Die Luft ist raus

Foto: photocase/Andreas Siegel
Die Luft ist raus
Deutschland ist bei der Fußball-Europameisterschaft ausgeschieden. Die Enttäuschung ist riesig. Der Niederlage von Jogis Jungs lässt sich kaum etwas Positives abgewinnen. Oder doch?

Es ist ein Schock, der tief sitzt. Die deutschen Fußballfans hatten mit ihrer Mannschaft gezittert, gejubelt, gehadert – und doch geglaubt, dass es das Team zumindest bis ins Finale schaffen könnte. Und nun das Aus gegen Italien, 1:2 gegen den herbeigeredeten "Angstgegner". Wie geht man damit um? Viele Tränen sind geflossen am Donnerstagabend. Wenn Emotion und Anspannung zu groß werden, brechen sich gestaute Gefühle ihre Bahn. Unter Schock werden manche Menschen ganz still, andere neigen zur Aggression. Der Frust muss raus.

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Aber wohin? In großen Glücksmomenten, sagen die Chemiker, setzt der Körper Endorphine frei: Jubel, Trubel, Heiterkeit. Was aber wird im Moment der Niederlage ausgeschüttet, außer das Bier der umgekippten Flasche? Ist nur die Depression echt, und die Euphorie künstlich, wie Wolfgang Ambros einst sang? Ganz so ist es nicht. Die Freude über das Spiel bleibt wertvoll, auch wenn es verloren wurde. Das Ergebnis ist nicht das einzige, was zählt. Reichtum bemisst sich nicht nur am Geld.

Es wird Zeit für andere Dinge

Dennoch bleibt ein Verlust, der im ersten Moment nicht fassbar ist. Tagtäglich erleiden wir Niederlagen, kleine und große. Wo stecken wir sie hin, was machen sie mit uns? Können wir sie einordnen, vielleicht auch etwas Positives in ihnen entdecken? Heute morgen, beim Aufstehen, schmerzt die Erinnerung an das Ausscheiden der deutschen Elf noch sehr. Sie schmerzt so wie ein schwerer Kopf. Und morgen? Übermorgen? Das Mitfiebern ist vorbei. Wir erhalten Zeit für anderes geschenkt. Wir füllen die Leere.

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Und wir reden mit unseren Freunden, verarbeiten, hängen dem Spiel noch ein wenig nach. War das gerecht? Möge der Bessere gewinnen? Wir lernen, dass es neben Gott nicht auch noch einen Fußballgott gibt. Keinen, der für Gerechtigkeit auf dem Platz sorgt. Das Leben ist nun einmal so. Dafür macht es uns Freude. Für das schöne deutsche Wort "Glück" gibt es im Englischen zwei Begriffe: Glück im Spiel heißt "luck". Glück im Leben heißt "happiness".

Das Glück im Leben – Freude, Gesundheit, Liebe – ist viel wichtiger. Und auch wenn die Luft raus ist: Sie ist dem Ball entwichen, aber weg ist sie nicht. Irgendwo wird sie weiter ein- und ausgeatmet. Mit dem Sauerstoff, den sie transportiert, hilft sie dem Leben. Wenn also bei uns die Luft raus ist, kann uns das frei machen für die Dinge, die wirklich wichtig sind.