Rückschlag für das Fair-Trade-Siegel

Rückschlag für das Fair-Trade-Siegel

Foto: epd-bild / Norbert Neetz

Rückschlag für das Fair-Trade-Siegel
Schokolade, Honig oder Kaffee mit dem Siegel für fairen Handel begegnen dem Kunden vielerorts. Dass das so ist, liegt in hohem Maße an der Fair-Handels-Organisation GEPA. Doch die will das Logo jetzt kaum mehr nutzen.

Fairer Kaffee ohne Siegel: Deutschlands größte Fair-Trade-Organisation, GEPA, will bei den meisten Waren auf das blau-grün-schwarze Gütezeichen verzichten. Nach wie vor seien alle Produkte fair gehandelt, erläutert Geschäftsführer Thomas Speck. "Doch wir wollen die Marke GEPA in den Mittelpunkt stellen." Was bei dem Unternehmen als "richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt" gilt, stößt bei anderen auf weniger Gegenliebe.

Verbraucherschützer fürchten sinkende Kundenorientierung

Negative Reaktionen kommen vor allem von Verbraucherschützern. Sie fürchten, dass der bereits unübersichtliche Markt für mehr oder weniger nachhaltig, ökologisch und sozial angebaute oder gefertigte Waren weiter "zerfleddern" könnte. "Die hohe Bekanntheit dieses Siegels kommt dem Informationsbedürfnis der Verbraucher entgegen", sagt Georg Abel von der Verbraucher Initiative. Kunden suchten Orientierung, eine weitere Diversifizierung stifte hingegen Verwirrung. Denn vor allem Großunternehmen wie Kraft, Chiquita, Tchibo oder Nestlé verwenden zunehmend Siegel wie "Rainforest Alliance" oder "CCCC", denen wesentlich weniger strenge Kriterien zugrunde liegen.

Die Entwicklungsorganisation Oxfam fürchtet einen Schaden für das Fair-Trade-Siegel und letztlich für die Produzenten. "Jedes Produkt mit Siegel trägt zur Bekanntheit und Verbreitung bei", erläutert die Arbeitsrechtsexpertin der Organisation, Franziska Humbert. Den Kleinbauern in Afrika, Asien und Lateinamerika sei nur durch eine größtmögliche Ausbreitung der Produkte geholfen.

Studien zufolge kennen etwa zwei Drittel der Verbraucher das Fair-Trade-Siegel. Insgesamt 400 Millionen Euro gaben Konsumenten in Deutschland 2011 für Waren aus fairem Handel aus, im Vergleich zum Vorjahr ein Zuwachs um 18 Prozent. Dabei machten Artikel mit Fair-Trade-Siegel rund 80 Prozent des Umsatzes aus. Die Produzenten "fairer" Waren erhalten unter anderem stabile Mindestpreise, die meist über dem Marktpreis liegen, und langfristige Verträge, zudem gelten soziale und ökologische Standards.

"Die Verbraucher können nicht Hunderte von Kriterien von unterschiedlichen Firmen lernen, das kann man nicht erwarten", sagt auch Claudia Brück, Sprecherin des Vereins Transfair, der das Fair-Trade-Siegel an Importeure und Händler vergibt. Dass Transfair die Entscheidung der GEPA bedauert, wundert nicht. Schließlich gründete die Handelsorganisation Transfair mit und war seit Einführung des Siegels 1992 Zugpferd und lange Zeit unverzichtbar.

Ohne Siegel fair und über Mindeststandards hinaus

GEPA-Geschäftsführer Speck beschwichtigt denn auch: "Noch vor fünf Jahren hätten wir so eine Entscheidung nicht getroffen, weil wir Transfair gefährdet hätten." Die Organisation sei jedoch sehr gewachsen, der Schritt deshalb möglich. Außerdem behielten die Artikel des sogenannten Einstiegssortiments, die günstiger und vor allem in Supermärkten zu kaufen sind, das Siegel. Die Waren, die in den Weltläden verkauft würden, bräuchten kein Siegel, weil dort ohnehin alles aus fairem Handel stamme.

"Wir sehen die Transfair-Kriterien als Mindeststandards", erläutert Speck. Die GEPA versuche Produzenten und Kunden mehr zu bieten. Vor allem in der Qualität wolle sich die Handelsorganisation von anderen Lizenznehmern absetzen. Zwar hätten Siegelvergaben wie die für Produkte des Discounters Lidl keine Rolle gespielt bei der Entscheidung, das Logo weniger zu nutzen. "Aber man kann sich fragen, welches Image das Siegel bekommt."

Ähnlich argumentiert Stefan Bockemühl, Geschäftsführer der Handelsorganisation El Puente, die das Siegel nicht nutzt und ausschließlich Weltläden beliefert. Die Entscheidung der GEPA könne zum Bewusstsein beitragen, dass auch Produkte ohne Siegel fair gehandelt sein können. "Es ist auch wichtig zu kommunizieren, dass es Firmen gibt, die zu 100 Prozent fair sind." Andererseits würden Produkte zertifiziert, die von den ursprünglichen Kriterien des fairen Handels abwichen, so wie Tee von privaten Plantagen statt aus kleinbäuerlicher Landwirtschaft. "Das Siegel ist sinnvoll, vor allem im Supermarkt, es hat den fairen Handel bekannt gemacht", betonte Bockemühl. "Aber die Kriterien wurden mehr und mehr aufgeweicht, je größer Transfair wurde."

Die GEPA will weiter mit Transfair zusammenarbeiten, wie Speck betont. "Wir wünschen, dass Transfair seine im Vergleich hohen Standards fortsetzt trotz der Konkurrenz anderer Siegel." Transfair-Sprecherin Brück erinnert daran, dass der Marktanteil einiger Produkte aus fairem Handel noch unter einem Prozent liege. "Wir müssen alle zusammen dafür sorgen, dass sich das ändert."