Viel "Schnee von gestern" - Hilfswerke kritisieren Entwicklungspolitik

epd-bild/WFP/Phil Behan

Schulkinder beim Mittagessen in einem Schul-Ernährungzentrum in Niger. Kritiker fordern ein "stimmiges Gesamtkonzept" in der Entwicklungspolitik, das global wirken kann und sich nicht nur auf einzelne Länder konzentriert.

Viel "Schnee von gestern" - Hilfswerke kritisieren Entwicklungspolitik
Das Modell "reicher Norden, armer Süden" stimmt bald nicht mehr. Schon heute lebt der Großteil der ärmsten Menschen weltweit in Schwellenländern. Da sind neue globale Konzepte gefordert, monieren Kritiker der Bundesregierung.

Die Deutsche Welthungerhilfe und das Kinderhilfswerk terre des hommes haben die staatliche Entwicklungspolitik Deutschlands kritisiert. Es fehle ein stimmiges Gesamtkonzept, heißt es in einer am Dienstag in Berlin vorgestellten Analyse. Die starke Orientierung auf die direkte Entwicklungszusammenarbeit mit einzelnen Ländern und die Überbetonung der Kooperation mit deutschen Unternehmen seien Signale in die falsche Richtung.

Entwicklungsziele für einzelne Entwicklungsländer zu definieren, sei "Schnee von gestern", sagte die terre-des-hommes-Vorstandsvorsitzende Danuta Sacher. Entwicklungsziele müssten künftig für die gesamte Weltgemeinschaft bestimmt werden, mit Verzicht auf der einen und Zuwächsen auf der anderen Seite. Die deutsche Entwicklungspolitik müsse stärker als bisher global eingebettet werden.

Globale Veränderungen

"Wir befinden uns an der Schwelle neuer Unübersichtlichkeiten mit einer Verschiebung von Machtkonstellationen", sagte Sacher. Das Modell "reicher Norden, armer Süden" bröckele. Der Generalsekretär der Welthungerhilfe, Wolfgang Jamann, sprach von neuen geopolitischen Realitäten, einhergehend mit einer Veränderung der "Entwicklungshilfe-Architektur". Neue "Player" wie China, Brasilien oder Indien träten auf den Plan und wollten mitreden.

Prognosen zufolge werden sich in 30 Jahren von den heutigen klassischen Wirtschaftsmächten nur noch die USA unter den sieben wirtschaftsstärksten Ländern befinden, sagt Sacher. Zudem würden 57 Prozent des weltweiten Bruttosozialproduktes dann von Ländern erwirtschaftet, die keine Mitglieder der OECD (Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) und damit keine Industrienationen seien.

Bereits heute lebe die Mehrheit der mehr als eine Milliarde Menschen in absoluter Armut nicht mehr in den ärmsten Ländern, sondern nach Angaben der Weltbank zu 70 Prozent in Ländern mit mittleren Einkommen wie Indien, China, Brasilien oder Indonesien. Viele der wirtschaftlich boomenden Länder ließen große Teile ihrer Bevölkerung in Armut zurück, kritisierte Jamann.

Neue Konzepte in der Entwicklungspolitik

"Die Frage wird sein, welche Rolle werden Deutschland und der Norden künftig in der Entwicklungspolitik spielen?", sagte der Generalsekretär der Welthungerhilfe. Dafür würden neue Konzepte benötigt. Beide Organisationen fordern von Bundesregierung und Entwicklungsministerium deshalb ein Umsteuern.

Statt in einzelne Infrastrukturprojekte zu investieren, müsse der Fokus auf der Stärkung der jeweiligen Zivilgesellschaft liegen, die sich für einen gerechten Wohlstand in ihrem Land einsetze. Zudem müsse Entwicklungspolitik als Querschnittsaufgabe globaler Strukturpolitik auch stärker von der Wirtschafts- und Außenhandelspolitik beachtet werden. Der Bericht "Die Wirklichkeit der Entwicklungspolitik" als "Schattenbericht" zur offiziellen Entwicklungshilfe wird seit 1993 jährlich von den beiden Hilfswerken erstellt.