Die Bibel jetzt auch auf Inuktitut

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Beim Nordlicht über der Arktis können auch die kanadischen Inuit demnächst in ihrer Muttersprache Inuktitut die Bibel lesen.

Die Bibel jetzt auch auf Inuktitut
Wie übersetzt man eine Bibel für Ureinwohner im arktischen Norden? Diese kennen keine Worte für "Hirte" oder "Kamel". Die Aufgabe wurde gelöst, die Heilige Schrift gibt es jetzt auf Inuktitut.

Atausiq, Malruk, Pingasut, Sitamat. So zählt man auf Inuktitut von eins bis vier, der Sprache der Inuit-Ureinwohner in Kanada. Sie leben in Nunavut, einem zwei Millionen Quadratkilometer riesigen Territorium im arktischen Norden Kanadas, wo die Durchschnittstemperatur selbst im Sommer nur zehn Grad erreicht. Anfang Juni feiern die Inuit ihre Sprache - mit der Heiligen Schrift: In Nunavuts 7.000 Einwohner zählenden Hauptstadt Iqaluit wird am 3. Juni die Bibel erstmals auf Inuktitut vorgestellt.

Die Bibel ist das Übersetzungswerk von Inuit-Pastoren, darunter dem Geistlichen Andrew Atagotaaluk, dem Bischof der anglikanischen Diözese der Arktik. Diese umfasst Nunavut und nochmal zwei Millionen Quadratkilometer Land und Eis und ist die wohl größte Diözese der Welt.

Das Projekt sei ein Novum, berichtete die Kanadische Bibelgesellschaft in Kitchener (Provinz Ontario), Verlegerin der Inuktitut-Bibel: Erstmals hätten nicht Missionare den Text übertragen, sondern Muttersprachen-Übersetzer, Menschen, die selber Inuktitut sprechen. In ganz Nunavut, wo Inuktitut Amtssprache ist, leben nach kanadischen Regierungsangaben 31.000 Menschen. Geschätzte 2.000 von ihnen, vor allem Senioren, sprechen nur Inuktitut. Nunavut wurde 1999 als Territorium geschaffen, in dem die Inuit ihre Angelegenheiten weitgehend autonom gestalten können.

Zwangsmissionierung in Internaten

Die Bedeutung einer Bibelübersetzung sei kaum zu überschätzen, erklärt der Direktor für Bibelübersetzungen bei der Kanadischen Bibelgesellschaft, Hartmut Wiens. Die Muttersprache berühre die Herzen der Menschen eben ganz besonders. Und Nunavut sei eine ausgesprochen christliche Region. Nirgendwo sonst in Kanada seien die Kirchgängerzahlen so hoch, sagte Wiens dem epd.

Dass die Kirchen jetzt so viel zur Wiederbelebung einer kanadischen Ureinwohnersprache tun, kann wohl auch als ein Stück Wiedergutmachung gelten. Anfang und Mitte des vergangenen Jahrhunderts waren Kirchen an Repressionen gegen die Ureinwohner beteiligt. Kanada verfolgte damals eine rassistische Politik. Ziel war es, "den Indianer aus dem Indianer" zu vertreiben, insbesondere bei Kindern aus gemischten Ehen zwischen Inuits und Weißen.

Insgesamt 150.000 Kinder wurden zu diesem Zweck zwangsweise in Internate geschickt, wo sie getrennt von ihren Eltern bis zu zehn Monate im Jahr zubrachten. Die Heime wurden im Auftrag der Regierung von Kirchen gemanagt. Die Kinder mussten Englisch oder Französisch sprechen, und sie wurden angehalten, ihre traditionellen Bräuche und Glaubensformen abzulegen und sich dem christlichen Glauben zuzuwenden.

Entschuldigung und Entschädigung erst 2008

Erst 2008 hat sich die Regierung für diese Zwangsmaßnahmen und das Auseinanderreißen der Familien entschuldigt. Die Internatskinder erhielten eine Entschädigung. Auch die anglikanischen und presbyterianischen Kirchen haben ihre Beteiligung öffentlich bedauert und Entschädigung gezahlt. Papst Benedikt XVI. beklagte 2009 die "bedauernswerten" Zustände in den römisch-katholischen Heimen.

Die soziale Lage in Nunavut ist deutlich schlechter als im restlichen Kanada. Die Lebenserwartung ist nach Regierungsangaben etwa zehn Jahre niedriger, Suizidraten sind hoch und Probleme wie häusliche Gewalt weit verbreitet. Ein aktueller Regierungsbericht warnt auch vor dem drohenden Rückgang der Sprache Inuktitut. In der Mehrzahl der Haushalte in Nunavut wird zwar noch Inuktitut gesprochen. Wolle sie fortleben, müsse sich die Sprache dem Lebensstil der jungen Menschen anpassen, und das Bildungswesen müsse verbessert werden, heißt es in dem Bericht.

Die Bibel kann zur Spracherhaltung beitragen

Nach Ansicht von Wiens tragen Bibelübersetzungen oft zum Erhalt einer Sprache bei. Bei der Inuktitut-Bibelübersetzung hatten die Übersetzer mit beträchtlichen Problemen zu kämpfen, berichtete einer der Mitarbeiter, Pastor Jonas Allooloo, in der kanadischen Tageszeitung "National Post". So fehle in Inuktitut zum Beispiel der Begriff "Hirte", da es im hohen Norden keine Nutztiere gebe, die von Hirten versorgt werden müssten. Auch in der Bibel genannte Baumarten seien den Inuits fremd, lebten sie doch nördlich der Waldgrenze - vom Kamel erst gar nicht zu reden.