"Wittenberg ist noch nie so dynamisch verändert worden"

Foto: epd-bild/Steffen Schellhorn
Bewegung in Wittenberg: Nach einer Restaurierung kehrten die Denkmäler von Luther und Melanchthon vor zwei Jahren auf ihre Sockel auf dem Marktplatz von Wittenberg zurück.
"Wittenberg ist noch nie so dynamisch verändert worden"
Im Jahre 2017 wird das 500. Reformationsjubiläum begangen. Zentraler Ort der Feierlichkeiten wird die Lutherstadt Wittenberg sein, wo die Reformation ihren Ausgangspunkt nahm. Der Evangelische Pressedienst (epd) sprach mit Oberbürgermeister Eckhard Naumann (SPD) über die hohe Pastorendichte in der Stadt, Luther-Müde und die konkreten Planungen für das Jubiläumsjahr.
31.10.2012
epd
Jens Büttner

Wie leben Luther und sein Erbe heute noch in Wittenberg?

Naumann: Ich denke, wir gehen respektvoll mit dem Erbe der Reformation um. Es gibt ein starkes Miteinander derer, die das Erbe verwalten. Die Wittenberger selbst sind stolz auf ihre Stadt und auf den berühmten Sohn. Mit dem Namen Lutherstadt wird immer wieder an die Geschichte der Stadt erinnert. Die Wittenberger haben daher ein gewisses Selbstbewusstsein, was das Besondere an dieser relativ kleinen Stadt ist. Aber natürlich gibt es gelegentlich auch Stimmen, dass es doch noch etwas anderes gäbe als Luther.

Was bedeutet der Stadt das historische Erbe?

Naumann: Die Reformation und die Persönlichkeiten Luther, Melanchthon und Cranach sind Welterbe. Und die Stadt ist so etwas wie ein Schatzverwalter - es gehört uns nicht, aber wir verwalten es. Und zu diesem besonderen Anlass 2017 wollen wir den Schatz natürlich besonders gut präsentieren und uns selbst gut darstellen als Verwalter, der seiner Aufgabe gerecht wird.

Wittenbergs Oberbürgermeister Eckhard Naumann. Foto: Lutherstadt Wittenberg.

Was tut die Stadt konkret, um sich auf das Jubiläum vorzubereiten?

Naumann: Der Gedanke der Lutherdekade ist mit aus der Stadt heraus entwickelt worden. Uns allen hier ist klar, dass die Stadt und wir alle völlig überfordert wären, wenn wir ein Jahr vorher anfangen würden, uns auf das Jubiläum vorzubereiten. Allein schon für die Infrastruktur braucht man Jahre. Hinzu kommt, dass das Thema 500 Jahre Reformation ganz viele Facetten hat, die in alle gesellschaftlichen Bereiche hineinwirken. Die Dekade führt deshalb dazu, dass die Belastungen und Erwartungen nicht schlagartig über uns hereinbrechen. Infrastrukturell gehört für uns zur Vorbereitung natürlich, die Reformationsgedenkstätten in einen dem Jubiläum angemessenen Zustand zu bringen und die städtische Infrastruktur sicherzustellen.

Wie werden die zahlreichen nach Wittenberg kommenden evangelischen Theologen von der Stadtbevölkerung aufgenommen - angeblich stehen ja inzwischen 3.500 Innenstadtbewohnern mehr als 50 evangelische Theologen gegenüber?

Naumann: Ob es so viele sind weiß ich nicht. Die Theologen erkennt man ja nicht auf der Straße, weil sie nicht ständig mit einem Heiligenschein herumlaufen, sondern sie sind Bürger. Sie bringen ein engagiertes und intellektuelles Potenzial in die Stadt ein. Ich habe noch nie gehört, dass jemand gesagt hätte, wir hätten hier zu viele Pfarrer. Wittenberg hat aber sicherlich schon eine außergewöhnlich hohe Pastorendichte - anderswo betreut ein Pfarrer 20 Gemeinden und hier sind es doch weitaus mehr.

Wie nehmen Sie die Bevölkerung "mit" bei der Vorbereitung von Luther 2017 - was ist an Aktivitäten in Zivilgesellschaft, regionaler Wirtschaft etc. spürbar?

Naumann: Bei den Vorbereitungen immer alle auf den neuesten Stand zu bringen und zu halten, ist eine große Aufgabe, zumal 80 Prozent unserer Bevölkerung nicht kirchlich gebunden sind. Inzwischen gibt es aber eine Reihe von Formaten wie Bürgerforen, Baustellenbesichtigungen oder Informationen im Internet, mit denen wir das realisieren. Besonders aber auch mit dem Stadtfest "Luthers Hochzeit". Das ist so etwas wie "Luther zum Anfassen", zu dem sich viele städtische Vereine ganz aktiv mit einbringen. Die Einwohner erleben dabei, dass kein christliches Bekenntnis von ihnen erwartet wird. Es gibt zudem ein wachsendes Verständnis innerhalb der Stadt, dass dieser Ort für viele Menschen in der Welt aus religiösen Gründen wichtig ist.

