"Stahlwerke brauchen wir auch übermorgen noch"

"Stahlwerke brauchen wir auch morgen noch" - DIHK Hauptgeschäftsführer Wansleben warnt vor Öko-Dirigismus

Foto: dpa/Oliver Berg

"Stahlwerke brauchen wir auch übermorgen noch"
Für Skepsis am Wirtschaftswachstum hat Martin Wansleben wenig übrig. Auch vor einer Unterscheidung in "gute" und "böse" Industrien warnt der Spitzenvertreter des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Der Kölner Volkswirt ist überzeugt, dass sich die meisten Unternehmen ihrer Verantwortung über das Werkstor hinaus stellen. Wansleben (53), katholisch, vertritt über den Dachverband der 80 Industrie- und Handelskammern in Deutschland etwa 3,6 Millionen Firmen der gewerblichen Wirtschaft.

Herr Wansleben, der Schutz der Umwelt geht alle an. Wozu wollen sich Industrie und Handel beim "Rio+20"-Gipfel verpflichten?

Martin Wansleben: Es ist gut, dass sich in Rio nicht nur Gutmenschen treffen, sondern dass man sich konkret über Wirtschaft unterhält. Die Erfahrung zeigt, dass Wandel durch Handel etwas bewirkt. Das sieht man zum Beispiel an China, Indien und einigen afrikanischen Ländern, in denen zwischenzeitlich die wirtschaftliche Entwicklung zu erheblich besseren Lebensbedingungen geführt hat. Nun muss man überlegen, wie nachhaltige Entwicklung möglich wird. Es ist Teil unserer Kultur, dass wir uns mit Korruptionsbekämpfung, Ausbildung, Menschenrechten und dem Schutz der Arbeitnehmer in Fabriken beschäftigen. Viele deutsche Firmen sind in ihren ausländischen Standorten Vorreiter.

Ganz konkret: Was haben die Unternehmer im Gepäck, die nach Rio reisen?

Wansleben: Es ist gut, dass die Zeit vorbei ist, als die Gönner der Ersten Welt auf die Bedürftigen der Dritten Welt stießen und ihnen Geld gaben. Mit der Schuldenkrise in Europa wird deutlich, dass wir auch nicht immer alles besser wissen. Die Unternehmen haben daher im Gepäck, dass es Sinn macht, mit Demut aufzutreten und ihre Gegenüber als Partner anzusehen, ganz gleich woher sie kommen.

Also eine Begegnung auf Augenhöhe. Aber welche Beiträge können denn die Unternehmen anbieten, um eine ökologischere und gerechtere Welt zu erreichen?

Wansleben: Wir haben technische Kompetenzen im Gepäck, etwa um Energie effizienter einzusetzen, Wasser zu reinigen und zu sparen oder die Luft sauber zu halten. Mit der dualen Ausbildung haben wir in Deutschland ein Bildungssystem, das sehr stark in die Breite wirkt. Und viele deutsche Mittelständler haben wie kaum andere auf der Welt die Erfahrung, wie man Familienunternehmen führt und gleichzeitig weltweit präsent ist.

"Energiesparen kann man in allen Branchen"

Wie steht die deutsche Wirtschaft zum Konzept einer Green Economy?

Wansleben: Wir finden es richtig, dass Wirtschaft ganz klar als Teil der Lösung für eine zukunftsfähige Welt tituliert wird. Die Wirtschaft stellt sich hier ihrer Verantwortung.

Zu dem Konzept gehört, Subventionen in "schmutzige" Industrien zu streichen, und Investitionen in "saubere" Technologien zu lenken.

Wansleben: Der Ökonom sagt zunächst einmal: Vorsicht! Wer entscheidet denn, was zukunftsfähige Technologien oder Branchen sind? Wer sitzt da am Joystick? Das fragt auch Bundespräsident Joachim Gauck. Wer hat eigentlich das Wissen, um ins Leben oder Wirtschaften einzugreifen? "Weg mit Subventionen" und "Förderung von Zukunftstechnologien" sind Schlagworte, die häufig am Problem vorbeigehen. Stahlwerke brauchen wir auch übermorgen noch, mit Carbon-Fasern allein wird es nicht gehen, schon allein wegen der Kosten. Etwas anderes ist das Energiesparen. Das kann man in allen Branchen machen.

Was ist also Ihre Antwort auf die Forderung nach Umsteuern in Richtung "grüne Wirtschaft"?

Wansleben: Meine klare Antwort ist, dass wir ein weltweites Bewusstsein für Nachhaltigkeit stärken müssen. Es geht um die Verantwortung über das Werkstor und über den Tag hinaus. Das entspricht auch unserer Kultur, die meisten Unternehmen leben das. Ich warne vor einer Unterscheidung in gute und böse Industrien. Das führt am Ende zu nichts Gutem.

"Das Beste ist, der Kunde entscheidet"

Stichworte Energiewende: Ist es aus Ihrer Sicht sinnvoll, Höchstwerte festzulegen, etwa für den Stromverbrauch bei Elektrogeräten?

Wansleben: Im Moment denkt die Politik viel zu stark in Direktiven. Das Beste ist, der Kunde entscheidet - und treibt so die Energiewende voran. Wir sehen doch gerade bei der Schuldenkrise in Europa, wie sehr Direktiven offensichtlich gerade dazu einladen, unterlaufen zu werden.

Wie steht die deutsche Wirtschaft zu der Forderung, vom Ziel des Wirtschaftswachstums Abstand zu nehmen, um die Umwelt zu schonen? 

Wansleben: Zurzeit wird ja wieder sehr auf Wachstum gesetzt, um die europäische Schuldenkrise zu bewältigen. Wir sollten Wachstum nicht per se verteufeln. Wir müssen auf Ausbildung, Fortschritt und bei der jüngeren Generation vor allem auf Neugier setzen. Verbote und Verzicht auf Wachstum führen letztlich in die Armut.