einen Knaben gebiert, so soll sie sieben Tage unrein sein, wie wenn sie ihre Tage hat. Und am achten Tage soll man ihn beschneiden."

Die Vorhaut des Herzens

5 Mose 10,16; Jeremia 4,4; Römer 2,29
Dass die Erfüllung des mosaischen Gesetzes nicht genügt, um Gott zu gefallen: Darauf weisen deutlich die Propheten hin. Auch in Sachen Beschneidung üben sie Kritik. "Beschneidet euch für den Herrn und tut weg die Vorhaut eures Herzens, ihr Männer von Juda und ihr Leute von Jerusalem, auf dass nicht um eurer Bosheit willen mein Grimm ausfahre wie Feuer und brenne, sodass niemand löschen kann." Auch Apostel Paulus übernimmt die Vorstellung. Die "Beschneidung des Herzens" sei wichtiger als die fleischliche, denn sie geschehe "im Geist und nicht im Buchstaben".
Zitat: "So beschneidet nun eure Herzen und seid hinfort nicht halsstarrig!"

Schmerz und Gewalt

1 Mose 34,15; Josua 5,8; 1 Makkabäer 2,45f.;
Nach einer Beschneidung braucht es Zeit, damit die Wunde heilen kann. Josua weiß das - nachdem er die Söhne des wandernden Gottesvolkes mit einem Stein beschnitten hatte, "blieben sie an ihrem Ort im Lager, bis sie genesen waren". Simeon und Levi, zwei Söhne Jakobs, nutzen die Schmerzen der Beschneidung strategisch und hinterhältig aus: Sie forderten die Hiwiter auf, sich zu beschneiden. Dann, "am dritten Tage, als sie Schmerzen hatten, nahmen (sie) ein jeder sein Schwert und überfielen die friedliche Stadt und erschlugen alles, was männlich war". Als Waffe im Krieg setzten die makkabäischen Freischärler um Mattatias die Beschneidung ein
Zitat: "Sie beschnitten mit Gewalt die Kinder, die sie noch unbeschnitten fanden."

Blutbräutigam

2 Mose 4,24-26
Eine merkwürdige Episode, die darauf hinweisen könnte, dass einst Frauen die Beschneidung durchführten. Mose ist mit seiner Frau Zippora unterwegs – da begegnet er Gott, der ihn töten will. Die Gründe für Gottes Zorn sind im Unklaren; sie könnten darin liegen, dass Moses Frau Zippora die Tochter eines midianitischen Priesters ist und Moses Sohn Gerschom nicht beschnitten war. Sofort nach der göttlichen Drohung beschneidet Zippora ihren Sohn und berührte mit der Vorhaut Moses' Scham "und sprach: Du bist mir ein Blutbräutigam". Daraufhin ließ Gott von Mose ab. Die Geschichte lässt viele Fragen offen.
Zitat: "Sie sagte aber Blutbräutigam um der Beschneidung willen."

Künstliche Vorhäute

1 Makkabäer 1,11-16; Römer 2,25
Einmal beschnitten – immer beschnitten: Das Zeichen des Bundes ist nicht zu verbergen, sollte man meinen. Im zweiten Jahrhundert vor Christi haben einige Juden es geschafft. Sie wollten die "heidnische Lebensweise" wieder einführen. Mit Hilfe künstlicher Vorhäute machten sie ihre Beschneidung rückgängig und schlossen sich so aus dem Bund Gottes wieder aus. Auch ohne solche körperliche Veränderung kann die Beschneidung rückgängig gemacht werden, meint in neutestamentlichen Zeiten der Apostel Paulus: "Hältst du das Gesetz nicht, so bist du aus einem Beschnittenen ein Unbeschnittener geworden."
Zitat: "Sie stellten künstlich ihre Vorhaut wieder her und fielen vom heiligen Bund ab, passten sich den andern Völkern an und gaben sich dazu her, allen Lastern zu frönen."

Vorhäute als Brautpreis

1. Samuel 18,17-30
Ach, schöne mittelalterliche Zeiten, als für eine Braut "nur" eine Kuh oder zehn Ziegen gezahlt werden mussten. Um seine Angebetete Michal ehelichen zu dürfen, forderte deren Vater, Israels König Saul, nicht weniger als "hundert Vorhäute von Philistern" von David. Der seltsame Brautpreis lässt sich erklären: Saul meinte, David würde den Kampf gegen die Philister nicht überleben.

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Doch der kampferprobte David "zog hin mit seinen Männern und erschlug unter den Philistern zweihundert Mann". Die Schilderung der Prozedur der Leichenbeschneidung erspart uns die Bibel. Jedenfalls bringt David seinem künftigen Schwiegervater 200 Vorhäute, woraufhin dieser zähneknirschend seine Tochter David übergeben muss.
Zitat: "David brachte ihre Vorhäute dem König in voller Zahl, um des Königs Schwiegersohn zu werden."

Müssen Christen beschnitten sein?

Apostelgeschichte 15; Römer 2,26-29; Galater 5,6; Philipper 3,3-5; Kolosser 2,11
Muss ein Christ beschnitten sein? Das war in der Urchristenheit eine Frage, die fast zur Spaltung führte. Sie stellte sich, als sich die ersten Nichtjuden – "Heiden" – zum christlichen Glauben bekannten. Nach vielen Diskussionen und überzeugenden Argumenten des Apostels Paulus – selbst beschnittener Jude – spricht sich eine Apostelversammlung gegen den Zwang zur Beschneidung aus. Paulus meint, die Beschneidung sei nur ein äußeres Zeichen. "In Christus Jesus" hingegen zähle "weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist." Oder, aus einem anderen Blickwinkel: Jeder Christ ist beschnitten – "mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen geschieht… der Beschneidung durch Christus".
Zitat: "Wenn nun der Unbeschnittene hält, was nach dem Gesetz recht ist, meinst du nicht, dass dann der Unbeschnittene vor Gott als Beschnittener gilt?"

Lese-Tipp: Antje Yael Deusel: Mein Bund, den ihr bewahren sollt: Religionsgesetzliche und medizinische Aspekte der Beschneidung, Freiburg (Breisgau) 2012

Beschneidung
Die Sitte der Beschneidung von Männern war in vielen altorientalischen Völkern verbreitet. Der Hintergrund könnte hygienischer Natur sein; die Beschneidung wird mehrmals im Zusammenhang mit der "Unreinheit" einer Frau erwähnt. Demnach wäre die Beschneidung ein religiöses Reinigungsritual als Voraussetzung für die Aufnahme in eine Glaubensgemeinschaft.