"Hier war ein Stück heiliger Geist mit im Spiel"

Wie laufen die konkreten Vorbereitungen auf 2017?

Naumann: Bis Anfang der 90er Jahre war Wittenberg für die EKD und die Landeskirchen eher ein Ort unter vielen. Luther habe nicht gegen Rom gewettert, damit wir jetzt ein protestantisches Rom errichten, war gelegentlich zu hören. Mit Blick auf das näher rückende Reformationsjubiläum und die Erfahrung, dass der Ort Wittenberg von außen mit einer ganz anderen Wertigkeit betrachtet wurde als von innen, gab es einen Sinneswandel. Konkret sanieren wir die Schlosskirche, das Schloss wird weiter gebaut und zur Heimat des Predigerseminars. Zudem wird es ein Empfangszentrum für das Welterbe Schlosskirche und eine reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek geben. Hinzu kommt ein Neubau für die Seminaristen und die Stiftung Luthergedenkstätten kann das Augusteum nutzen. Wir als Stadt werden zudem ein neues Stadtmuseum bekommen. Stadtgeschichte wird sich dann erstmals in Augenhöhe mit der Reformationsgeschichte präsentieren. Hinzu kommen natürlich die Sanierung des Bahnhofes und die Schaffung von Parkplätzen. Ich glaube, die Stadt Wittenberg ist noch nie so positiv dynamisch verändert worden.

###mehr-artikel###Wie gestaltet sich das Zusammenwirken von kirchlichen und staatlichen Akteuren?

Naumann: Diese enormen Veränderungen sind nur möglich, weil sich EKD, die Union Evangelischer Kirchen (UEK), die einzelnen Landeskirchen, die Akteure vor Ort, der Bund, das Land und die Stadt in selten produktiver Weise gefunden haben. Hier war ein Stück heiliger Geist mit im Spiel. Man kann das nicht einfach organisieren. Wie bei allen großen Vorhaben sind Euphorie und Optimismus am Anfang natürlich groß und dann kommen die Mühen der Etappe. Ich hoffe, dass uns der heilige Geist nicht verlässt.

Wie arbeiten Sie bei der Vorbereitung des Jubiläums mit den anderen Lutherstätten zusammen, also etwa Eisleben, Eisenach, Erfurt und Mansfeld?

Naumann: Wir haben lange und vielfältige Kooperationen mit den anderen Luthergedenkstätten. In dem Maße, wie das Thema 500 Jahre Reformation ins Bewusstsein kommt, gibt es immer mehr Interessenbekundungen von anderen Städten, mit uns zusammen zu arbeiten. So hat sich etwa gerade ein Netzwerk "Städte der Reformation in Brandenburg" gebildet, mit Städten wie Treuenbrietzen, Jüterbog und Herzberg. Und die klassischen Verbindungen bestehen natürlich nach Eisleben, Erfurt, Eisenach und Torgau. Allerdings will ich bei aller Akzeptanz für die Bedeutung der anderen Stätten auch betonen, für das Reformationsjubiläum 2017 ist Wittenberg der entscheidende Ort. 

"Die Welt kam nach Wittenberg zurück"

Ist Luther 2017 schon jetzt ein spürbarer touristischer Faktor?

Naumann: Ja, aber es lässt sich nicht quantifizieren, weil die Besucher in der Regel nicht gefragt werden, ob sie wegen Luther, der schönen Stadt oder aus anderen Gründen kommen. Unsere Tourismusexperten berichten aber von einem Anstieg, den sie nicht erwartet hatten. Das betrifft Stadtführungen, Gaststätten und Übernachtungen. Dies wird auch im Stadtbild oder in den Gottesdiensten deutlich. In unseren Kirchen sind zunehmend Gäste von außerhalb bei Gottesdiensten und Konzerten.

###mehr-links###Was wird von Luther 2017 in Wittenberg bleiben?

Naumann: Es bleibt das Erlebnis eines großen Jahres übrig, wo deutlich wurde, dass die Welt nach Wittenberg gekommen ist. Die Reformation ging aus dieser kleinen Stadt raus in die Welt und die Welt kam nach Wittenberg zurück. Wenn dieses Erlebnis bei vielen da ist, dann wäre das ganz prima. Zweitens hoffe ich, dass die Stadt Wittenberg und die Wittenberger das Gefühl haben, sie waren gute Gastgeber - ohne Skandale und ohne unangenehme Erscheinungen. Und für die Monate und Jahre nach 2017 hoffe ich, dass dieser Prozess 500 Jahre Reformation nicht wieder in den Aktenschrank getan wird, sondern dass das Bewusstsein für die Reformation, ihre Wirkungen und Botschaften und das Interesse, darüber vor Ort nachzudenken, weiter lebendig bleibt.