Hohe Erwartungen im Hörsaal

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Foto: Cristian Baitg/iStockphoto

Woher kommt eigentlich die Vorstellung, die verbotene Frucht sei ein Apfel gewesen?

Hohe Erwartungen im Hörsaal
evangelisch.de-Redakteurin Juliane Ziegler geht wieder in die Uni. Ein Semester lang beschäftigt sie sich im Seminar "Basiswissen Bibel für Nicht-Theologen" mit dem Buch der Bücher.

Christian Stein beginnt nicht mit Adam und Eva – das Thema steht erst etwas später auf dem Lehrplan. Stattdessen startet mit er der Frage: "Warum seid ihr hier, mit welchen Erwartungen?“ Biblisches Wissen werde in ihrem Fach, der Literaturwissenschaft, vorausgesetzt, antwortet eine Studentin. "Die Heilige Schrift und deren Aussagen sind Allgemeinwissen!“ sagt ein anderer Student, man könne schließlich das Mittelalter nicht verstehen, ohne Lehren der Bibel zu kennen. Andere wollen biblische Erzählungen mit politischen Theorien verknüpfen, einen Bezug zur Gegenwart herstellen, oder einen Vergleich mit dem Koran ziehen. Der Einsteiger-Bibel-Kurs an der Universität Frankfurt richtet sich an Nicht-Theologen. Etwa fünfzig Stundenten zwischen dem ersten und dem fünften Semester haben sich hier eingefunden. Eine bunte Mischung aus Pädagogen, Politikwissenschaftlern, Germanisten, Philosophen; viele Studenten der Islamischen Studien sind gekommen, Studenten der Skandinavistik, der Kunstgeschichte oder der Südostasienwissenschaften. Und ich.

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 Zum zweiten Mal bietet Christian Stein, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet "Neues Testament“ und "Geschichte der Alten Kirche“ diese Veranstaltung im Rahmen des Programms "Starker Start ins Studium“ an: "Gewisse Entwicklungen kann man – vor allem in den Geisteswissenschaften – nicht verstehen, ohne die Bibel zu kennen“, meint er. Zum Beispiel die Kreuzzüge, die Auseinandersetzung zwischen Papst und Kaiser oder die apokalyptischen Bewegungen im Mittelalter – für letzteres müsse man das Buch Daniel gelesen haben. Laut Christian Stein fehlt dieses Bibel-Wissen heute zunehmend, "es hat sich aus der Gesellschaft rausgewaschen“.

Woher kommt die klassische Vorstellung der Weihnachtskrippe?

Also veranstaltet Christian Stein "Basiswissen Bibel“ im Fachbereich Evangelische Theologie: Ein Seminar über das grundlegende Glaubenszeugnis der Christen und die kulturelle Übernahme dieser Texte. Über die Erzählungen von Abraham, Saul, David, Salomo, Hiob. Die Schöpfungsgeschichte, die Sintflut, Jesu Tod am Kreuz, die Auferstehung, das Osterereignis, die Apostelgeschichte – darum wird es in den nächsten Wochen gehen. Falls Zeit bleibt, möchte Christian Stein auch der Rezeptionsgeschichte etwas Platz einräumen: "Zum Beispiel würde ich gerne, wenn wir die Weihnachtsgeschichte behandeln, mit den Studenten überlegen: Woher kommt eigentlich die Vorstellung der klassischen Krippe-Figuren?“ Schließlich würden Engel in nur einem Evangelium genannt, ein Ochse komme nirgends vor.

Von vornherein wollte Christian Stein die Themen anhand biblischer Figuren behandeln, zu jeder wichtigen Figur plante er eine Sitzung. Dabei wurde ihm erneut deutlich: Im Alten Testament tauchen viel mehr Personen auf, als im Neuen Testament. Und schließlich musste er sich begrenzen: Es schien unmöglich, zu jedem wichtigen biblischen Charakter eine Sitzung vorzubereiten. Dennoch, die Figuren seien es, die in anderen Medien auftauchten, in Büchern, in Filmen.

Exegese, Genese, Apokryphen

In der Einführungsveranstaltung, die sich mit dem Gesamtwerk Bibel beschäftigt, lernen wir, dass die Bibel eine Sammlung ist aus verschiedenen Textarten, aus Briefen, historischen und mythischen Erzählungen, Gleichnissen, Psalmen, Spruchsammlungen, Gebeten und Geboten, eingeteilt in Altes und Neues Testament. Die einzelnen Texte seien erst im vierten Jahrhundert nach Christus zu dem Kanon zusammengefasst worden. Begriffe wie "Exegese“ und "Genese“ fallen – "Textauslegung“ und "Entstehung“. Schon bald taucht ein unbekannter Begriff auf: Was bedeutet "apokryph“? "Apokryphen“, so lerne ich, sind christliche Texte des Alten Testaments, die jedoch nicht auf Hebräisch vorlagen und daher von Luther nicht in den biblischen Kanon aufgenommen wurden. In manchen Bibel-Ausgaben werden sie nicht abgedruckt, in manchen im Anhang aufgeführt als "nützliche“, jedoch nicht "heilige“ Schriften - auch diese Unterscheidung geht auf Luther zurück.

Wie will Christian Stein die Erwartungen der Studierenden an das Seminar, die er zu Beginn des Seminars abgefragt hat, erfüllen? "Das wird ein Spagat, ein wenig bereitet es mir Kopfzerbrechen“, sagt Christian Stein. Die Geschichte des Christentums wird nicht behandelt werden, Fragen wie "Was ist der Unterschied zwischen evangelisch und katholisch? Und was ist eigentlich orthodox?“ oder "Wie ist die Kirche aufgebaut?“ ebenso wenig. Stattdessen liegt der Fokus, so Christian Stein, ganz klar auf der Bibel: "Wir konzentrieren uns zunächst allein auf den Text“, betont er, "nicht auf die Religion oder den jeweiligen Glauben!“

Ob ich im Laufe des Seminars einen anderen Bezug zu den Bibeltexten finden werde? Oder neue Anregung bekomme, über die Bibel nachzudenken?